Breithaupt, Fritz

Kulturen der Empathie. Erkenntnisse aus Psychologie, Kognitionswissenschaft, Literatur und Philosophie.

Für uns ist ein zentraler Erfolgsfaktor für Veränderungsprojekte entscheidend: Die Fähigkeiten der Führungskräfte in Bezug auf empathische Führung. Mit diesem Fokus ist uns glücklicherweise das unscheinbare Suhrkamp-Büchlein von Fritz Breithaupt in die Hände gefallen.

Fritz Breithaupt berücksichtigt die psychologischen und kognitionswissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte, die Literatur und Philosophie über Empathie und Mitleid, um verschiedene »Kulturen der Empathie« zu unterscheiden und als sozialen Prozess zu beschreiben.

Bedingung von Empathie ist z. B. Ähnlichkeit, weil wir nur aus unserer eigenen Erfahrung heraus erahnen können, wie sich der andere fühlt. Ähnlichkeit wird jedoch überschätzt, denn jeder Mensch nimmt die Welt auf seine eigene Weise wahr. Die Realität gibt es nicht, nur unterschiedliche Wahrnehmungen der Realität. Trotzdem findet Empathie augenscheinlich statt. Empathie ist demnach stets subjektiv, nicht mehr als die Vorstellung eines Beobachters, den anderen und dessen persönliches Modell der Welt kognitiv zu verstehen. Egal wie gut sich etwa ein Paar über die Jahrzehnte kennt – der andere ist nie vollständig zu erfassen. Und das ist gut so: Deshalb bleibt stets eine gewisse Spannung.

„Die Entdeckung der so genannten Spiegelneuronen, die Diskussion um die 'Theory of Mind' und Überlegungen von Evolutionsbiologen zur sozialen Intelligenz des Menschen haben Mechanismen zu Tage gefördert, die es uns erlauben, in die Haut der anderen zu schlüpfen. Die Kognitionswissenschaften geben uns nicht nur erstaunliche Aufschlüsse über die Mechanismen von Empathie, sondern zeigen auch, dass Menschen wohl gar nicht anders können, als mit anderen mitzufühlen“, so Breithaupt in seinem Vorwort. Gesellschaftstheoretisch wird Empathie, das In-die-Haut-des-anderen-schlüpfen, zunehmend als der Kitt gesehen, der die Gemeinschaften zusammenhält. Verbindung wird dabei gerne narrativ über Geschichten und Bilder hergestellt. Das Wesentliche scheint dabei zu sein, dass eine Bereitschaft besteht, sich auf die Geschichte des anderen einzulassen. Um die Gefühle des anderen zu verstehen, ist der zeitliche Prozess ausschlaggebend: ich muss durch ein Vorher und Nachher auf die Gefühle des anderen schließen können. So erregen z. B. hungernde Menschen in Afrika unser Mitleid, ohne eine zugehörige Geschichte aber nicht unser Mitgefühl. Uns fehlt die Möglichkeit zu verstehen, zu beobachten und Partei zu ergreifen, um mitfühlen zu können.

Breithaupt arbeitet heraus, dass unser Verständnis von Empathie zu eng gefasst ist, wenn wir sie nur auf ein In-den-anderen-hineinfühlen auf einer bidirektionalen Ebene beschränken und entwickelt daraus ein Modell für Empathie als Resultat einer Dreierbeziehung, in der der Beobachter eines Konflikts mental für einen der beiden Kontrahenten Partei ergreift. Der Beobachter nimmt eine Reaktion bei sich wahr und wird beteiligt. Seine Passivität in der Handlung ermöglicht ihm die Aktivität der Beobachtung. So entsteht Empathie aus der Beobachtung und Wahrnehmung einer nicht-harmonischen Interaktion von mindestens zwei Parteien und ein mentales Partei ergreifen für eine der beiden Seiten. Partei zu ergreifen fällt uns dabei leichter für Menschen mit Konturen als für Menschen ohne. Parteinahme folgt dabei unterschiedlichen Prinzipien

  1. als strategische Entscheidung,
  2. durch bewertendes Aufrechnen, wer im Recht ist,
  3. durch Privilegierung des tendenziell passiveren Handlungsempfängers.

Ist die Parteinahme festgelegt, wird Bestätigung in den geschaffenen Bündnissen gesucht. Die Parteinahme setzt durch die hervorgerufene Empathie sekundär Emotionen und Affekte frei, die sich selbst wiederum bestätigen. Empathie wird zu einem Akt, der die schnelle Parteinahme zeitlich verlängert. Die Parteinahme schließt Konkurrenz zumindest kurzfristig aus und treibt damit die Festigung der Gemeinschaft voran, ohne dass dies etwas mit Ethik zu tun hat. So kann sie z. B. durch das Leiden eines anderen erkauft werden. Empathie verbindet Menschen miteinander, führt aber nicht zwangsläufig zu einer besseren Welt voller Mitgefühl. Breithaupts Untersuchung zeigt, dass Empathie ein wichtiges Bindeglied unserer auseinander strebenden Gesellschaft ist. Der Umkehrschluss jedoch, dass empathische Menschen automatisch auch 'moralisch gut' sind, ist falsch.

Sein Empathiemodell stellt so ein hilfreiches universales Erklärungsmodell dar, um die Mechanismen von Empathie zu durchleuchten, ohne auf Ebene unterschiedlicher Grundprinzipien zu verharren. Eine spannende Lektüre mit hohem Empfehlungswert.

Breithaupt, Fritz: Kulturen der Empathie. Suhrkamp Verlag, 2009.

 

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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.