Empathie für sich und andere: Wagenheber und Tamale.

Empathie | Mitgefühl - Ein großer Quell der Zufriedenheit ist, anderen zu helfen. Das müssen im Alltag nicht immer "große Taten" sein.

Das neue Jahr leiten wir mit einer wahren Geschichte aus der The New York Times* zu unserem Herzensanliegen ein: Dem Stärken der empathischen Antennen. Tauchen Sie gleich ein…

Während des letzten Jahres bin ich dreimal mit einem Auto auf der Autobahn liegengeblieben: ein leerer Tank, eine durchgebrannte Sicherung, eine Reifenpanne. Das alles ist noch dazu immer dann passiert, wenn ich mit Autos von Freunden unterwegs war. Das hat es für mich noch unangenehmer gemacht. In allen Fällen stand ich am Rand der Fahrbahn und war empört darüber, dass ein Auto nach dem nächsten an mir vorbeifuhr, ohne mir  Hilfe anzubieten. Wo war das Mitgefühl der Menschen geblieben? Selbst zwei Abschleppwagen fuhren einfach vorbei. Letztlich hat dann nach einer gefühlten Ewigkeit jedes Mal doch noch ein Auto gehalten.

Bei der Reifenpanne hatte ich bereits nahezu drei Stunden am Seitenrand gestanden. In meiner Verzweiflung hatte ich ein Schild gemalt, auf dem ich um einen Wagenheber bat. Gerade als ich dabei war aufzugeben und versuchen wollte per Anhalter weiterzukommen, hielt ein Wagen und ein mexikanischer Immigrant stieg aus, gefolgt von seiner gesamten Familie im Schlepptau. Er sprach kein Wort unserer Landessprache. So erklärte mir seine Tochter mit rudimentärem Englisch, dass ihr Vater einen Wagenheber hätte, der aber zu klein für meinen Jeep wäre und deshalb verstärkt werden müsste. Er verlängerte den Wagenheber mit Holz vom Wegesrand und gemeinsam versuchten wir, den kaputten Reifen zu lösen. Ich zog kräftig daran, doch anstelle eines gelösten Reifens hatte ich zwei Teile des Wagenhebers in der Hand. Er war zerbrochen. Das war mir äußerst unangenehm. Dem Mann schien es nichts auszumachen. Er brachte den zerbrochenen Wagenheber zu seiner Frau, gab ihr ein paar Instruktionen und schon brauste sie mit dem Auto davon. Um nach einiger Zeit mit einem neu gekauften Wagenheber zurück zu kommen. Nach einigem Ächzen und Ziehen hatten wir schließlich den Reifen gelockert und den Ersatzreifen montiert.

Ziemlich verschwitzt und mit schwarzen Händen gratulierten wir uns zu dem Erfolg. Die Frau des Mannes zauberte einen großen Krug mit Wasser hervor und wir konnten uns die Hände waschen. Ich versuchte dem Mann 20 Dollar zu geben, doch er lehnte sie ab. So steckte ich sie seiner Frau zu. Ich fragte die Tochter, wo sie denn wohnten – ich dachte daran, ihnen vielleicht ein kleines Geschenk als Dankeschön für ihre Unterstützung zu schicken. Sie erzählte mir, sie wohnten in Mexiko und wären hier, um die nächsten Wochen bei der Kirsch- und Pfirsichernte zu helfen. Danach würden sie wieder heimkehren.

Ich verabschiedete mich und war gerade auf dem Rückweg zum Jeep, da rief mir das Mädchen nach, ob ich denn schon gegessen hätte. Als ich dies verneinte, rannte sie mir mit einer Portion Tamale nach. Diese Familie, ganz sicher ärmer als jeder andere, der auf dieser Autobahn unterwegs war, die als Erntehelfer arbeiteten und für die daher „Zeit ist Geld“ mehr als alles andere galt, nahmen sich einige Stunden Zeit, um einem Fremden zu helfen, während nicht einmal ein Abschleppdienst gehalten hatte. Doch die größte Überraschung erwartete mich erst noch. Als ich im Auto die Folie des Tamale anhob, fand ich darin meinen 20-Dollar-Schein. Ich stieg aus und rannte zurück und hielt dem Mann den Geldschein hin. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem Lächeln in angestrengtem Englisch: „Heute du, morgen ich“. Dann fuhr er los. Ich saß noch eine Weile in meinem Auto und aß das beste Tamale, das ich je gegessen hatte und war platt vor Rührung. Es war ein hartes Jahr gewesen und nichts schien für mich wirklich gut zu laufen. Das, was mir gerade passiert war, war so außergewöhnlich - ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.

Die letzten Monate seit diesem Ereignis habe ich selbst ein paar Reifen gewechselt, ein paar Menschen mit zur Tankstelle genommen und bin sogar einmal 50 Meilen Umweg gefahren, um ein Mädchen zum Flughafen zu bringen. Ich nahm kein Geld dafür an. Doch jedes Mal, wenn ich helfen konnte, fühlte ich mich, als hätte ich etwas auf einer Bank eingezahlt.

 

In der Trainerbranche wird gerne die Metapher des emotionalen Beziehungskontos benutzt. Wie ein Bankkonto misst es den Umsatz an Geben und Nehmen in jeder paarweisen Beziehung. Bei der ersten Begegnung wird es sozusagen eröffnet. Beziehungen sind umso intensiver, je höher der Umsatz ist, wie sich zwei Menschen gegenseitig ihre Bedürfnisse erfüllen. Ist das Konto im Überschuss hält die Beziehung auch einmal Phase aus, in der eine Seite nur abhebt. Daher ist es wichtig, in guten Phasen immer wieder bewusst Einzahlungen auf die Beziehungen zu machen. Der Mann mit den drei Verkehrspannen hat sein Glückskonto von der mexikanischen Familie so aufgeladen bekommen, dass er Auszahlungen an eine Vielzahl von fremden Menschen machte, um sein Glück zu teilen und es so zu vermehren... Wenn wir uns fragen, was die Währung ist, mit der wir auf das Beziehungskonto einzahlen, so dass der andere Glück empfindet, dann landen wir schnell bei der (Schale der) Liebe...

 


[*] Frei übersetzt nach Justin Horner „The Tire Iron and the Tamale“ zu lesen auf reddit.com.

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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.