Presencing Gedankenspiel: Die Welt mit Corona

Corona hat das Potenzial, unserer Gesellschaft ihre ungenutzten Potenziale vor Augen zu führen und eine Zeitenwende einzuläuten. Dazu gehen wir gedanklich in die Zukunft, den September 2020, und schauen auf heute zurück.

 

Die Welt wird nach - oder besser mit - Corona nicht mehr so sein, wie sie vorher war.  Sie wird mit gewohnten Denkweisen gebrochen haben. Dahinter fügt sich eine neue Welt von Möglichkeiten zusammen, von deren Formung zumindest eine Ahnung entsteht. Dafür bietet uns der sich selbst so ernannte "Zukunftsforscher" Matthias Haux ein Gedankenspiel mittels Presencing Technik [1] an, die uns durch ihre visionäre Kraft in diesen Tagen der sich immer schneller verschärfenden Corona-Krise Mut machen kann.[2] Gehen wir also in den September 2020 und schauen von dort aus auf heute, den März 2020, zurück.

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre führten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Paradox - die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, erzeugte gleichzeitig eine neue Nähe. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst. Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher immer mehr vermissten, stieg an. Jetzt im Herbst 2020 herrscht bei Fußballspielen eine ganz andere Stimmung als früher, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. 

Wir werden uns wundern, wie schnell sich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten, stellten sich als praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet Teaching. Das Homeoffice wurde für Viele selbstverständlich. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonieren hervor. Man kommunizierte wieder wirklich. Es entstand eine neue Erreichbarkeit und Verbindlichkeit. Menschen, die vor Hektik nie zur Ruhe kamen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge und lasen Bücher.

Wir werden uns wundern, wie die Krise alte Phänomene auflöste. Sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, ist plötzlich reichlich out. Die Übertreibungs- und Angst-Hysterie, Fake News und Verschwörungstheorien verloren in den Medien nach einem kurzen ersten Ausbruch rapide an Marktwert. Wir staunen rückwärts, wieviel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus entstanden ist.

Wir werden uns wundern, dass doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen müssen – ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half. Und wir haben dabei erfahren: Die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die soziale Intelligenz hat geholfen. Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technik und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel. Wir richten unseren Fokus wieder mehr auf die humanen Fragen: Was sind wir Menschen füreinander?

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie ein „Zusammenbruch“ passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen „schwarzen April“ gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen Pleite gingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Punkt Null. Als wäre die Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann. Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die globale Just in Time Produktion, mit ihren verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert: Lokalisierung des Globalen.

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten. Kann es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?

Presencing wirkt mit seinem vorweg genommenen Sprung in die Zukunft so irritierend anders als eine klassische Prognose. Das hängt mit dem spezifischen Zukunftssinn zusammen. Es werden keine Barrieren der Angst durch unbewältigbare Gefahren und Probleme gebaut, die uns von der Zukunft trennen. Statt Horror-Szenarien schaffen wir Schleifen der Erkenntnis, in der wir uns selbst und unseren inneren Wandel einbeziehen. Wir setzen uns mit der Zukunft in Verbindung, und so entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein Future Mind Bewusstsein und so etwas wie Zukunftsintelligenz. Wir bleiben nicht bei den äußeren Ereignissen stehen, sondern antizipieren auch unsere inneren Adaptionen, mit denen wir lebendig auf eine veränderte Welt reagieren. Das fühlt sich ganz anders an als eine apokalyptische Prognose, die immer etwas Totes, Steriles in sich trägt. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder Zukunft gehört. Die Welt verändert sich, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

Wir werden uns wundern, mitten im Shut Down der Zivilisation liefen wir durch Wälder, Parks oder über fast leere Plätze. Aber das war keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang. Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Donald Trump im November abgewählt wird und die AFD ernsthafte Erscheinungen des Zerfransens zeigt, weil eine spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt. Politik in ihrem ureigenen Sinn gesellschaftlicher Verantwortlichkeit bekam dieser Krise neue Glaubwürdigkeit. Gerade weil sie „autoritär“ entscheiden musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche. Auch die Wissenschaft hat in der Bewährungskrise eine erstaunliche Renaissance erlebt. Virologen und Epidemiologen waren gefragt, aber auch „futuristische“ Philosophen, Soziologen, Psychologen, die vorher am Rande polarisierenden Debatten standen, bekamen wieder Gewicht.

Die neue Welt mit Corona entsteht aus der Disruption der Globalisierung. Die Unterbrechung der Konnektivität – durch Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen, Quarantänen – führt aber nicht zu einem Abschaffen der Verbindungen. Sondern zu einer Neuorganisation der Konnektome, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen. Es kommt zu einem Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme. Die kommende Welt wird Distanz neu schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden. Diese Umformung erweist einen inneren Sinn: Zukunftsfähig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet. Jede tiefe Krise hinterlässt ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine starke Vision, die das Coronavirus sendet, sind Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen, Aufnahmen von Delphinen, die sich im wieder klaren Wasser der Häfen zeigen und Fische, die in die Stadt Kanäle Venedigs kommen. 2020 wird der CO2 -Ausstoß der Menschheit zum ersten Mal fallen. Dies wird etwas mit uns machen. Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine Richtung unbegrenzten Wachstums, in der es keine Zukunft gibt. Aber die Menschheit ist ein lebendes System, das sich selbst neu erfinden kann. System reset. Cool down. So geht Zukunft.

 

 


[1] Das Gedankenspiel ist super gut geeignet, die komplexe Presencing Technik der Theorie U ("Theorie U. Von der Zukunft her führen. Presencing als soziale Technik“) von Otto Scharmer anschaulich zu erläutern. Presencing setzt sich als Kunstwort zusammen aus „Presence“ (Anwesenheit) und „Sencing“ (Spüren). Die Grundlagen dafür beschreibt Scharmer im 1. Teil seines Buches als Begegnung mit dem blinden Fleck.

[2] Der vorliegende Text ist weitgehend wörtlich übernommen von Matthias Haux: Vgl. www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/.

 

 



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