Ciompi, Luc/ Endert, Elke (2011)

Gefühle machen Geschichte: Die Wirkung kollektiver Emotionen – von Hitler bis Obama.

Platon hat bereits vor 2.400 Jahren eine Theorie der Gefühle aufgestellt: Zwei vor einen Wagen gespannte Pferde – ein weißes gesittetes und ein schwarzes wildes – werden als Metaphern für Gefühle verwendet. Der Wagenlenker ist die Vernunft, der die Pferde ständig zügelt und vor dem Durchgehen auf die ein oder andere Seite bewahrt. Ohne die Pferde(stärken) – mit rein rationalem, gefühllosem Denken – aber käme der Wagenlenker gar keinen Schritt vom Fleck.

Individuelle und kollektive Emotionen sind dynamisch bewegende Kräfte hinter psychosozialem Verhalten und allem sozialen Leben. Diesen gilt es, sich mit Hilfe der Vernunft bewusst zu werden, statt sie mit unkontrollierbaren Folgeschäden unreflektiert auszuleben. So scheint es ein Irrweg, dass bis heute noch Emotionen fast zwanghaft vordergründig aus dem wissenschaftlichen Denken ausgegrenzt werden. Der Psychiater Luc Ciompi wagt gemeinsam mit der Soziologin Elke Endert in „Gefühle machen Geschichte“ einen persönlichen Blick auf die Menschheitsgeschichte aus der Perspektive großer kollektiver Gefühle – heller und dunkler. Dabei beziehen die Autoren Erkenntnissen aus Psychologie, Soziologie und Zeitgeschichte ein. Der Essay ist im ersten Kapitel und den beiden letzten in ein theoretisches Modell gerahmt. Nach dem Motto: Theorie ist reflektierte Praxis, Praxis ist angewandte Theorie. Dazwischen liegt eine "emotionshistorisch" betrachtende Aufarbeitung von Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus, über den Israel-Palästina-Konflikt und das Verhältnis von Islam und Westen bis zu Barack Obama.

Das Werk ist hochspannend für uns und sicherlich all jene, die sich für die Reflexion systemtheoretischer Mechanismen interessieren. Wenn es auch leider eine schwer lesbare, sehr facettenreiche Lektüre ist und vielleicht daher von der allgemeinen Rezension in der Qualität ihres Inhaltes verkannt wurde.

Ausgangsthese von Ciompis Affektentheorie ist, dass es isolierte Gedanken, Gefühle* und Verhalten nicht gibt. Weder auf individueller noch auf kollektiver Ebene. Vielmehr sind sie wechselseitig abhängig. Nach dem Hebb’schen Gesetz des Psychologen Donald O. Hebb verbinden sich gleichzeitig erregte Nervenzellen und führen zu situationsbedingten Reflexen. Solche fasst Ciompi als Fühl-Denk-Verhaltens-Programme (FDV-Programme) zusammen. Es ist die Energie der Emotionen, die die Brücke vom Denken zum Handeln schlägt. Intensiv erlebte Emotionen – sowohl als angenehm entspannend (Parasympathikus), aber v.a. auch als unangenehm energiemobilisierend (Sympathikus) empfundene – bahnen im vegetativen Nervensystem differenzierte nachhaltig wirksame Programme. Ein solches FDV-Programm kann lange im Unbewussten schlummern und bei situativer Aktivierung sodann überraschend wirksam werden. Die Menge der FDV-Programme bildet das gegenwärtige FDV-System eines Individuums im Kleinen und eines Kollektivs im Großen. Ein Bereich des FDV-Systems ist die Komfortzone der Alltagslogik, in der unbewusst automatisierten FDV-Programme mit minimalem Energieaufwand am Werk sind. Neues wird durch bewusste Wiederholung in die Alltagslogik eingegliedert. Bei überhoher emotionaler Ladung – z. B. wenn scheinbar Selbstverständliches wie Verhaltensregeln verletzt werden – aktivieren unbewusste Schaltungen andere FDV-Programme, was oft mit intensiven Affekten einhergeht.

Alle Emotionen erfüllen einen motivativen Zweck und sind entsprechend sinnvoll. Ob sie konstruktiv oder destruktiv wirken, ist eine Frage des rechten Maßes. Menschliche Gedanken können leider bewirken, dass einigen Emotionen übermäßig nachgehangen und andere Perspektiven nicht mehr wahrgenommen werden. Das gilt individuell, aber noch mehr auf kollektiver Ebene. Bei gleich gerichteten Emotionen in einer Gruppe entstehen so gewaltige kollektive Kräfte. Verstärker- und Resonanzmechanismen bewirken hypnoseähnlich emotionale Ansteckung und führen zu massenpsychologischen suggestiven Effekten. In der Masse lässt sich dann ein Einzelner leicht von Gefühlen leiten und verliert seine Kritikfähigkeit. So reagieren soziale Systeme emotional „systemrational“ mit pseudorationalen Abwehr- und Selbstbestärkungsmechanismen. Alles, um die Identität, Selbstwert und Selbsterhaltung des Kollektivs zu bewahren.

Mit der Sprache vor 10.000 Jahren konnte sich das Denken entwickeln, das zur Sprache bringen unklarer Mixturen an Gedanken und Gefühlen. Durch Reflexion erlangt der Mensch explizites Selbstbewusstsein. Von Emotionen beeinflusster kognitiver Inhalt wird über Sprache zum Bewusstsein gebracht, wodurch Gefühle und Gedanken kontrolliert werden. So kann Denken – mit dem Kognitionsforscher Jean Piaget – als abstraktes Handeln betrachtet werden. Was Denken und Bewusstsein auf individueller Ebene ist, ist Kommunikation auf kollektiver Ebene. Da im Denken (und in der Kommunikation) jedoch grenzenlos alles möglich ist, müssen dem menschlichen Denken z.B. durch positive Wertesysteme Grenzen gesetzt werden.

Ein klarer Wille mit bestimmten kognitiven Vorstellungen, die starke emotionale Motivatoren bereitstellen, ermöglicht sinnerfüllte Ziele zu verfolgen und Triebe und Bedürfnisse aus gegenläufigen Emotionen und Argumenten aufzuschieben. Es ist dieser Wille, der nach der Tiefenpsychologie Sigmund Freuds die psychische Reife des Menschen wesentlich prägt. Jedoch nutzt Wille gerade in der Führung wenig, wenn er mit Ohnmacht, also ohne Macht, einher geht. Dabei bedeutet Macht psychologisch gesehen neutral die Fähigkeit, den eigenen Willen durchzusetzen. Unter negativ zerstörerischen Leitgefühlen bzw. Haltungen (wie Hass, Wut, Aggression) wirkt Macht destruktiv, unter der positiv gemeinschaftsbildenden Haltung der Liebe wirkt Macht hingegen konstruktiv. In der Führung ist es gegenüber dem Kollektiv (bis hin zur ganzen Schöpfung) so eine Verantwortung, stets in die Haltung der Liebe zu bleiben. Die Zeitgeschichte belegt leider nur allzu sehr, welche zerstörenden Entwicklungen sonst möglich sind.

Auf der Basis der Ohnmacht und Scham durch Gesichtsverlust entwickeln sich oft individuelle und kollektive Traumata. Mit der Reflexion von Entstehung, Wirkung und möglichen Auflösung setzt sich das Buch abschließend auseinander. Immer wieder zeigen die Autoren auf: Verdrängen und Vergessen sind keine Optionen. Die Erfahrungen von Ohnmacht und Scham wirken latent, jederzeit abrupt entflammbar als Zunder einer Gewaltspirale, um den eigenen Selbstwert zu stärken. Es gibt nur den einen Weg: auch die schlimmsten Erfahrungen mitfühlend anzusehen, anzuerkennen und zu bearbeiten, um sie nicht unbewusst transgenerativ über Resonanz-Phänomene weiterzugeben. Verdrängung ins Unbewusste, Dissoziation von Emotion vermeidet nicht Übertragungsreaktionen. Um Krisen, Konflikte, Traumata zu lösen gilt es daher, die unterdrückten Gefühle und emotionalen Grenzen des Menschen erst einmal wieder ins Bewusstsein zu bringen, sie anzunehmen und anzuerkennen, wie sie sind, um sie dann dauerhaft ziehen lassen zu können und das Leben wiederzugewinnen. Zur Bewältigung von Traumata ist ein Therapeut angeraten, der diesen in jedem Fall schmerzhaften Prozess begleitet. Zur emotionsbasierten professionellen Krisenintervention stellen die Autoren eine psychotherapeutische Zauberformel vor. Auch der menschliche Sinn für das Schöne, sein Schaffen und Bewahren, als angeborenes FDV-Programm unter dem Leitgefühl der Liebe, um in entspannte Stimmigkeit zu fallen, deutet weitergehende Handlungsoptionen auf kollektiver Ebene an. Ebenso das Abschlussgleichnis der Schwarmintelligenz eines Vogelschwarms als selbstorganisiertes FDV-System, das auch im Tierreich Diversität und situative Rollenübernahmen als Chance nutzt.

 

Luc Ciompi/ Elke Endert: Gefühle machen Geschichte: Die Wirkung kollektiver Emotionen – von Hitler bis Obama, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011.

 

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* Zwischen Gefühl, Emotion, Affekt wird hier nicht differenziert. Vielmehr werden alle drei gleichrangig im weiten Sinne als Oberbegriffe verwendet. Sie umschreiben über Sinneskanäle situativ wahrgenommene seelisch-körperliche Erfahrung. Dabei handelt es sich um evolutionär biologisch verankerte, kurz anhaltende körperliche energetische Reaktionen - überlebenswichtige verhaltensregulierende Funktionen und energetische Wirkungen.

 

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