Das Lied Deiner Seele: Wenn Du es vergessen hast

Eine wundervolle Geschichte über den südafrikanischen Stamm des Hirtenvolks der Himba, eines der letzten indigenen Völker. Dort kommt jeder Mensch mit seinem eigenen Seelenlied auf die Erde.

 

Es heißt, im Stamm der Rinderhirten der Himba - im Nordwesten Namibias und im Süden Angolas - gilt als Geburtstag eines Kindes nicht der Tag, an dem es geboren oder an dem es empfangen wurde, sondern der Tag, an dem das Kind zum ersten Mal als Gedanke im Kopf seiner Mutter war.[1] Wenn eine Frau beschließt, dass sie ein Kind empfangen will, geht sie aus dem Dorf, setzt sich unter einem Baum und lauscht in sich hinein, bis sie das Lied des Kindes hören kann, das durch sie geboren werden will.

Nachdem sie das Lied des Kindes gehört hat, kehrt sie zurück zu ihrem Mann, der der Vater des Kindes sein wird, und lehrt auch ihn das Lied. Wenn sie sich dann lieben, um das Kind zu empfangen, dann singen sie als Einladung gemeinsam das Lied des Kindes.

Wenn die Mutter schwanger ist, lehrt sie auch die Hebammen und die alten Frauen des Dorfes das Lied zu singen, so dass die Menschen um sie herum während der Geburt das Lied des Kindes singen können, um es zu begrüßen.

Und dann, wenn das Kind aufwächst, lernen auch alle anderen Dorfbewohner dessen Lied. Wenn das Kind sich verletzt, wenn es fällt und etwa seine Knie schmerzen, schließt es jemand in die Arme und singt sein Lied dazu. Wenn das Kind etwas Wunderbares tut, wenn es durch die Riten der Pubertät geht, wenn es heiratet – auch dann singen die Menschen des Dorfes sein Lied, um seine Seele zu ehren. In der Ehe singen die Partner ihre Lieder gemeinsam und füreinander. 

In dem afrikanischen Stamm gibt es noch eine weitere Gelegenheit, zu der die Menschen im Dorf dem Kind sein Seelenlied singen: Wenn es einmal einen Fehler oder gar ein Verbrechen beging, wird es in das Zentrum des Dorfes gerufen. Die Gemeinschaft lässt alles stehen und liegen, womit sie beschäftigt ist, und bildet einen Kreis um es herum.[2] Und dann singen sie sein Lied. Jeder Mensch sehnt sich doch nach nichts mehr als nach Liebe, Zuwendung und Frieden. Der Stamm fühlt, dass ein unglückliches Verhalten nicht nach Bestrafung ruft, sondern nach Liebe und nach Erinnerung an die wahre Identität der Seele. Ein Freund, so sagen sie, ist jemand der das Lied deiner Seele singt, wenn du es selbst vergessen hast.[3]

Auf diese Weise geht das Kind bis ins hohe Alter durch sein Leben. Und wenn es eines Tages schließlich auf dem Sterbebett liegt, bereit, diese Welt zu verlassen, dann kommen die Dorfbewohner zusammen und singen ein letztes Mal für es sein Seelenlied.

 

Melodien und Harmonien prägen den Mensch auch in der westlichen Welt noch vom Mutterleib an, indem sie tief im Inneren berühren. Gerade in einer von Verstand und von Sprache geprägten Welt gibt es nur weniges, das auf so einfache Weise mit Glück erfüllen kann, derart präsent ist und einen so großen Einfluss auf das direkte Erleben von Emotionen, hat wie Musik. Und so machen wir uns doch in Zukunft immer wieder den Klang unseres Vornamens als unsere ganz persönliche Melodie bewusst, den uns unsere Eltern als erstes Geschenk mit ins Leben gegeben haben und den sie alle in unserem Umfeld gelehrt haben...

 

 


[1] Vgl. Cohen, Alan (2002): Wisdom of the Heart: Inspiration for a Life Worth Living, Kapitel 2: Sing your Song.

[2] Diese Zeremonie der Vergebung wurde ähnlich auch von Marshall Rosenberg von einem zentralafrikanischen Stamm im Nordosten von Sambia berichtet, den (Ba)Bemba: Alle im Dorf bilden einen Kreis um den Betreffenden und fassen sich an die Schultern. Wer sich anfasst, gehört zur Gemeinschaft. Nur der, der sich gegen das soziale Miteinander vergangen hat, muss alleine in der Mitte stehen. Dort wird er an seine guten Eigenschaften erinnert, damit er wieder mit besseren Gefühlen in die Dorfgemeinschaft zurückkehren kann. In einem Stamm müssen alle an einem Strang ziehen, Nahrung beschaffen und sich gegen Angriffe verteidigen. Resozialisierung vermeidet, dass die Gruppe nicht bei jedem Verstoß eines Mitglieds kleiner wird. Der "Bösewicht" muss es ertragen, dass ihm seine guten Eigenschaften zugerufen werden. Und reihum wird er in allen Einzelheiten an die Geschichten erinnert, was er schon alles an Gutem im Leben beigetragen hat, an alle seine positiven Eigenschaften, seine Stärken und seine Güte. Sie erzählen es ihm aufrichtig und voller Liebe, ohne zu übertreiben und ohne böse Gedanken. Die Zeremonie geht solange, bis jeder im Dorf mitgeteilt hat, wie sehr er diese Person als Mitglied der Gemeinde schätzt und respektiert. Das kann auch mehrere Tage dauern. Nimmt er all das an, ist er wieder in die Dorfgemeinschaft aufgenommen: Er gehört wieder dazu, und als erstes Zeichen reiht er sich in den Kreis ein und übt mit den anderen den Schulterschluss. Am Ende wird der Kreis geöffnet und miteinander gefeiert. Meist wirkt diese Form der Vergebung nachhaltiger und intensiver als jede Strafe. 

[3] Interpretin: Dörte Badock, Text und Musik: Karl Adamek.

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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.