Innere Landkarten - Konstruktion der Wirklichkeit

Alfred Korzybski stellte bereits um 1930 fest: Die Landkarte ist nicht das Land. Jede Abbildung äußerer und innerer Landschaften ist eine subjektive Reduktion der Komplexität, die den Fokus der Wahrnehmung zeigt.

 

Landkarten sagen somit mehr über ihre Erzeuger und deren Konstruktionen der Wirklichkeit aus als über die Wirklichkeit selbst. Und gerade das macht sie zu einem wunderbaren Instrument mit hohem Nutzen - aber auch mit Grenzen. Landkarten sortieren, strukturieren und fokussieren auf Wesentliches für ihre Zweckbestimmung. So wie ich etwa seit 2012 für mich und meine Mitstreiter während meiner Systemischen Fort- und Weiterbildungen (bei Hans Rudi Fischer und Gunther Schmidt in Heidelberg  sowie in Wiesloch bei Gunthard Weber) eine Landkarte über die systemischen Strömungen der ersten Generationen in Coaching und Beratung als A3-Poster angelegt habe (vgl. Systemische Landkarte), das mir gerade in der Anfangszeit auf dem systemischen Feld immer wieder gute Orientierung bot. Der Begriff der Landkarte ist längst zu einer systemischen Metapher geworden und Mapping ist - nicht zuletzt durch die Kreativitätstechnik des Mind Mappings und der Abbildung von Prozesslandschaften - auch außerhalb der Kartierung zu einem gängigen Begriff geworden.

Radikaler Konstruktivismus

Es sind gerade die eigenen Landkarten, die wir uns im Laufe des Lebens erschließen, die uns zum ständigen Begleiter auf unserer Reise werden. In den 1970ern greift der radikaler Konstruktivismus von Ernst von Glasersfeld anknüpfend an die Erkenntnistheorie von Jean Piaget diesen Gedanken konsequent auf:[*] Mit unserer persönlichen Wahrnehmung produzieren wir ein (subjektives) Abbild einer Realität, welches nicht unabhängig vom Individuum besteht. Es gilt sich bewusst zu machen, wie sehr Karten in der Tat Ansichtssache sind. Realität wird durch diesen Filter für jedes Individuum immer nur eine Konstruktion seiner eigenen Sinne und Erinnerungen. Realität ist viel zu komplex, als dass sie in Dimensionen von Raum und Zeit gänzlich erfahrbar wäre.

Geographische Landkarten

Kulturgut

Landkarten sind oft schon zum allgemeinen Kulturgut geworden. Und wer sich auf eine Reise in unbekanntes Terrain begibt, weiß den Wert von Landkarten von Ortskundigen zur Orientierung, zur Sandort- und Zielbestimmung zu schätzen. Es erspart einige Umwege. Etwa auch die U-Bahn-Karte die v.a. Haltestellen abbildet. Denn um eine Landkarte zu erstellen, muss ich das Land ja - zumindest ein Stück weit - bereits erforscht haben. Damit werden die Sichten der nachfolgenden Anwender aber immer auch auf Ausschnitte fokussiert. Grobe Karten machen Entscheidungen leichter als differenzierte komplexe. Damit aber manipulieren sie den Anwender. Und das betrifft nicht nur die Auswahl, die abgebildet wird, sondern auch, wie sie dargestellt wird.

Waldseemüller Weltkarte

So etwa weisen gängige Weltkarten eine deutlich europazentrierte Perspektive auf. Oder kennen wir eine Weltkarte, in der Europa - eher klein und unbedeutend - am Rande liegt? So werden Weltbilder konstruiert. Nachdem Kolumbus 1492 die Neue Welt entdeckte und Amerigo Vespucci 1497 registrierte,  auf einen bislang unbekannten Kontinent gestoßen sein zu müssen, hat Martin Waldseemüller 1507 die berühmte Weltkarte mit den neuen Kontinent gezeichnet, den er Vespucci zu Ehren mit America betitelte. Im Zentrum der Waldseemüller-Karte ist seine Heimat zu finden: Deutschland.

Mercator Karte

Das ist auch nicht anders bei Gerhard Mercator der in Duisburg wirkte und 1569 erstmals, die bis heute gängige verwendete Zylinder-Projektion für die zweidimensionale Abbildung der Welt erfand. Auf zweidimensionalen Landkarten kann die Größe der Länder zueinander nie exakt dargestellt werden. Denn zur Darstellung einer gekrümmten Fläche kann man immer entweder nur Flächen und Abstände orginalgetreu darstellen oder aber Winkel und Abstände, nicht aber alle drei Faktoren zugleich. Die Mercator Karte war deshalb ein Durchbruch für die Karthographie und Navigation. Sie ermöglichte der Schifffahrt erstmals  mit ihrem winkel- und achsentreuen Raster, das sie über die Karte legte, den Kurs auf der Karte als gerade Linie darzustellen. Die Mercator Karte ist dafür flächenverzerrt. Je weiter Länder in den Norden verschoben werden, desto größer wirken sie. Deshalb wirken auch Europa, die USA und Russland größer als sie im Verhältnis sind. Die Staaten der südlichen Hemisphäre wirken dagegen in der Mercator Darstellung viel kleiner als real. Die 1974 von Arno Peters veröffentlichte Gall-Peters-Projektion, die auf James Gall zurück geführt werden kann, rückt  die Flächenverhältnisse ins rechte Licht. Dies hat insofern viel Aufmerksamkeit erzeugt, weil die Unterschiede der Proportionen zur Mercador Karte frappierend sind: Das Ausmaß der Verzerrung der Proportionen zugunsten der westlichen Industrienationen und der weißen Erdbevölkerung wird deutlich.

Wo der Fokus von wem gesetzt wurde, ist also wesentlich für die Karte und darf reflektiert und hinterfragt werden. Indem die Landkarte so ein Stück des Landes kartographiert, verbirgt sie stets anderes mehr oder weniger bewusst, was vom Ersteller als nicht relevant etikettiert wurde. Wo ist das Zentrum, die Mitte? Wo hört der Ausschnitt auf? Woran misst sich die Orientierung in der Landschaft? Gibt es einen Maßstab? Stauchungen? Streckungen? Drehungen? Welche Abstraktionsgrade und grafischen Mittel finden sich - Symbole, Zeichen, Zahlen, Wörter? Karten können durchaus auch Realitäten erschaffen, die es ohne sie nicht gäbe. Viele Länder - z.B. in Afrika und Lateinamerika - haben noch heute schnurgerade Grenzverläufe. Europäische Kolonialmächte haben die Grenzen tatsächlich mit dem Lineal auf einer Mercator Karte gezogen. Etwa 1884-85 in Berlin auf der Kongo-Konferenz an der Afrika unter den Kolonialmächten aufgeteilt wurde.

Systemische Landkarten

In der Systemik beschreiben unsere mentalen oder inneren Landkarten daher unsere bewussten und unbewussten inneren Orientierungsraster, die jedes Individuum sich im Laufe des Lebens angelegt hat. Sie sind wie ein Spiegel der individuellen Persönlichkeit. Und sie bestimmen, worauf wir zu unserer Orientierung in der Welt unseren Fokus legen. Damit sparen Landkarten Energie. Sie verleiten aber auch dazu, vorschnelle Entscheidungen zu treffen, Wandel zu ignorieren, Neues und Unbekanntes auszublenden. Wer nur seine Landkarte kennt, kennt nur seine Sicht der Welt und tendiert dazu, sie sich immer wieder selbst zu bestätigen.

Zur sozialen Reifung dient, seine Landkarte immer wieder zu erweitern. Sich aus seiner Komfortzone der Routine heraus und in neue Erfahrungen außerhalb der bekannten Landkarte zu wagen. Sich mit Menschen treffen, die andere Fragen stellen. Vielleicht stößt das bei uns auf Widerstand, wenn Menschen uns unvermittelt mit unseren tiefsten Überzeugungen konfrontieren. Denn wenn uns andere unsere Wahrnehmungsfilter (Verzerrungen, Löschungen etc.) nehmen, steht die Welt für uns plötzlich nicht mehr im Einklang mit den unbewussten Vorstellungen. Das kann positiv sein, wenn wir neue positive Erfahrungen machen und dadurch Neues lernen. Es kann aber auch Angst und Stress erzeugen, wenn sich die Unstimmigkeit nicht in Wohlgefallen auflöst. Unsere Welt ist auf einmal nicht mehr stimmig und begreifbar. Da kann jede Menge emotionaler Stress und Unruhe in uns entstehen. Das ist es, was in Konflikten passiert. Dem Großhirn wird Energie abgezogen, es blockiert, und das Reptilienhirn droht unkontrolliert die Führung zu übernehmen. Es trifft uns mitten in die tieferen Ebenen unserer Persönlichkeit, unser inneres Welt- und Selbstbild kommt ins Wanken. Das Gehirn sucht Stimmigkeit und versucht alles, um Stress im Abgleich mit der inneren Landkarte zu reduzieren.

Wo kämen wir da hin, wenn einer einfach käme und behaupten würde, dass die Erde eine Kugel sei...

 


[*] Dem radikalen Konstruktivismus werden auch der Kybernetiker Heinz von Foerster und die Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela zugerechnet. Paul Watzlawick betrachtete den Konstruktivismus im Kontext menschlicher Kommunikation. In Beziehungen beziehen Menschen sich auf gemeinsame Sinngebungen (Realität 2. Ordnung). Dabei betrachtet er die menschliche Kommunikation als offenes System mehrerer Wesen mit ihren Rückkopplungen.

 

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Immer neue Inspiration, Fort- und Weiterbildung sind im digitalen Zeitalter v.a. für s.g. Wissensarbeiter wichtig. Es gilt, der persönlichen Reflexion und dem Abgleich mit Wahrnehmung der Anderen immer wieder Raum zu geben. Die digitale Transformation verändert unsere Welt. In der vernetzten Welt wird Wissen blitzschnell in z.T. höchster Qualität virtuell geteilt. Einfach nur ins Web gestellt. Es kann so in kürzester Zeit in immer weiteren Kontexten neu verknüpft werden. Dazu leisten auch wir bewusst einen Beitrag. Berater des 21. Jhd. verkaufen kein Wissen an sich. Sie verknüpfen Wissen mit praktischen Lösungen. Zum Nutzen des Kunden. Damit die Lösungskompetenz nachhaltig in der Organisation verankert wird, ist uns dabei die offene Umsetzung mit den Leistungsträgern in der Organisation wichtig. Es ist ein Arbeiten an und für die Organisation in der realen Welt. Von Mensch zu Mensch, Face to Face.

16 Innere Landkarten
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