Konflikte und Verhandlung: Das 18. Kamel.

Konflikte | Verhandlung - Die Metapher vom Mullah und den 17 Kamelen wurde durch den Kybernetiker Heinz von Foerster für Problemlösungen außerhalb des Systems bekannt.

 

Ein Mullah reitet auf seinem Kamel durch die Wüste.1 Er kommt schließlich in eine wunderbare Oase. Dort sieht er drei junge Männer offensichtlich niedergeschlagen bei einer Herde von Kamelen am Wegesrand sitzen und wehklagen. 

Der Mullah spricht sie an und fragt interessiert: „Meine Söhne, ihr schaut so traurig drein. Was bedrückt euch denn?“

Darauf antwortet einer der Männer: „Unser Vater ist gestorben. Allah möge ihn segnen."

Der Mullah entgegnet mitfühlend: „Oh, das schmerzt. Das tut mir sehr leid für euch.“

Die Söhne antworten: „Ja, aber das ist noch nicht alles. Er hat uns 17 Kamele vererbt und die sollen wir unter uns aufteilen."

Angesichts der prächtigen Kamelherde antwortet der Mullah entgeistert: "Da könnt ihr Allah und eurem verehrten Vater danken, euch ein solches Erbe hinterlassen zu haben."

Der älteste der Brüder stimmt zu: "Ja, wir sind dankbar für die tolle Erbschaft. Aber das Vermächtnis unseres Vaters lässt sich nicht vollziehen. "

"Warum nicht?", will der Mullah wissen.

"Nach dem Testament geht die Hälfte der Kamele an den Ältesten, der Mittlere bekommt ein Drittel und der Jüngste soll ein Neuntel der Kamele bekommen. Und das ist bei 17 Kamelen nicht zu machen. Wir können doch kein Kamel teilen! Daher sind wir verzweifelt. Wir wissen nicht, wie wir den letzten Willen des Vaters erfüllen sollen."

Der Mullah blickt einen Moment zum Himmel. Dann lächelt er. „Dann nehmt doch für einen Augenblick mein Kamel noch dazu“.

Die Söhne weigern sich zuerst. Doch der weise Mullah besteht darauf und siehe da…:  Von den jetzt 18 Kamelen bekommt der älteste Bruder die Hälfte, also 9 Kamele; neun bleiben übrig. Der mittlere bekommt ein Drittel der 18 Kamele, also 6; jetzt sind noch drei Kamele übrig. Und weil der jüngste Bruder ein Neuntel der Kamele bekommen sollte, also 2, bleibt am Ende genau ein Kamel übrig. Es war das Kamel des Mullahs; er steigt wieder auf, reitet weiter und winkt den glücklichen Brüdern zum Abschied ein "salem aleikum" zu…

 

 

Lösungen außerhalb des Systems: Thinking out of the box

Jede Wahrnehmung von Wirklichkeit ist ein Stück weit von den eigenen Erfahrungen geleitet, die auf die Gegenwart wirken. So konstruieren wir unsere Wirklichkeit. Die eingeschliffenen Muster führen dabei schnell dazu, dass wir den Blick für neue, unkonventionelle Lösungen verlieren. Die meisten Probleme und Konflikte aber lassen sich im bestehenden System nicht konstruktiv lösen. Im Gegenteil: gleiches Denken führt zu immer mehr gleichen Resultaten. Wir benötigen einen Sprung aus dem System heraus, um neue Wege auszudifferenzieren und Lösungen im Sowohl-als-auch-Raum zu schaffen.

Zunächst scheinen Probleme und Konflikte unlösbar und sehen so aus, als wären sie ein 17-Kamele-Problem. In solchen Situationen hilft nur, einen Schritt zurück zu treten und nach dem gemeinsamen Nenner zu suchen. Da gilt es, über die Grenzen des bisherigen Horizonts hinaus zu denken und eine kleine Variable im Gesamtbild zu ändern, um der Lösung näher zu kommen. Einer Lösung, die außerhalb der bisherigen Systembox liegt. Wenn es gelingt, (temporär) ein 18. Kamel hinzuzufügen, dann ist die Lösung für den gemeinsamen Nenner überraschend einfach. Mit der Intervention des 18. Kamel findet sich leicht eine Sachlösung, in der jeder bekommt, was er will. Ohne dauerhaft vom Medium der Problemlösung, vom 18. Kamel, abhängig zu werden. Ein Königsweg der nachhaltigen Verhandlung und Konfliktlösung, um aus dem Dramadreieck auszutreten, das nur zur weiteren Eskalation führt und ggf. ganz zum Verhandlungs- und Beziehungsabbruch am Ende der Diskussion führt...2

 

 


 

[1] Nach Lynn Segal, Lynn (1988): Das 18. Kamel oder Die Welt als Erfindung, München, Piper.

[2] Vgl. Bohm, David (2017): Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen. Klett-Cotta, 8. Auflage.

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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.