Führen wie die großen Dirigenten.

Führungsstile | Dirigenten - Dirigenten führen nonverbal. Wie unterschiedlich Führung interpretiert werden kann, zeigt der Vergleich der großen Dirigenten.

 

Der Dirigent eines berühmten Orchesters steht bei seinem Auftritt...

nicht nur physisch. Sondern er steht immer wieder auch - vor einer Challenge: Er hat eine Menge von Hochleistern, Musikern, Spezialisten ihres Instrumentes, die sich voll mit dem identifizieren, was sie tun, zu führen. Er soll die Individualisten zu einem Team formen. Zu einer Harmonie. Soll ein perfektes Zusammenspiel schaffen. Die Symphonie interpretieren, ertönen  lassen und sie dadurch anderen erschließen. Die Originalität der Interpretation, die er aus dem Orchester heraus holen kann, spiegelt seine Qualität als Maestro. Seine Aufgabe dabei ist es, das Publikum beim Auftritt auf den Punkt zu begeistern. Präzision und Leidenschaft muss er in erster Linie selbst ausstrahlen, will er seine Musiker damit entzünden.

Das wird ihm nur gelingen, wenn er es vermag, die Begeisterung der Musiker auf ein gemeinsames Ziel hin zu bündeln. Dann kann die Leidenschaft explodieren und Dirigenten, Musiker und Publikum wie magisch in ihr Zusammenspiels ziehen und begeistern. In eine Art von Flow Zustand, in dem jeder Musiker, jeder Körper, ganz präsent und mit seinem Instrument und seinen Kollegen verbunden ist und das Spiel wie von alleine geschieht. Damit ein solches Miteinander gelingt, muss der Dirigent für Transparenz sorgen und die Wahrnehmung des einzelnen Musikers für die anderen und deren Beiträge zum großen Ganzen fördern. Das Fokussieren der Aufmerksamkeit ist der Job des Dirigenten. Die bewusste Arbeit hierfür findet bei den Proben statt. Beim Auftritt dirigiert er nur noch mit Körpersprache. Ganz ohne ein Wort und ohne einen Ton...

Der Dirigent muss dabei intuitiv, situativ schnelle Entscheidungen für alle treffen, das rechte Maß an Signalen setzen und das Orchester muss diesen geschlossen folgen. Daneben hat er dem Einzelnen immer wieder Raum zur Entfaltung und eigener Verantwortung zu geben, damit die Musik „Seele“ bekommt. Aber eben nur so viel, dass sich alles gut ineinander fügt. Er darf stets eng mit den Musikern verbunden bleiben und das rechte Maß an stabiler Orientierung vermitteln. So dass alle ihre Sicherheit finden und das Publikum am Ende begeistert ist. Für diesen einen Moment leben die Musiker.

Im eindrücklichen TED Beitrag „Führen wie die großen Dirigenten“ betrachtet der israelische Dirigent und Coach Itay Talgram fünf große Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Er interpretiert die verschiedenen Arten der Umsetzung ihrer Aufgabe. In 20 Minuten führt er vor, wie unterschiedlich die Maestros dabei sind. Er gibt einen Einblick in die je einzigartigen situativen Stile der Dirigenten. In die Art und Weise ihrer musikalischen Führung. Und zieht daraus Impulse für die Führung. Auch wenn der TED Beitrag bereits aus 2009 ist, ist er aktuell wie nie. Denn er stellt die wesentlichen Fragen an Führung, die wir gerade auch in der Diskussion um mehr Agilität, Selbstorganisation und Flexibilität bei der Frage nach der Führung der Zukunft erleben:

  • Was ist das rechte Maß von Autonomie sowie von Anweisung und Kontrolle in der Führung?
  • Inwieweit geht es um klare Anweisung und inwieweit um das Gestalten des Prozesses und des Rahmens?
  • Erleichtert das Stiften von Sinn die Führung?
  • Verzichtet Selbstorganisation auf Autorität in der Führung?   
  • Wie viel Emotionen sollen wir in Führung zeigen?
  • Wie kann Führung mehr durch Wirken als durch Tun funktionieren?

Der Beitrag schafft, was sonst bei der Art der Umsetzung der Führungsaufgaben nur schwer darstellbar ist: Er visualisiert die Präsenz der Führungspersönlichkeiten und ihre situativen Führungsstile anhand der Körpersprache und des nonverbalen Ausdrucks der Dirigenten. Das gibt dem Thema eine tiefe Eindringlichkeit. Zugleich demaskiert Italy Talgram aber auch verschiedene Haltungen in der Führung. Die Haltung fragt nach dem Zweck, Sinn und Menschenbild, dem Führung zu dienen glaubt:

Haltungen in der Führung
Dirigenten    HaltungMusiker
  • Riccardo Muti
  • Richard Strauss
Das Stück wird interpretationsfrei so in Perfektion gespielt, wie der Komponist es vorgesehen hat.Musiker drohen auf Dauer, zu seelenlosen Instrumenten zu verkümmern.
  • Herbert von Karajan
  • Carlos Kleiber
Über klare Anweisungen zu seinen Gedanken bzw. zu seiner Vision kontrolliert der Dirigent das Ergebnis.Die Musiker haben aber Freiheit in der Umsetzung.
  • Leonard Bernstein
Der Dirigent lässt die Emotionen frei fließen, um das Publikum zu verzaubern. Über Minuten kommt er beim Dirigieren mit bloßem Lächeln und Augenbewegungen aus.Die Interpretation und freie Ausgestaltung der Musiker machen die Einzigartigkeit des Stücks aus. Die Musiker haben zugleich völlige Freiheit und völlige Sicherheit.

 

Autonomie (Selbstbestimmung) steht in der Aufklärung für die Aufgabe ds Menschen, sich durch sich selbst in seinen Möglichkeiten zu bestimmen. In modernen pluralistischen Gesellschaften bedeutet Respekt vor der Autonomie des Einzelnen, sich in die Lebensanschauungen und persönlichen Entscheidungen nicht einzumischen. Bei sittlichem Handeln nach Emanuel Kant folgt der Wille des autonomen Individuums (z.B. sein Wille zu etwas Größerem beizutragen) dabei der Vernunft. Egozentrierte Triebe, Neigungen, Interessen, Bedürfnisse und Wünsche können so begrenzt und überschritten werden.

Die Dirigenten benötigen Kooperation und Zusammenarbeit im Orchester - und haben dabei doch gegenüber der Führung In Kliniken einen Vorteil: Sie erhalten von ihren autonomen Musikern ganz unmittelbar Feedback auf ihre Anweisungen, Interventionen und ihre Entscheidungen. Eine wichtige Voraussetzung für Spitzenleistung in der Musik. Respekt entsteht, wenn die Beteiligten den Mehrwert ihrer Tätigkeit, Erfolg im Orchester erleben, sich in einem gemeinsamen Rhythmus entfalten. Vertrauen die Musiker in die Kunst des Dirigenten - wie im Bild der Leitstute - dann  stellen sie ihre individuellen Interessen auch gerne hinten an. Ihre Belohnung ist der Moment ungeteilter persönlicher Aufmerksamkeit des Dirigenten und des Publikums. Das wirkt Wunder in der Musik.

Schauen Sie sich die fünf Dirigenten an und prüfen Sie für sich selbst: Welcher Haltung von Führung in Bezug auf die Autnomie des Individuums stehen Sie selbst am nächsten? Tatsache ist: Diverse Wege und Stile führen zum Ziel. Grandiose Musik - mit Standing Ovations als Dank - haben ohne Zweifel alle fünf großen Meister orchestriert. In der Tiefe der Emotion des einzelnen jedoch macht der Stil einen ganz großen Unterschied. Dies zeigt der tief berührende Film vom Regisseur Kay Pollak "Wie im Himmel" über den Star-Dirigenten Daniel Daréus ganz eindrücklich.

 

 

 

Führen wie die großen Dirigenten
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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.