Bernhard von Clairvaux: Die Schale der Liebe

Führungskräfte sollen zu persönlicher Weiterentwicklung bereit sein. Alle Menschen sollen das, doch bei ihnen kommt es im Unternehmen besonders darauf an. Nur so ist Evolution im Unternehmen zum Guten hin möglich.

Die Auseinandersetzung mit sich selbst kostet Energie. V.a. wenn bislang unbewusste Gedanken und Gefühlen reflektiert werden und unvermittelt unter die Haut gehen. Doch der Prozess führt den Menschen näher zu sich selbst. Um aus seiner gesunden Mitte heraus zu handeln.

Der Hl. Bernhard von Clairvaux (1090-1153), Abt der Zisterzienser, wies schon vor 900 Jahren in einem Brief mit einer berührenden Metapher von der Schale der Liebe auf den Wert der Selbstfürsorge hin:

„Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist.

Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter... Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird zur See. Die Schale schämt sich nicht, nicht überströmender zu sein als die Quelle...

Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle, wenn nicht, schone dich.“

Gerade in dienenden und unterstützenden Berufen ist dieser Wert der Selbstfürsorge zu bedenken.

Zu spüren, inwieweit man gerade mit guten Gefühlen gefüllt ist. Das gesellschaftliche Verdrängen von Gefühlen ist in der deutschen Geschichte verankert. Erst heute beginnt man bewusst, das kollektive Trauma nach dem zweiten Weltkrieg zu betrachten. In der letzten Dekade haben Bücher zur Kriegsenkel-Generation das Bewusstsein geschärft, dass ein unverarbeitetes Trauma noch über Generationen weitergegeben wird. In den Jahren des Wiederaufbaus nach dem zweiten Weltkrieg war es noch nicht möglich, auf den eigenen Schmerz zu schauen. Arbeiten, Durchhalten, Zählen zusammenbeißen war die Devise. Funktionsfähigkeit ist so bis heute in der deutschen Kultur ein Wert an sich geworden. In der Gewohnheit ist daraus gerade in professionellen Kontexten eine Unfähigkeit erwachsen, über Gefühle zu reflektieren und zu reden bzw. sie an- und wahrzunehmen. Wer sich aber selbst in seinen emotionalen Bedürfnissen nicht sehen und spüren kann, wie ist der in der Lage – sowohl angenehme als auch unangenehme – Gefühle des Gegenübers wahrzunehmen und emotionale Konflikte produktiv zu klären? Zuerst mit sich selbst im Reinen zu sein, ist daher nicht die unwichtigste Verantwortung von Führungskräften.

Das Unterbewusstsein steuert das Handeln zu den üblichen Gewohnheiten. In der Gewohnheit fühlt sich der Mensch sicher, in seiner Komfortzone. Oft gehen Denk- und Verhaltensmuster weit in die Kindheit zurück und zurück zur Suche des Kindes nach der Anerkennung von seinen Eltern. Anerkennung von Eltern, die mit sich selbst zu tun und gar keine Kraft hatten, das Kind in seiner Persönlichkeit wahrzunehmen. Kinder beziehen jedes Verhalten der Eltern, das in ihnen Schmerz auslöst, auf sich selbst. Daraus erwachsende Minderwertigkeitsgefühle und Selbstzweifel. Das Zulegen eines emotionalen Schutzpanzers und Verdrängen der Gefühle werden als Schutzmechanismus erlernt. Kompensationsstrategien werden zu inneren Antreibern: Höchstleistungsanspruch an sich selbst, immer der Beste sein wollen, Anerkennungssucht, Workaholic – Strategien, um Belastendes nicht mehr spüren, und um zu beweisen, wie wertvoll man ist. Entsteht dabei Erfolg, ist das Gehirn kurzfristig in Glück und in Sicherheit gewogen. Das Fatale dabei ist, dass der zunächst geerntete Erfolg das Unterbewusstsein bestärkt, dass Verdrängen von emotionalem Schmerz der richtige Weg zum Überleben ist. In der Gewohnheit werden so aus akuten Gefühlen dauerhaft verdrängte Gefühle, um zu funktionieren.[1]

Doch auch die unangenehmen Gefühle wie Wut, Ohnmacht, Panik, Angst, Sorgen, Zweifel, Trauer, Unsicherheit, Schmerz, Schuld und Scham haben ja ihren Sinn. Sie machen auf das aufmerksam, was in der Schale gerade fehlt, auf unerfüllte Bedürfnisse. Längerfristig wird das ständige Unterdrücken von Gefühlen fast immer zum Problem. Somatisch kann es sich etwa in Hochblutdruck zeigen. Es raubt die Fähigkeit zur Empathie, die ja heute als die wichtigste Eigenschaft in der Mitarbeiterführung angesehen wird: Die Empathie zuerst für sich selbst und dann für andere. Empathie ist die Basis von Beziehungsfähigkeit. Oft fehlen denen, die funktionieren, die Kraft und Gelassenheit, anderen wirklich unvoreingenommen entgegen zu treten. Und am schlimmsten: Ihre aufgestauten Emotionen entladen sich dann geballt und unreflektiert in Stress-Situation, in denen sie es am allerwenigsten gebrauchen können. Mitunter hinterlassen sie dann ein wahres Trümmerfeld.

Wer es schafft, die verdrängten Emotionen aufzuarbeiten, sich seine Wunden zu betrachten, um sie dann in Frieden heilen lassen zu können, der ist in der Veränderung. Das gelingt nicht von heute auf morgen. Der Prozess ist kaum alleine zu bewältigen. Der Mensch ist beim Arbeiten an seinen blinden Flecken auf andere angewiesen. Wer erkennt, dass es ihm subjektiv nicht gut geht und Hilfe annimmt, begibt sich auf den Weg. Ein Reflexionspartner, der in emotionaler Distanz durch den Prozess mit dem Blick von außen begleitet und die Ressourcen darin betrachtet, kann hier wertvoll sein.[2] Auch wenn das Bewusstsein dafür mitunter verdeckt ist - jeder hat die Wahl, destruktiv Denken und Fühlen oder zu intervenieren und Emotionen neu zu bewerten. Denn es sind immer die subjektiven Bewertungen von Ereignissen, die das Denken und Handeln bestimmen.

Heute erleben wir ein Aufeinanderprallen der Generationen in der Arbeitswelt und wie junge Menschen die erfahrenen Führungskräfte an neue Grenzen bringen. Die jüngere Generation ist oft mit einer gefüllten Schale voller unbedingter Liebe schmerzfreier aufgewachsen als die Generationen vor ihr. Sie ist das Nehmen viel mehr gewohnt. Sie ist deshalb weniger zu einem Leben ohne Beziehungsqualität bereit. Damit berührt sie ein Tabu bei der älteren Generation, die fehlendes Geben und Einsatzbereitschaft bei den Jungen bemängelt. Tatsächlich ist sie unmittelbar in der Konfrontation in einem eigenen verdrängten Schmerzpunkt getroffen. Wann habe ich mir meine Schale füllen lassen, andere um Hilfe gebeten, Fülle erlebt, den Mut gehabt, für mich selbst zu fordern? Wo bin ich in meinem Mangeldenken gefangen?

In Dankbarkeit nehmen – ohne das Gegenüber auszubeuten – und aus offenem Herzen loslassen und geben, dem Leben vertrauen, dass es die Schale in jedem Augenblick mit dem notwendigen füllt – das muss unsere Gesellschaft erst wieder lernen. Wenn Beziehung ein Umsatz an Geben und Nehmen ist, dann sind es die erfüllten Beziehungen, die dem Menschen soviel geben, dass sie die Schale zum Überfließen bringen. Warum auch sollte das in der Arbeitswelt und in der Führung nicht so sein?[3]

 


 

[1] Vgl. Eva Klein (2019): Frozen Feelings, Umgang mit verdrängen Emotionen, aus: managerSeminare 251, S. 48-54.

[2] Zur Aufarbeitung von Traumata sollte man einen spezialisierten Therapeuten zu Rate zu ziehen. Die Verarbeitung von Traumata sind das beste Erbe, das man der nächsten Generation hinterlassen kann.

[3] Mehr zu unseren Führungskräfte-Trainings im Gesundheitswesen finden Sie hier.

Volle Schale
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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.