Grenzen des Wachstums - Punkt des Genug.

Gibt es für uns einen Punkt des Genug? Eine Grenze des Wachstums nach dem Motto „immer schneller, weiter, höher“? Diametraler Werte und Antworten auf die Frage "Wachstum wozu"?

 

Grenzen des Wachstums - der Punkt des Genug.

Die Frage ist nicht neu. Auch nicht in Kliniken. Das jährliche Steigen der Kosten lässt sich mit der zurück gerichteten Vergütung der Kliniken nur durch Sparen zum einen und durch Ausweiten der Leistungen zum anderen decken. Jahr für Jahr. Die sozialen Folgen des Wachstumsdrucks sind sichtbar. In Kliniken wird immer deutlicher der Mangel „verwaltet“. Daher fragen wir uns: Wohin wollen wir dies führen? Realismus ist gut, solange die Desillusionierung nicht geradezu in die Resignation und Handlungsstarre führt...

Rückblick

Vor etwas mehr 40 Jahren bereits erschütterte ein Buch den Glauben an den Fortschritt der Welt: Die 1972 vorgestellte Studie zur Systemanalyse der Weltwirtschaft „Die Grenzen des Wachstums“ im Auftrag des Club of Rome und VW. Dabei wurde die globaler Wirkung von Industrialisierung, von Wachstum der Bevölkerung, von Unterernährung, Effizienz der Landwirtschaft, von Ausbeutung von Rohstoff­en sowie von Zerstörung von Umwelt und Lebensraum untersucht. Neben Szenarien des Crashs bei weiterem Wachstum der Bevölkerung wurden Ansätze simuliert, was zu ändern wäre, um auf Dauer ein ökologisches und wirtschaftliches Gleichgewicht zu erzeugen. „Die Grenzen des Wachstums“ gilt als Geburt der Umweltbewegung. Die Grünen in Deutschland nennen das Buch die initiale Zündung für ihre Partei. Und bis heute lässt die Debatte zu den Grenzen des Wachstums die Menschen nicht los.

Die Kritik an exponentiellem Wachstum ist jedoch noch älter, Tausende von Jahren alt.[1] Doch die Berechnung in nackten Zahlen/ Daten/ Fakten hat wach gerüttelt. Der ökologischen Fußabdruck der Marktwirtschaft ist zu einem Begriff geworden. Bis heute sind von diesem Buch weltweit über 30 Mio. Exemplare in 30 Sprachen verkauft worden. 1973 wurde der Club of Rome dafür mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt.

Geburten- und Sterberate sind v.a. abhängig von der medizinischen Versorgung und der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln simuliert worden. Solange die Bevölkerung wächst, steigt ihr Bedarf. Nahrung und medizinische Versorgung hängen bei begrenzten Ressourcen von der Industrie ab, die Technologien für die Landwirtschaft und das Gesundheitswesen und eine erhöhte Energieeffizienz bereit stellt. Das bedeutet, dass das Wachstum der Wirtschaft mit viel Energie und Umweltverschmutzung erkauft wird. Szenarien, unter denen sich die Weltbevölkerung wie auch der Wohlstand langfristig konstant halten ließen, gründeten auf Maßnahmen wie Wiederverwendung bis hin zum totalen Recycling von Rohstoffen, verlängerte Nutzungsdauer von Gütern, Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit in Land- und Forstwirtschaft, eine durch Technik und „saubere Energiequellen“ massiv verringerte Verschmutzung der Umwelt. Eine höhere landwirtschaftliche Produktivität, Einschränkungen im Konsum, Geburtenkontrolle u.v.m. mussten die Maßnahmen ergänzen, da in dem Rechenmodell auch maximale Technologie den Zusammenbruch des Systems nicht verhindern und die fatalen Folgen des Wachstums nicht kompensieren konnte.

Damals benötigte man Großrechner zur Simulation. Nur ein paar Jahrzehnte später läuft das Programm auf jedem PC. Jeder PC übertrifft heute die Möglichkeiten der damaligen Großrechner bei weitem. In der Sache aber hat sich wenig getan. Vierzig Jahre später zieht der Club of Rome 2012 erneut Bilanz. Der Report gibt keine Entwarnung, die fundamentale Kritik führte zu keinem radikalen Kurswechsel im System des Wachstums. Das ist nicht zum Nulltarif zu haben. Und so wartet die Zukunft mit gewaltigen Aufgaben auf, die von sozialen Unruhen und Umbrüchen geprägt sein werden. Sie zu meistern, wird unsere Aufgabe des 21. Jahrhunderts sein. Immer mehr Menschen strömen wegen Unruhen, Verwüstungen, Umweltzerstörungen und Klimawandel nach Europa. Mangel an Trinkwasser und an fruchtbaren Böden verursachen Konflikte, die Menschen in die Flucht treiben, um zu überleben. Flüchtlinge gelten dann als Problem, nicht als Chance. Für langfristige Stabilität braucht es Bildung, Innovationen und Verteilungsgerechtigkeit. Rechtspopulistische Deutungen erhöhen das Gefühl der Ohnmacht und schüren die Angst. Das Denken in Tätern und Opfern führt nur weiter in die Problemfalle. Wer sich von der Übermacht der Probleme nicht entmutigen lassen will, der braucht ein anderes Denken und muss v.a. aus dem uns scheinbar auferlegten Automatismus der stetigen Beschleunigung unserer "Speed-Gesellschaft"[2] austreten. Hin zum sozialstaatlichen Einsatz für mehr gesellschaftliche Gleichheit, eine unbedingte Anerkennung der Würde eines jeden Menschen und menschliche Zuwendung. Eine individualisierte Gesellschaft löst sich aus Traditionen und Bindungen und darf nicht zu einer Gesellschaft der Sinnentleerung verkommen. Zu einer Gesellschaft, die nicht mehr nach dem Wozu und Wohin fragt. Wo die Ökonomie alle Diskussionen dominiert, da droht auf lange Zeit gerade das.

Verantwortung heute

Gerade Kliniken sollten die ihnen verfügbaren Mittel so einsetzen, dass sie den Kranken echte Hilfen bieten. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit, der Würde und der Menschlichkeit. Wachstum ist kein Wert an sich. Die Erkenntnis darf sich durchsetzen, ohne voll Pessimismus und ohne Hoffnung auf die Zukunft zu blicken. Auf ein Vergütungssystem des Geben und Nehmen, das dem besser Rechnung trägt, sollte jeder mit seinen Möglichkeiten Einfluss nehmen. So können Kliniken in einer Haltung des Genug und des Teilens Orte sein, in denen menschliche Zuwendung erfahren wird und jedem destruktiven Populismus ist der Nährboden entzogen.... 

 

 


[1] Bekannt sind die Weizenkornlegende und der Josephspfennig. In der Bibel wird auf dieser Basis an mehreren Stellen ein Zinsverbot ausgesprochen.

[2] Heiner Keupp, aus: Keupp, Heiner (2013): Heraus aus der Ohnmachtsfalle. Psychologische Einmischungen, DGVT-Verlag, Tübingen. Dies zeigt zugleich einen Weg aus den heutigen Identitätskrisen: Weg vom Denken in Nützlichkeit, hin zur unbedingten Würde der Person. Ein Denken, das gerade dem sozialen Sektor immanent sein sollte.

 

 

 

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