Glück und Unglück: Auch nur eine Frage der Perspektive

Die folgende Weisheitsgeschichte der chinesischen Philosophie aus dem 2. Jhd. v. Chr. entstammt dem Huainanzi, dem umfassendsten Klassiker des Daoismus.[1] Es ist eine Lektion in wahrer Gelassenheit.

 

Vor langer Zeit lebte ein armer chinesischer Bauer am Rande des "Reichs der Mitte". Durch eine Erbschaft kam er zu Geld. Für das Geld kaufte er sich einen kräftigen Hengst und Material für einen Zaun für eine Koppel. Eines Morgens musste er jedoch feststellen, dass der Zaun nicht hoch genug war und ihm der Hengst über Nacht auf das Land der "Barbaren" fortgelaufen war. Als die Nachbarn davon hörten, bedauerten sie den Bauern für das Unglück: „Mensch, du armer Kerl. Jetzt hattest du durch einen glücklichen Umstand wenigstens mal ein Pferd, und dann läuft es dir davon.“ Der Bauer sagte nur: „Ach ja.“

Er machte sich auf die Suche nach seinem Hengst. Nach einigen Wochen entdeckte er ihn in der Wildnis. Er rief und das Tier kam auf ihn zu. Aber es kam nicht alleine. Eine kleine Wildherde folgte dem Hengst. So kehrte der Bauer mit einer Herde edler Pferde in sein Dorf zurück, und die Nachbarn staunten nicht schlecht über das große Glück: „Mensch, hast du es gut. Jetzt bist du der Reichste von uns allen.“ Der Bauer zuckte nur mit den Schultern und erwiderte: „Ach ja.“

So machte sich der Sohn des Bauern daran, die Wildpferde zu domestizieren und einzureiten. Doch bald wurde der junge Mann dabei so unglücklich abgeworfen, dass er sich die Knochen brach und im Gipsbett landete. Wieder eilten die Nachbarn herbei und klagten, was das für ein Unglück für den Bauern sei, da sein Sohn jetzt nicht mehr auf dem Hof arbeiten könne: „Du armer Kerl, jetzt stehst du mit all der Arbeit alleine da, und wer weiß, ob dein Sohn jemals wieder richtig gesund wird?“ Der Bauer antwortete nur: „Ach ja.“

Wenige Tage darauf schreckte das ganze Dorf aus dem Schlaf. Wildes Getrappel in den Straßen und Gassen hatte sie geweckt. Die Barbaren fielen über die Grenze ein und die Soldaten des Kaisers waren angeritten, um alle jungen Männer im Dorf für den Kriegsdienst zu holen. Nur den verletzten Sohn des Bauern wollten sie nicht haben. Da hörte man die Nachbarschaft sagen: „Was hat der Bauer doch ein Glück. Sein Sohn muss nicht in den Krieg." Der aber dachte sich nur: „Ach ja.“

Die Dörfler bewerten die Ereignisse spontan als Glück ("das ist gut") oder Unglück ("das ist nicht gut") ohne sie im größeren Kontext sehen zu können. Der einfache Bauer mit seiner Lebensweisheit weiß, dass das Leben ein Wechselspiel von Yin und Yang, von Licht und Schatten, von Glück und Unglück ist. Er nimmt das Leben in Gleichmut so wie es ist, ohne sofort bewerten und findet darin Ruhe und sein wahres Glück.

 

Eine Lektion in Gelassenheit

Gelassenheit, Gleichmut oder Gemütsruhe ist ein Ausdruck innerer Ruhe und die Fähigkeit, v.a. unter emotionalen Stress und gegenüber dem Unverfügbaren sein seelisches Gleichgewicht zu wahren. Das Leben in Gelassenheit meint also das Leben in der Gegenwart.[2] Meist lohnt sich Aufregung im Hier und Jetzt nicht. Dinge, die schon passiert sind, können durch Aufregung nicht ungeschehen gemacht werden. Und was in der Zukunft passieren könnte, kann durch inneren Aufruhr auch nicht positiv beeinflusst werden. Das einzige, was sich durch die Aufregung wirklich ändert, ist die eigene Stimmung und die der Menschen in der direkten Umgebung... Diese Erkenntnis ist die Grundlage dafür, erst einmal die Sorgen und den Ärger loszulassen: Wer gelassen reagiert, hat mehr Möglichkeiten zu reagieren, kann über die nächsten Handlungen nachdenken und sich gezielt verhalten. Es geht ihm ohne die Dramaspiele dabei besser. Letztlich geht es beim Loslassen um das eigene Ego und auf das Einlassen, auf das was ist.


Es ist die (unbewusste ) Angst der entscheidende Faktor, weil sie den Gleichmut verhindert. Es herrscht eine Dauerspannung vor, in ihrem ganzen Ausmaß nicht bewusst, die die Seelenruhe und damit den Gleichmut verhindert. Solange es so ist, geht der Aufenthalt in der Arena nicht zu Ende. Die Bereitschaft, alle misslichen Gefühle willkommen zu heißen, ist der Einstieg in den Ausstieg.
Uli Ebert

<br/>Die Entscheidung zur Gelassenheit kann man sich zur guten Gewohnheit machen. Was den Körper entspannt, ist gut für die Gelassenheit. Ein erholsamer Nachtschlaf, regelmäßige Pausen und Sport. Auch das Achten seiner Bedürfnisse und frühzeitige Verteidigen seiner Grenzen baut einem steigenden Stresspegel vor. In emotionalen Situationen ist es zentral, seine Gedanken zu reflektieren statt sich in Ängste, Sorgen und Probleme hinein zu steigern. Sich klarzumachen, dass man nur einen kleinen Teil der Realität überblickt und die guten Gründe für das Verhalten anderer meist nicht kennt, hilft nachsichtiger mit sich und anderen zu sein. Sich und andere so zu lassen wie sie sind, statt sie verändern zu wollen. Was angenommen wird, kann sich verwandeln. [3]

Dem Papst des 2. Vatikanischen Konzils, Johannes XXIII. (1881–1963), werden „Die 10 Gebote der Gelassenheit“ zugeschrieben: [4]

Die 10 Gebote der Gelassenheit

Nur für heute werde ich... 

1. Leben … mich bemühen, einfach den Tag zu erleben – ohne alle Probleme meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.
2. Sorgfalt … Wert auf mein Auftreten legen und vornehm sein in meinem Verhalten: Ich werde niemanden kritisieren, anderen nicht korrigieren oder verbessern. Nur mich selbst.
3. Glück … in der Gewissheit glücklich sein, dass ich für das Glück geschaffen bin. Auch für diese Welt.
4. Realismus … mich an die Umstände anpassen, ohne zu verlangen, dass die Umstände sich an meine Wünsche anpassen.
5. Lesen … zehn Minuten meiner Zeit einer guten Lektüre widmen. Wie die Nahrung für das Leben des Leibes notwendig ist, ist die gute Lektüre notwendig für das Leben der Seele.
6. Handeln … eine gute Tat vollbringen – und ich werde es niemandem erzählen.
7. Überwinden … etwas tun, wozu ich keine Lust habe. Sollte ich mich in meinen Gedanken beleidigt fühlen, werde ich dafür sorgen, dass niemand es merkt.
8. Planen … ein genaues Programm aufstellen – auch wenn ich mich vielleicht nicht genau daran halte. Und ich werde mich vor zwei Übeln hüten: vor Hetze und Unentschlossenheit.
9. Mut … keine Angst haben. V.a. nicht davor, mich an allem zu freuen, was schön ist.
10. Vertrauen … fest daran glauben – selbst wenn die Umstände dagegen scheinen, dass die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert als gäbe es sonst niemanden. 
 

 

 


[1] Quelle: Huainanzi, 18. Kapitel. Hier in freier Ausschmückung in Anlehnung an: Junker, Stefan (2018): Krise - Hirn an: Klar denken und handeln bei trüben Aussichten, S. 150-151.

[2] Bei den christlichen Mystikern (wie Meister Eckhart: „Man muss erst lassen können, um gelassen zu sein.“) zielt Gelassenheit auf ein vertrauensvolles Loslassen von der Ichbezogenheit des eigenen Willens in die völlige Einwilligung in den Willen Gottes. 

[3] So meint Anselm Grün, die beste Führung ist die, die die Menschen lassen kann, so dass sie in die Gestalt hineinwachsen, die ihnen entspricht und sie zu guten Menschen werden. Dies meint nicht Gleichgültigkeit, sondern Begleitung, Unterstützung, Stärkung auf dem eigenen Weg. Wenn wir gegen unsere Fehler und Schwächen kämpfen und sie loswerden wollen, bleiben Sie an uns haften. Es gilt viel mehr, die Schattenseiten als Teile des Ganzen zu integrieren, so dass die Lichtseiten zur Entfaltung kommen.

[4] Vgl. Johannes XXIII. (2006): Für das Glück geschaffen: Die zehn Regeln der Gelassenheit. St. Benno, Leipzig. Keine der 10 Lebensregeln in der Übung der Geduld ist spezifisch christlich, was zur weiten Verbreitung beigetragen hat.


Immer neue Inspiration, Fort- und Weiterbildung sind im digitalen Zeitalter v. a. für s. g.  Wissensarbeiter wichtig. Es gilt, der persönlichen Reflexion und dem Abgleich mit Wahrnehmung der Anderen immer wieder Raum zu geben.  Die digitale Transformation verändert unsere Welt. In der vernetzten Welt wird Wissen blitzschnell in z.T. höchster Qualität virtuell geteilt. Einfach nur ins Web gestellt. Es kann so in kürzester Zeit in immer neuen Kontexten neu verknüpft werden. Dazu leisten auch wir bewusst einen Beitrag. Berater des  21. Jhd. verkaufen kein Wissen an sich. Sie verknüpfen Wissen mit praktischen Lösungen. Zum Nutzen des Kundens. Damit die Lösungskompetenz nachhaltig in der Organisation verankert wird, ist uns dabei die offene Umsetzung mit den Leistungsträgern in der Organisation wichtig. Es ist ein Arbeiten an und für die Organisation in der realen Welt. Von Mensch zu Mensch, Face to Face. 

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