Ich-Zustände nach Eric Berne - Coaching

Das Modell der Ich Zustände erklärt verschiedene Anteile unserer Persönlichkeit. Im Coaching lässt es sich wirksam zur Entwicklung der Persönlichkeit nutzen.

In unserer Reihe zur Transaktionsanalyse (TA) darf eines der bekanntesten Modelle nicht fehlen: Das Modell der Ich Zustände. Es steht im Zentrum der Theorie der TA und wurde in den 60-er Jahren von Eric Berne entwickelt. Es bildet den Zugang dafür, das Handeln des Menschen aus verinnerlichten Ich Anteilen heraus zu verstehen. Wenn wir klären, mit welchem Anteil der Persönlichkeit wir wann warum und wozu handeln, wächst das Verständnis für uns selbst. Aus dem Verständnis heraus entsteht die Freiheit zur bewussten Veränderung. Daher ist das Modell der Ich Zustände so grundlegend im Coaching.

 

Die Ich Zustände der Persönlichkeit

Eric Berne unterscheidet primär drei Ich Zustände der Persönlichkeit: das Kind-, das Eltern- und das Erwachsenen-Ich. Jeder dieser Ich Zustände wird als eine Einheit aus Denken, Fühlen und Verhalten verbunden.

Inneres Kind

Wer wir sind und wie wir handeln hat viel mit unserer frühen Kindheit zu tun. Die Erfahrungen der ersten Lebensjahre – mögen sie v.a. positiv oder v.a. belastend sein -, prägen sich tief ins Gedächtnis ein. Das innere Kind repräsentiert unsere Erfahrungen, Erlebnisse, Gefühle und Denkweisen, die wir als Kind entwickelt haben. Das Kind, das wir waren, lebt in uns weiter. Mit allen seinen emotionalen Ängsten.

Dabei kommt das Kind in uns in drei Ausprägungen vor:

  • Das freie Kind ist der ursprüngliche und natürliche Teil von uns. Hier sind wir in Kontakt mit unseren Bedürfnissen und Gefühlen. Wir folgen spontan unseren Impulsen und scheren uns nicht um Vorgaben und Regeln. Das freie Kind ist die Quelle für unsere Kreativität, Leichtigkeit und Zufriedenheit. Doch kann das freie Kind auch zu egoistisch und rücksichtslos sein, wenn es ungefiltert seine Bedürfnisse und Gefühle ausleben will.
  • Das angepasste Kind entwickeln wir schon in frühen Jahren. Immer dann, wenn wir mit Regeln, Forderungen oder Kontrolle von Autoritäten in Kontakt sind. Wenn wir uns an den Erwartungen anderer orientieren und unsere eigenen Bedürfnisse oder Ideen zurückstellen. Angepasstes Verhalten und Impulskontrolle sind ein Stück weit nötig, wenn Gemeinschaft funktionieren soll. Problematisch wird es, wenn daraus entsteht, dass wir uns und unsere Wünsche klein machen. Uns nicht trauen, eine Meinung zu haben oder zu sagen.
  • Das rebellische Kind ist der Gegenpol zum angepassten. Bzgl. der Erwartungen anderer geht es darum, das Gegenteil zu tun. Der Rebell wartet nur darauf, sich gegen Autorität aufzulehnen. Das rebellische Kind vermag, Perspektiven zu erweitern, kann aber auch ganz wie ein bockiges Kind, konstruktive Lösungen verhindern, weil es auf dem Recht auf Selbstbestimmung beharrt.

Inwieweit der Mensch Problemen im Leben gelassen begegnet, hängt neben den Genen so z.B. oft von den früheren existenziellen Erfahrungen von Urvertrauen und von den eigenen Ich-Anteile ab. Hier ist die wesentliche Wurzel des eigenen Selbstwertgefühls: Bin ich o.K., so wie ich bin, mit all meinen Wünschen und Bedürfnissen? Oder bin ich nicht o.K.?

Das Eltern-Ich

Die Eltern und ggf. andere Bezugspersonen unserer Kindheit und frühen Jugend haben uns im Positiven wie im Negativen geprägt. Alle Begegnungen und Beziehungen im Leben lassen den Menschen zu dem werden, der er heute ist. Im Eltern-Ich ist all unser Fühlen, Denken und Verhalten gespeichert, das wir von ihnen unreflektiert und unkritisch übernommen haben. Dabei gibt es keine perfekten Eltern. Menschen treffen – in bestem Wissen und Gewissen - gute und z.T. auch undienliche Entscheidungen. Möglicherweise waren die Eltern selbst überfordert – tragen selbst ein noch ungetröstetes inneres Kind in sich, das umarmt werden will. Jeder Mensch sehnt sich danach, angenommen und geliebt zu werden. Im Idealfall entwickelt sich während der Kindheit das nötige Selbst- und Urvertrauen, das später durchs Leben trägt. Doch auch die erfahrenen Kränkungen prägen sich ein und bestimmen unbewusst das menschliche Beziehungsleben. Und die Stimmen bleiben da, auch wenn im Leben eine noch so große Distanz zu den Eltern besteht.

Eric Berne unterscheidet zwei Ausprägungen des Eltern-Ich:

  • Ein nährender und fürsorgender Elternteil. Hier kommt die schützende, lobende, ermutigende, stützende, tröstende oder auch besänftigende Seite zum Tragen. Allerdings kann das auch in Übervorsorge gipfeln und zum Ausblenden von Konflikten führen.
  • Ein kritisch-normatives Eltern-Ich. Es greift auf Vorschriften, Regeln und Verbote zurück oder reagiert mit Abwertung, Drohungen und Vorurteilen. Es duldet nur selten Widerspruch. Damit sorgt es für das Erhalten von Normen. Allerdings kann es negativ übertrieben dazu führen, andere Personen durch Einschüchte-rung oder Abwertung auf Distanz zu halten und Kontrolle auszuüben.

Je nachdem, ob die eigenen Eltern eher ihre fürsorglichen oder kritischen Anteile in der Erziehung eingesetzt haben, übernehmen auch wir stärker den einen oder anderen Teil.

Der reife Erwachsene

Wir tragen alle diese Ich-Anteile in uns. Zu jedem Ich Zustand kann man sich eine bildhafte Vorstellung machen. Oft nutzen bildhafte Stellvertreter, die der Klient selber wählt, um seine verschiedenen Anteile greifen zu können. Bei dem freien Kind etwa kommt einem Pippi Langstrumpf in den Sinn, die fröhlich und nach Lust und Laune in den Tag lebt. Während das angepasste Kind auf den Boden schauend zu allem ein zögerliches Ja erklingen lässt, läuft das rebellische Kind vielleicht mit erhobenem Kopf und trotziger Miene durch die Gegend und lässt sich von niemandem das Nein verbieten. Es gleicht z.B. das kritische Eltern-Ich dem unbeliebten Nachbarn, der mit erhobenen Zeigefinger auf den Einhalt der Hausregeln pocht und nicht müde wird über alles und jeden zu nörgeln. Das fürsorgliche Ich gleicht einer guten Oma, die ihre Enkel verwöhnt, tröstet und liebevoll auf jede Unart blickt. Je nach Erfahrung, Erziehung und auch persönlicher Veranlagung, sind die Anteile unterschiedliche stark ausgeprägt.

Ideal ist, wenn das Erwachsenen-Ich die Führung übernimmt. Dann werden alle Anteile gesehen und anerkannt. Entscheidungen und Taten aber werden aus der Distanz des reifen Erwachsenen vollzogen. Der reife Erwachsene fasst das Denken, Fühlen und Verhalten zusammen, das in der Situation angemessen ist. In diesem Ich Zustand sind wir reflektiert, realistisch, lösungsorientiert im Hier und Jetzt. Frühere Erfahrungen und Normen werden verwertet, aber nicht automatisiert in Taten umgesetzt. Anders als im Eltern- oder Kind-Ich, in dem wir auf Situationen, die wir aus unserer Vergangenheit kennen, immer gleich reagieren. Ohne vorher zu überprüfen, ob unser Verhalten in der neuen Situation noch angemessen ist. Im Erwachsenen Ich bewerten wir die Situationen, nehmen andere ernst, spielen Alternativen durch und finden Lösungen.

Wir können als reifer Erwachsener selbst die Verantwortung für unser Leben übernehmen, uns von den prägenden Eltern lösen und uns selbst der Erwachsene für das innere Kind sein, den wir in bestimmten Situationen gebraucht hätten. Wer sein inneres Kind aus der Warte eines Erwachsenen betrachtet, dem eröffnet sich eine Erklärung, warum wir sind wie wir sind und warum wir immer wieder gleich reagieren, wenn wir auf Probleme stoßen oder unter Stress geraten. Aus dem inneren Wissen kann Befriedung und Zufriedenheit wachsen. Wer Halt und zu sich selbst im Inneren findet, der muss diesen nicht mehr beim Partner, in der Karriere, in der Macht etc. suchen. So entwickelt sich eine stabile Persönlichkeit.

 

Arbeiten mit dem Modell in der Selbstreflexion

Das Modell dient der Erklärung undienlicher Muster aus der eigenen Geschichte heraus. Haben sich Muster stetig wiederholt und verankert, werden sie unbewusst im weiteren Leben aufrechterhalten. Auch wenn es Leiden verursacht, fühlt sich das Schema durch seine Vertrautheit gut und richtig an. Der Mensch fühlt sich durch Ereignisse angezogen, die das Schema bedienen.

Um das zu ändern, muss das Muster und wie es dazu kam, zuerst verstanden werden. Verändernd können dann kognitive, erlebnis- und handlungsbasierte Interventionen und die explizite Überwindung der unerwünschten Muster wirken. Als Rückfallsperre in au-tomatisiertes Denken, Fühlen und Verhalten, wird eine innere Distanz dazu aufgebaut. Wertfreie Beobachtung soll Selbsterkenntnis und Verstehen der Ursachen anregen. Dadurch soll das Handlungsrepertoire vergrößert und alte Muster bewusst mit neuen überlagert werden. Der Weg liegt in der Dissoziation, dem Spalten in verschiedene Anteile und dem Ergänzen von fehlenden Qualitäten. So reflektieren wir am Modell, welche Ich-Anteile wie stark in bestimmten Situationen wirken. Das Bewusstsein für die einzelnen Anteile schafft Distanz und ermöglicht, nicht sofort auf jeden Reiz zu reagieren. Wir erhalten dadurch Ressourcen, die produktiven Ich-Zustände zu stärken. Dazu zählt neben dem reifen Erwachsenen, z.B. die Sonnenseiten des fürsorgenden Eltern-Ich sowie des freien Kindes.

Menschen, die z.B. ein stark ausgeprägtes kritisches Eltern-Ich haben, erkennen die Aufgabe, das fürsorgliche Eltern-Ich zu entwickeln und zu stärken. Denn oft neigen diese Menschen dazu, nicht nur gegenüber anderen sehr kritisch zu sein, sondern v.a. auch gegen sich selbst. Das führt dazu, dass sie sich selbst abwerten und an ihren eigenen hohen Maßstäben scheitern. Sie dürfen sich selbst der fürsorgende Elternteil werden, der ihnen bislang fehlte. Und freundlicher zu sich selbst und zu anderen sein. Bei Menschen mit einem stark angepassten oder einem starken rebellischen inneren Kind, geht es darum, das freie Kind zu stärken. So können sie lernen, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle wieder wahrzunehmen und für ihr Handeln zu nutzen. Das bedeutet, sich von dem Blick auf andere zu lösen und zuerst nach innen zu spüren.

Lässt man den verschiedenen Anteilen in sich Raum, kann man die verschiedenen Stimmen als inneres Team in einen inneren Dialog treten lassen. Nicht selten kommen so Problembeschreibungen und Lösungen zutage, die dem Klienten vorher nicht bewusst waren. Es entsteht mehr Klarheit darüber, welche Stimmen dem Menschen wirklich gut tun. So können sich eingeschliffene Muster lösen, die den Klienten schon seit Jahren in bestimmten Situationen immer wieder blockieren. Um so mehr man für sich selbst mit dem Modell der Ich Zustände reflektiert, um so schneller erkennt man, welcher innere Anteil gerade die Führung will. Wo man in alte Fallen tritt und welche sonstigen Optionen man hat. So ist das Modell der Ich Zustände ein sehr wirksames Instrument, um bei der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit alte Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster zu überwinden.

Es geht um Selbstfürsorge, um die Verantwortung, die jeder für sein Handeln und Tun übernimmt. Um den Kontakt zum eigenen Herzen und das bewusste Spüren verdrängter Gefühle. Das Modell liefert die Basis, die weiteren Modellen der TA, wie Innere Antreiber und Landkarten sowie dem Dramadreieck, zugrunde liegt.

 


LIteratur:

Vgl. Nowak, Claus (2015): Geometrien der Veränderung, 70 Modelle der Führung, Coaching und Change-Management, Verlag Christa Limmer, Meezen, 2015, S. 231 – 238.

Vgl. Sejkora, Klaus / Schulze, Henning (2016): Die Kunst der starken Führung, Verlag Fischer & Gann, Munderfing, S. 21-23.

Vgl. Stahl, Stefanie (2015): Das Kind in Dir muss eine Heimat finden: Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme, Kailash.

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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.