Die Schabe: Wie uns alte Denkmuster in die Irre führen.

Das Experiment mit der Küchenschabe zeigt, wie uns vorgefertigte Denkmuster dran hindern, gute Lösungen zu finden.


Prof. Dr. Gerald Hüther, bekannter deutscher Neurobiologe und beliebter Redner, erzählt in seinen Vorträgen (vgl. u.a. Vortrag hier) gerne von einer etwas ekligen Erfahrung als junger Wissenschaftler: Damals glaubte die Forschung, dass durch Lernerfahrungen im Gehirn ein neues Eiweiß gebildet wird – das Gedächtnismolekül. Dessen Existenz wollte Prof. Hüther seinerzeit in einem Versuch nachweisen. In einem Tierversuch. Tierversuche in der Wissenschaft wurden zu der Zeit ethisch noch weniger kritisch gesehen als heute.[1] Dazu wurden amerikanische Küchenschaben genutzt. Die Kakerlake wurde in ein Gestell gespannt, unter dem eine Schale mit Salzlösung stand, die mit einer kleinen Batterie verbunden war. Immer wenn sie ihre Beine hängen lies, bekam sie einen kleinen Stromschlag. Nach ein paar unangenehmen Impulsen behielt sie ihre Beine oben. Spannte man sie dann aus, ließ sie eine Weile laufen und spannte sie wieder ein, behielt sie die Beine sofort oben. Die Schabe hatte also gelernt, welches Verhalten für sie gut war. Die Forscher sezierten das Gehirn der Schaben aus dem Experiment und verglichen es mit dem Gehirn von Schaben, die nicht trainiert wurden. Doch auch nach zwei Jahren ließ sich die Existenz des Gedächtnismoleküls nicht nachweisen. 

Da kam eines Tages eine Hilfskraft, die eine Beobachtung anderer Art machte: Nachdem der Schabe der Kopf abgeschnitten war, lebt der Körper noch ca. 30 Minuten weiter. Der Hiwi spannte nun den Körper ohne Kopf in das Gestell und siehe da: auch ohne die Kontrolle des Kopfes zog der Körper die Beine an. Das Lernen hatte also gar nicht im Gehirn stattgefunden, sondern im Bauchmark (Ganglien). Die Erfahrung hat sich direkt im Körpergedächtnis abgespeichert! Kein Wunder also, dass im Gehirn der Schabe nichts zu finden war. Die Wissenschaftler waren - wie im U-Bahn Experiment - so eingeengt in ihren Denkmustern, dass sie andere Beobachtungen einfach nicht wahrnahmen. Anders der Student, der noch nicht so fest in den Denkkonstrukten verhaftet war, und der auch nicht beweisen musste, dass er Recht hatte. Er nahm noch andere Dinge wahr, schaute eben nicht nur auf den Kopf und das Gehirn, sondern auf die Schabe als Ganzes. Auch blickte offen auf den Versuch.

Das Beispiel zeigt, wie sehr uns Meinungen und Denkmuster darin einengen können, neue Lösungen zu finden. Alles, was die bestehende Meinung erschüttern oder rütteln könnte, blenden wir einfach aus (siehe auch den Beitrag zum "Aufmerksamkeitsblinzeln"). Je mehr wir emotional Recht haben wollen, desto enger schränkt sich die Wahrnehmung ein. Sich selbst immer wieder frei davon zu machen und die eigenen Annahmen zu hinterfragen, ist gar nicht so einfach. Hier braucht es in der Tat andere Menschen, die noch nicht so tief verstrickt sind und mit frischem Blick von außen anders auf die Gegebenheiten blicken. Doch das hilft nur, wenn wir uns auch darauf einlassen und uns irritieren lassen. Wenn wir offen bleiben, dass wir immer auch einen anderen Blickwinkel einnehmen können, ohne darauf zu beharren, Recht zu haben. Wenn wir der Idee folgen, dass unsere Wirklichkeit auch ganz anders sein könnte… 

Trotz aller klugen Überlegungen – um J.W. von Goethe zu zitieren: „Es irrt der Mensch, solang er strebt“. Menschliches Erkennen ist anfällig für Fehler. Alltag und die Geschichte der Wissenschaft sind voll von Irrtümern, dem Denken mit Scheuklappen und vorschnellen Schlüssen. Was da hilft, ist nicht nur immer wieder zu hinterfragen. Sondern auch einfach, ein bisschen mehr über sich zu lachen. Lachen widersteht dem Verabsolutieren von Positionen, Grundsätzen und Prinzipien. Lachen schafft emotionale Distanz und befreit dazu, sich neue Sichten und Optionen zu verschaffen. 

 


 

[1] Das erste deutsche Tierschutzgesetz wurde 1933 verabschiedet. Obwohl ideologisch propagiert, wurde der Tierschutz im Nationalsozialismus ökonomischen Zielen untergeordnet. Erst 1972 entstand das Tierschutzgesetz als ein ethischer Tierschutz, bei dem tatsächlich das Wohl des einzelnen Tieres im Vordergrund steht. Es fordert, u.a. Tierversuche auf ein "unerlässliches Maß" zu reduzieren ohne das jedoch genauer zu präzisieren. Notwendig ist eine Güterabwägung, ob die Interessen des Menschen in einem angemessenen Verhältnis zum Leiden der Tiere stehen. In der medizinisch-biologischen Forschung ist heute ein genaues ethisches Abwägen und die Suche nach Alternativen, die Tierversuche in Forschung und Lehre überflüssig machen, gefordert. 2002 wurde der Tierschutz auch in das Grundgesetz aufgenommen, um ihm mehr Gewicht zu verschaffen.

Zu weiteren Beiträgen

 

 

Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.