# 11. Paradoxon vom Erwarten des Scheiterns

Lernen vom Kleinkind: Wenn wir Rückschläge und Scheitern erwarten und in einer positiven Haltung annehmen, dann erst lassen wir uns auf die Veränderung in der Tiefe auf sie ein.

 

 

 

Hochkonzentriert zieht sich das Kind nach oben. Mit den kleinen Fingern umklammert es die Kante des Couchtisches. Zentimeter um Zentimeter zieht es sich hoch. Steht am Ende auf seinen Füßen. Wackelig, aber fast aufrecht. Und dann… zack! Fällt es wieder hin. Sitzt auf dem Boden. Schon wieder. Alles umsonst. Vergeblich bemüht. Gescheitert... Was heißt das für das Kind? Dass es jetzt auf dem Boden sitzen bleibt? Dass es sich sagt: Stehen, gar laufen - das ist nichts für mich!!!? Einmal gescheitert, immer Verlierer? Natürlich nicht! Schon nach kurzer Zeit wird sich der kleine Mensch wieder aufraffen. Einen neuen Versuch starten. Bis er es irgendwann schafft. Und fest auf eigenen Beinen steht. Hinfallen, verlieren, scheitern - für das Kind gehört es ganz natürlich dazu. Es ist Teil des Prozesses, den es braucht, um zu lernen.

Alles ist schwer, bevor es leicht ist. Wir Erwachsene tun uns damit schwerer. Alle wollen erfolgreich sein – Rückschläge, Scheitern und Versagen einzugestehen, das passt nicht in dieses Bild. Und dabei kennen wir es doch alle. Jeder von uns hat Erfahrungen mit dem Scheitern gemacht. Sei es im Beruf, im Privatleben oder im Zusammenspiel von beiden. Rückschläge sind normal. Und diese Erfahrungen, behaupte wir, sind auch gut so für uns. Entwicklung erfolgt in Spiralen, nicht einem steilen Aufwärtspfad. Und aus den Erfahrungen des Selbst-Wideraufstehen-Könnens entsteht ein wahres Energiepotenzial.

Auch in Veränderungen in Ihrer Organisation. Da sehen wir oft Ähnliches, wie das, was wir beim Kleinkind beobachten. Nämlich, dass Menschen während der Veränderung ein unterschiedliches Maß an Vertrauen in sich selbst haben, das Ziel zu erreichen. Gerade nach der ersten Umsetzungsphase und den ersten Rückschlägen, fällt das Selbstvertrauen in den Keller. Wenn z.B. bei einer neuen Operations-Methode Unsicherheit im Zusammenspiel des OP-Teams entsteht. Das ist die kritischste Phase im Projekt. Dann ist die Frage: Wie gehen die Protagonisten damit um? Stehen sie wieder auf und bleiben dran? So wenig wie wir die Rückschläge wollen, so wichtig sind sie. Wenn wir sie erwarten und in einer positiven Haltung annehmen, dann sind wir mitten in der Veränderung und lassen uns in der Tiefe auf sie ein. So funktioniert Veränderung.

Mit diesem Verständnis können wir Scheitern aus seiner geistigen Verbannung befreien. So, wie das Kind sein Ziel nicht aus den Augen verliert, dürfen auch wir neuen Anlauf nehmen. Uns wieder und wieder an den Tischkanten des Lebens hochziehen. Veränderung braucht Zeit. Wenn wir uns dessen bewusst sind, braucht sie vermutlich weniger Zeit. Und am Ende werden wir wissen, wie wir es schaffen, fest zu stehen.

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