40 Tage Fasten: Sehnsucht nach der Mitte.

Fastenerfahrung | Zeit der Reflexion - Veränderung bedarf einer Anfangsmotivation, Rhythmuswechsel, Loslassen von Ballast und neuer persönlicher Erfahrung.

 

Meine ganz persönliche Erfahrung

Es ist eine verrückte Geschichte. Am 15.11.2013 hatte ich ein Buch zum vierzigtägigen Fasten in der Hand. Im Christentum hat dies seit dem 4. Jahrhundert lange Tradition. So diente das vierzigtägige Fasten als Zeit der Vorbereitung auf die Erwachsenentaufe, die damals nur in der Osternacht gespendet wurde. Dies spielte auf das 40-tägige Fasten Jesu in der Wüste an (Mt 4,2). Das lange Fasten etablierte sich dann nach und nach als Fastenritual zwischen Aschermittwoch bis Gründonnerstag. Und die Zahl 40 ist ja keine unbekannte biblische Symbolzahl im Kontext von Veränderung...

Kurzentschlossen griff ich den Impuls auf und begann direkt am nächsten Tag mit einer 40-tägigen Fastenzeit über den Advent bis zum 24.12. Ohne jede Fastenerfahrung im Vorfeld. Eine radikale Veränderung von heute auf morgen, die zunächst vielen Glaubenssätzen trotzen musste (z.B. „an Schokolade komme ich nicht vorbei" , „das schaffe ich nie" etc.). Das besagte Buch hat durch Hintergrundinformation aufkeimende Bedenken zerstreut und zugleich in mir eine tiefe Sehnsucht angerührt. Einen solchen initialen Impuls zu bewirken, der tiefen Anklang im Inneren findet, ist die hohe Kunst der Motivation in der Veränderung. Dem Buch ist das bei mir v.a. durch eines gelungen: Es hat mehrere intrinsische Motivatoren bei mir angesprochen.

Ein starkes Motiv lag bei mir in der Neugier für die Selbsterfahrung, mir selbst in der Tiefe zu begegnen. Dies ist, wofür ein lange Fastenzeit von 40 Tagen spricht: Fasten führt durch Verzicht zum Innehalten und zur Konzentration auf das Wesentliche. Wer tiefen Inhalt im Leben erhalten will, muss sich Schicht für Schicht nach Innen wenden, innehalten, auf sich selber hören. Wer sich selbst tief vertraut, wird gegenüber sich selbst und anderen auch Vertrauen ausstrahlen können und diesen damit in der Weiterentwicklung hilfreich sein. Auf diesen Prozess war ich neugierig.

Über die Fastenkrisen zur inneren Tiefe

In den ersten Tagen der Fastenkrisen tauchten bei mir die bekannten Symptome der Erstverschlimmerung auf. Es ging also direkt in medias res.

  • Eine Auseinandersetzung mit meinen Lebensthemen – bei mir etwa das Thema der klipp und klaren Abgrenzung und persönlichen Grenzziehung – es stellte sich wie von selbst immer wieder. Und irgendwann war eine neue Antwort da: Die Grenzziehung fand ich in der Frage nach der Ausgewogenheit von Geben und Nehmen.
  • Der Körper schaltete mit Beginn des Fastens unmittelbar auf Energiesparmodus um. Ich begann intuitiv sämtliche Multitasking-Tätigkeit niederzulegen. Es galt, die eingeschränkte Energie bewusst einzusetzen. Das Erstaunliche daran: am Ende der Woche hatte ich qualitativ gar nicht weniger geschafft als sonst, aber viel fokussierter.
  • In der Auseinandersetzung regten sich offenbar bislang von mir verdrängte Widerstände. Bei mir war das etwa die Frage des Vertrauens in die eigene Intuition: Weist sie mir wirklich zielsicher den Weg für meine neue Grenzziehung?

Über die Fastenzeit musste ich mit meiner Energie wirklich gut haushalten. Dabei wurde mir zugleich immer bewusster, dass Symptome für ein übermäßiges Geben für mich zuverlässig und ganz einfach zu entschlüsseln sind: ich entdeckte mein Empfinden im Hier und Jetzt als verlässlichen Wegweiser. Meine Arbeitstage in der Arbeit mit Menschen sind intensiv. Wenn ich mich aber am Ende des Tages fühle, als wäre mir übermäßig viel Energie "ausgesaugt" worden, dann ist dies ein zuverlässiger Indikator dafür, dass ich an dem Tag von der anderen Seite wenig bekommen hatte, was dazu taugte, auch meinen Akku in der Zusammenarbeit aufzuladen. Und wenn sich solche Tage beim gleichen Kunden häufen, dann habe ich in dem Projekt garantiert eine Aufgabe, über professionelle Abgrenzung nachzudenken. Zugleich begann ich sehr bewusst wahrzunehmen und dankbar anzunehmen, wie viel meine Kunden mir tagtäglich geben: Das geht von der Gastfreundschaft in den kleinen Gesten, über die gemeinsame Mittagspause, über das Teilen persönlicher Erfahrungen bis zum Schenken von Vertrauen. 

In dem ich mich dem Symptom des „Ausgesaugt Fühlens“ bewusst zuwendete, entschlüsselte ich dann auch, wieso es mir bislang als erfolgreiche Strategie dienlich war, übermäßiges "Geben" zuzulassen. So erlaubte ich mir, das Muster bewusst als Teil meiner Geschichte im Frieden hinter mir zu lassen. In meiner neuen Perspektive möchte ich es nun aber bewusst durch ein neues Bild ersetzen. Mit dem gefestigten neuen Zielbild von fruchtbarer Zusammenarbeit habe ich eine große Veränderungskraft erlebt. Die tauchte immer wieder unverhofft wie aus dem Nichts auf und führte mich dazu, mich lösungsorientiert mit meiner persönlichen Herausforderung auseinanderzusetzen.

Fastenbrechen und zurück zur Normalität

Fastenbrechen meint die erste Mahlzeit nach dem Fasten. Das Essen muss langsam wieder begonnen werden. Meistens freut man sich auf den ersten Apfel, der nun so intensiv schmeckt wie kaum ein Apfel im Leben zuvor. Bei einer langen Fastenzeit ist das zudem mit dem Stolz verbunden, die Zeit des Verzichts durchgestanden zu haben.

Die Tiefe der vierzigtägigen Fastenerfahrung trägt dazu bei, dass die in der Fastenzeit erlernte Veränderung nach dutzenden erfolgreichen Wiederholungen tief verankert ist und  nachhaltig wirkt. Bei mir ist es bis heute in mein Leben Integriert: Mehr auf mich selbst zu hören und mir Raum zu nehmen für Intuition, im Moment sein und mit allen Sinnen wahrnehmen. Dazu brauchte es eine Zeit der Entschleunigung und Rhythmuswechsel. Die Zeit zum Sein bekam eine eigene Qualität. Ich konnte den ein und anderen Alltagsballast ablegen. Als Gegenbild zum Zeitdruck und Effizienztreiben im Job. Nach 5 Jahren hatte ich einmal wieder eine Erfahrung, mich mächtig über einen Kunden als "Energieräuber" zu ärgern. Und dabei ist mir erst so richtig bewusst geworden, wie lange ich ein solches Erlebnis, dass Geben und Nehmen sich nicht die Waage halten, und ich als Berater einfach respektlos behandelt werden, einfach nicht mehr erlebt hatte...

Auf mich selbst zu hören und mir Raum zu nehmen für Intuition, im Moment sein, mit allen Sinnen spüren, war eine großartige Erfahrung der Fastenzeit. Dazu brauchte es Entschleunigung und Rhythmuswechsel. Die Zeit zum Sein. Alltagsballast ablegen, statt sich in immer mehr Zeitdruck und Effizienzstreben zu verlieren. Über den Zeitraum von 40 Tagen ging die Selbsterfahrung von Woche zu Woche, von Schicht zu Schicht immer wieder noch ein Stück tiefer. Nicht mehr und nicht weniger hat der Fastenratgeber versprochen. Und das hat das lange Fasten bei mir am Ende erreicht.

Veränderung braucht Zeit für neue Erfahrungen

Auch wenn unterschiedliche Untersuchungen verschiedene Faustregeln nennen. 30 oder 40 erfolgreiche Wiederholungen bis sich neue Muster den Weg bahnen, wir der Sisyphus-Falle entgehen und diese sich als neue Gewohnheiten verankern und verinnerlichen, stellen eine hilfreiche Orientierung dar. Es braucht eine Anfangsmotivation, Rhythmuswechsel und Loslassen von der Alltagsroutine, Zeit und neue persönliche Erfahrungen, die gut tun...

P.S. Ganz nebenbei habe ich auch noch etliche Kilos abgenommen. Doch nachhaltig ist das nicht. Nach weiteren 40 Tagen, war das Gewicht schon fast wieder beim alten Stand. Wer Fasten will, um nachhaltig abzunehmen, der muss auf Dauer seine Ess-, Trink- und Bewegungsgewohnheiten ändern. Da geht kein Weg daran vorbei und da hilft keine einmalige Hauruck-Aktion. Sie kann nur den initialen Anschub leisten.

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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.