Innere Antreiber, innere Erlauber und Landkarten

Innere Antreiber prägen die eigene Wahrnehmung der Realität. Sie bestimmen einen Teil unsere Landkarte, mit der wir uns in einer komplexen Welt orientieren.

Sei stark! Sei perfekt! Mach es allen recht! Beeil dich! Streng Dich an! Wenn Sie über Ihre „inneren Kritiker“ reflektieren, wird Ihnen wohl einer oder mehrere dieser Antreiber bekannt vorkommen. Jeder Mensch hat solche inneren Antreiber. Das besagt das gleichnamige Modell von Taibi Kahler, Reinhard Köster, Bernd Schmid, Joachim Hipp et. al. Das wiederum auf den Überlegungen der Transaktionsanalyse (TA) nach Eric Berne fußt.

Innere Antreiber sind zumeist unbewusste Muster im Denken und in der Kommunikation, die die eigene Wahrnehmung von Realität prägen. Sie bestimmen unsere Landkarte, mit der wir uns in einer komplexen Welt orientieren. Entstanden sind diese Muster bereits in der frühen Kindheit. Da konnten sie sich noch ungefiltert im Unterbewusstsein verankern: Menschen entwickeln sich in Beziehung mit anderen Menschen. Am stärksten ist die Abhängigkeit gerade in der frühen Kindheit. Denn da sind wir ganz und gar angewiesen auf die Liebe und Zuwendung unserer Bezugsperson. Wir lernen unbedingte Liebe auf der einen und Zurückweisung auf der anderen Seite kennen. Kinder bilden daher, um das Gefühl der Zurückweisung zu vermeiden, unbewusste Muster im Verhalten aus. Diese verfestigen und verankern sich im Laufe der Zeit und werden zu nicht hinterfragten Normen. So gestaltet jeder Mensch im Laufe der Zeit individuell seine Landkarte aus. Sie prägen den Menschen in seiner Wahrnehmung und in seinem Verhalten bis ins hohe Alter. Irgendwann braucht es die Bezugsperson gar nicht mehr, die uns (bewusst oder unbewusst) vermittelt, wie wir sein sollen. Längst hat der innere Kritiker 24/7 präsent diese Rolle übernommen. Sofern er diesen Mustern nicht durch Reflexion auf die Schliche kommt, geht er oft unhinterfragt davon aus, dass die anderen Menschen die Welt genauso wahrnehmen.  

Die zwei Seiten des Antreibers

Innere Antreiber sollten wir nicht per se verteufeln. Im Grunde haben sie ja eine positive Qualität. Sie sind unsere frühesten Erfolgsfaktoren und haben uns ursprünglich die Anerkennung unseres Umfeldes gesichert. Situativ, im richtigen Kontext eingesetzt, stellen sie eine Quelle vieler Stärken in einer Leistungsgesellschaft dar. Zum Problem werden sie erst, wenn wir keine alternativen Optionen ausbilden und sich der Mechanismus als Allzweckmittel unabhängig vom Kontext verselbstständigt. Dann werden sie als Affektreaktionen auf bestimmte Reize (Trigger) destruktiv.

Die folgenden Aussagen beschreiben die Inneren Antreiber mit ihren charakteristischen Glaubenssätzen, ihren Sonnen- und Schattenseiten.

Charakteristische GlaubenssätzeStärkeNegative Übertreibung
Sei Stark!
  • Ich komme alleine zurecht.
  • Ich zeige keine Gefühle. Wie es in mir aussieht, geht keinen etwas an. Ich bewahre Haltung nach außen.
  • Ich beiße die Zähne zusammen.
  • Ich bin auf das Schlimmste gefasst. Mich erschüttert nichts so leicht.
  • Steht Dinge durch.
  • Vermag sich zu distanzieren (dissoziieren). 
  • Beweist Selbstdisziplin. 
  • Bewahrt Ruhe in
    der Krise.
  • Fragt nicht um Hilfe.
  • Ist von den Gefühlen abgeschnitten.
  • Macht Dinge mit sich selbst aus.
  • Verfällt in eine pessimistische Weltsicht. 
Sei per-fekt!
  • Eine Arbeit mache ich gründlich. Ich mag keine Schlamperei.
  • Ich finde immer noch etwas zum Verbessern.
  • Mache bloß keine Fehler.
  • Ich muss stets noch besser werden.
  • Strebt nach Vollkommenheit. 
  • Will stets 180%
    geben.
  • Arbeitet genau, sorgfältig, präzise.
  • Ist stets dabei,
    sich weiter zu verbessern.
  • Nimmt Vorschläge persönlich.
  • Kann schlecht mit Kritik und Fehlern umgehen.
  • Fühlt sich nie gut genug.
  • Kann die 5 nicht gerade sein lassen.
Beeil dich!
  • Ich bin ständig in Bewegung und dauernd beschäftigt. Ich darf keine Zeit verschwenden.
  • Ich mache gern mehrere Dinge gleichzeitig.
  • Ich fühle mich als Motor, der Dinge voranbringt. 
  • Mache schnell. Sei immer auf Trab.
  • Erledigt viel.
  • Hat ein gutes
    Gefühl für Zeit. 
  • Bringt Dinge voran.
  • Arbeitet zügig.
  • Kann schlecht mit gutem Gefühl abschalten und nichts tun.
  • Ist immer gehetzt.
  • Hat wenig Geduld.
  • Macht in der Eile Flüchtigkeitsfehler.
Mach es allen recht!
  • Es fällt mir schwer, Nein zu sagen.
  • Akzeptiert zu werden ist wichtiger als eigene Interessen durchzusetzen.
  • Positive Bestätigung und Harmonie sind mir sehr wichtig.
  • Sei lieb und freundlich. Bloß kein Streit.
  • Nimmt sich selbst nicht so wichtig. 
  • Besitzt hohe Empathie.
  • Ist hilfsbereit.
  • Ist sehr zugewandt.
  • Sagt nicht Nein. 
  • Findet oder vertritt keinen eigenen Standpunkt.
  • Geht Konflikten aus dem Weg. 
  • Vernachlässigt eigene Bedürfnisse.
Streng dich an!
  • Erfolge muss man hart erarbeiten. Nur Schweres ist wertvoll. Mühe dich bis zum Letzten.
  • Reiß dich zusammen. Das kannst du noch besser. 
  • Wer nie aufgibt, erreicht alles. Das muss ich schaffen.
  • Ich schaffe es auch ohne Hilfe!
  • Setzt sich ein.
  • Zeigt Durchhalte-Vermögen.
  • Setzt Dinge engagiert um.
  • Übernimmt Verantwortung.
  • Schätzt den Erfolg, der zufliegt, nicht hoch.
  • Ist nie zufrieden mit dem Erreichten.
  • Schließt Dinge nicht ab.
  • Verzettelt sich.

 

Konflikte durch Kollision unterschiedlicher Landkarten

Kennen Führungen ihre eigenen Antreiber und die Ihrer Mitarbeiter, können sie die darin verborgenen Potenziale des Mitarbeiters effektiv nutzen. Gerade auch unter Druck - etwa in Phasen großer Herausforderung - ist die Reflexion der Antreiber hilfreich. Nur so können Überforderungen und die Kollision unterschiedlicher primärer Antreiber vermieden werden. Wo tief verankerte Werte aufeinander prallen, entstehen Reibung und Konflikte. Da es den Seiten um etwas Elementares geht. Dies kann zu einer konflikthaften Entladung führen und einen Schaden auf Dauer anrichten. Stellen Sie sich z.B. die folgende Konstellation vor: Eine Führung ist primär durch „Sei perfekt!“ getrieben. Für sie ist fehlerfreies Arbeiten um jeden Preis wichtig. Der Mitarbeiter dagegen ist mit einem „Beeil Dich“-Antreiber ausgestattet. In seiner Welt ist Schnelligkeit die entscheidende Qualität. Wenn beide in stressigen Zeiten besonders deutlich ihrem primären Muster folgen, dann sind Konflikte vorprogrammiert. Während die Führung schwer mit den aus der Eile heraus geborenen Fehlern zurechtkommen kann, gerät der Mitarbeiter in die Überforderung, da er zugleich schnell sein will und korrekt sein soll. Mitarbeiter mit einem „Mach’s allen recht“-Antreibern z.B. vermeiden Konflikte und suchen ständig nach Lösungen, die allen passt. Auch dies endet in der Überforderung oder aber darin, dass sich der ganze Frust in einer Explosion löst. Eine leichte Lösung des Konflikts scheint dann nicht mehr möglich.

 

Innere Antreiber reflektieren

Der Blick für die Antreiber ist also wichtig. Was ist mir wichtig? Was bringe ich ein? Welche Unterstützung ist hilfreich? Wo liegen meine Entwicklungsfelder, um mich vor Überforderung zu schützen? Der Selbsttest hilft, den eigenen Antreibern auf die Spur zu kommen. Dann können auch im Team gemeinsam Strategien erarbeitet werden, um den Stress- und Konfliktfallen besser aus dem Weg zu geben. Um die Signale für den destruktiven Anteil der Antreiber rechtzeitig zu erkennen und sie zu bremsen, hilft es sehr, sich im Team offen darauf hinzuweisen. Dadurch werden potenzielle Konflikte bereits im Vorfeld entschärft. Denn das wechselseitige Verständnis schafft eine Basis für die gelingende Zusammenarbeit auch sehr unterschiedlicher Charaktere.

Mit einer einfachen Reflexion können Sie den Antreibern von anderen Menschen auf die Spur zu kommen.* Erstellen Sie dazu eine Tabelle Ihrer Mitarbeiter und füllen Sie sie mit Ihren Beobachtungen: 

  • Charakterisieren Sie kurz die einzelnen Persönlichkeiten im entspannten Setting.
  • Achten Sie auf deren anderes Agieren und Reagieren in schwierigen Situationen. Dabei gilt: die Punkte, an denen Menschen am meisten überfordert zu sein scheinen, machen die Antreiber am deutlichsten. Welchen Hauptantreiber vermuten Sie?
  • Achten Sie auf wiederkehrende Aussagen unter Stress. So kann dies z.B. bei einem „Beeil Dich!“-Antreiber die gehäufte Aussagen sein:“ Ich komme einfach nicht mit der Zeit zurecht“.
  • Was bedeuten die vermuteten Antreiber für das Potential des Mitarbeiters?
  • Welche Unterstützung benötigt der Mitarbeiter, um seinen Antreiber konstruktiv zu nutzen? Wie und wo kann ich ihm diese geben?

Gleichen Sie Ihre Überlegungen im coachenden Gespräch mit dem Mitarbeiter ab. Sie erweitern so die eigene Landkarte ebenso wie die des anderen.

 

Anregungen zur Selbstintervention: Innere Erlauber nähren

Wer seinen eigenen Antreibern auf die Schliche gekommen ist, kann sich aktiv von ihnen frei machen. Dazu können etwa folgende Selbstinterventionen hilfreich sein:**

AntreiberGegenstrategie und Interventionen: Innere Erlauber
Sei stark!
  • Fragen Sie andere Menschen um Hilfe.
  • Erkennen Sie (Bauch-) Empfindungen und Gefühle an und lassen Sie sich von diesen bewegen.
  • Reden Sie darüber. Suchen Sie sich eine Arbeit, die Ihnen leicht fällt.
  • Setzen Sie dem Umfang Ihrer Arbeit feste Grenzen.
  • Richten Sie sich eine Freizeit-Aktivität ein, die Ihnen (kindische) Freude bereitet.
Sei perfekt!
  • Wertschätzen Sie den Sinn für Vollkommenheit als Begabung.
  • Üben Sie sich zugleich darin, sich selbst und anderen unbedingte Zuwendung zu geben und solche anzunehmen.
  • Setzen Sie realistische Standards für die Genauigkeit. Häufig ist 80% genug und das erreichen Sie mit 20% des Aufwands (Pareto Prinzip).
  • Seien Sie Mensch und haben sie kindischen Spaß bei dem, was sie tun. Gehen Sie gelassen mit ihren Fehlern und Defiziten um. Sehen Sie sie als Chance zum Lernen. Und lachen Sie doch ruhig mal über sich.
  • Unterscheiden Sie das perfekte, ideale Ziel und den Perfektionismus in der Durchführung. Nur ab und zu wird das perfekte Ziel erreicht oder übertroffen werden.
Beeil Dich!
  • Planen Sie ihre Arbeit in Etappen, legen Sie Zeitpunkte mit Etappenzielen fest.
  • Es muss nicht alles sofort erledigt werden.
  • Lernen Sie Entspannungstechniken und üben Sie Rhythmuswechsel und Entschleunigung. Entdecken Sie die Qualität der Langsamkeit und der Pause. Entwickeln Sie Ruhe, Gelassenheit, Sorgfalt.
  • Achten Sie auf Ihre (Sitz-) Haltung und Ihre Atmung. Acht- und Langsamkeit ermöglichen, sich seines Denkens und Fühlens inkl. Körperempfindungen bewusst zu werden im Hier und Jetzt. Erst im entspannten Zustand, im Erfahren mit allen Sinnen wird tiefes Lernen  möglich.
  • Achten Sie auf das Tempo der anderen. Konzentrieren Sie sich darauf, anderen sorgfältig zuzuhören und sie ausreden zu lassen.
Mach es allen recht!
  • Sagen Sie bewusst „Ja“ zu dem, was für Sie wichtig ist.
  • Sorgen Sie für Klarheit Ihrer Ziele und Werte.
  • Üben Sie „Nein“ zu anderen zu sagen und klar Kritik zu geben.
  • Erholen Sie sich in der Natur. Die Schöpfung können Sie einfach so genießen, wie sie ist und dabei können Sie sich selbst finden. Seien Sie öfter zu sich selbst nett und bitten sie Leute um das, was sie möchten.
  • Beginnen Sie damit, anderen mehr Fragen zu stellen, was diese wirklich wollen. Arbeiten Sie nicht in voraus eilendem Gehorsam Dinge ab. Lassen Sie andere denken.
Streng Dich An!
  • Üben Sie sich darin, spielerisch leicht Erfolge zu erzielen und feiern Sie diese.
  • Hören Sie auf, (zu viele) Dinge freiwillig zu tun.
  • Setzen Sie Prioritäten.
  • Machen Sie Pläne, die den guten Abschluss einer Aufgabe beinhalten!
  • Machen Sie sich Ihre Aufgaben leicht und nehmen Sie sich Menschen dazu, mit denen es leicht zu schaffen ist.

 

Das Verständnis für die Antreiber macht es möglich mit Gegenstrategien zu intervenieren. Ziel ist es, selbst unter Stress in Distanz zu seinen Antreibern treten zu können und inneren Erlaubern Raum zu geben. Nicht mehr affektiv zu reagieren. Sondern die getriggerten Muster in der Kommunikation und im Verhalten zu entlarven und zu unterbrechen. 

Erfolgsstrategien der Vergangenheit setzen sich gerne als Innere Antreiber in uns fest. Denn das Streben nach Anerkennung ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Erst wenn wir uns bewusst werden, welche Stimmen da in uns aktiv werden, können wir uns auch entscheiden, uns von ihnen zu distanzieren. Eric Berne nannte das, den Ich Zuständen in uns auf die Schliche zu kommen:

  • Jeder Mensch, egal welchen Alters, trage seine Eltern in sich, sein Eltern Ich.
  • Ebenso bewahrt er auch das Kind in sich, das seines Schutzes bedarf.
  • Das gesunde reife Erwachenen Ich kann das Eltern Ich gesunde Schranken weisen. Es nimmt wahr, was das innere Kind zu einer gesunden Entwicklung gerade braucht.

Diesen Ich Zuständen in unserer Persönlichkeit widmen wir noch einen eigenen Beitrag.

  


[1] K. Sejkora, H. Schulze (2016), Die Kunst der starken Führung..

[2] J. Schneider (2013): Burnout vorbeugen und heilen.

[3] J. Hay (1996), Transactional Analysis for Trainers. Watford: Sherwood Publishing.

[4] Peter A. Levine: Sprache ohne Worte: Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt.

 

 

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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.