TK-Stressstudie | AOK-Fehlzeitenreport - Kultur 2016.

Die TK-Stressstudie 2016 und der AOK-Fehlzeitenreport 2016 weisen auf ein zunehmendes Stressniveau und den Wert einer positiven Unternehmenskultur hin.

 

TK-Stressstudie 2016

Der Vorstand der Techniker Krankenkasse (TK), Jens Baas, warf gerade den Krankenkassen Anstiftung zur Manipulation von Diagnoseschweren für höhere Transferzahlungen im Risikostrukturausgleich vor. Mit der Präsentation der TK-Stressstudie 2016 hat er am 12.10.2016 erneut diskussionswürdiges Material veröffentlicht.

Zum dritten Mal wurde das Meinungsforschungsinstitut Forsa für eine repräsentative Querschnittsbefragung der Erwachsenen in der deutschen Bevölkerung zum Thema Stress beauftragt. Die Ergebnisse sind in einem interessanten 52-seitigen Studienband zusammengefasst. 15 Fehltage weist jeder Berufstätige 2015 durchschnittlich auf. Hoch empfundener Stress schlägt sich – wie der regionale Vergleich zeigt - nicht unmittelbar in höheren beruflichen Fehlzeiten nieder. Je häufiger, intensiver und anhaltender der Stress, desto größer ist das Risiko, dass er auf die psychische und physische Gesundheit geht. Ob Stress krank macht, hängt aber auch von individuellen Ressourcen und Widerstandskräften des Einzelnen ab. Alarmierend ist, dass das durchschnittlich empfundene Stressniveau weiter gestiegen ist und dass psychische stressbedingte Krankheiten in der Fehltagestatistik immer mehr Raum einnehmen. Einige Fakten der Befragung zum aktuellen Stressempfinden sind z.B.

  • 61% der Befragten empfinden 2016 mehr Stress als 2013.
  • 61% (2013: 57%) aller Erwachsenen geben an, sich manchmal oder häufig gestresst zu fühlen, 23% (2013: 20%) bezeichnen sich als häufig gestresst.
  • Wichtigster Stressfaktor ist laut der Studie der Job (46%, bei Männern sogar 54%). Dieser rangiert vor hohen Eigenansprüchen (43%, bei Frauen: 48%), Termindichte in der Freizeit (33%), Straßenverkehr (30%) sowie der ständigen digitalen Erreichbarkeit (28%, bei Männern: 34%).
  • In ihren Haltungen und Strategien im Umgang mit Stress sind die Deutschen sehr verschieden: 16% bezeichnen sich als Kämpfer (haben den Ansporn, etwas zu erreichen und laufen bei Stress zur Hochform auf), 56% als Durchhalter („Augen zu und durch“) und 22% als Vermeider (ziehen sich zurück und warten ab). 

 

AOK-Fehlzeitenreport 2016

Unbestreitbar haben Digitalisierung, Globalisierung und Verfügbarkeitsanspruch der Kunden die Arbeitswelt in den letzten Jahren verändert und verlangen den Beschäftigten hohe Flexibilität, Mobilität und Eigenverantwortung ab. Unternehmen erwarten Leistung und geben die Erwartung häufig als Druck an die Belegschaft weiter. Für die langfristige Leistungsfähigkeit unter Druck braucht es nach dem Kohärenzgefühl der Salutogenese dazu Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit und Sinn als persönliche Ressourcen. Gerade bei langfristig steigendem Stressniveau sind Unternehmen mehr als je zuvor gefordert, gesunde Arbeitsbedingung und eine gute Führungsarbeit diesbezüglich bereitzustellen. Der ebenfalls erst kürzlich erschienene diesjährige AOK-Fehlzeitenreport 2016 (B. Badura/ A. Ducki/ H. Schröder/ J. Klose/ M. Meyer (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2016, Unternehmenskultur und Gesundheit - Herausforderungen und Chancen Reihe: Fehlzeiten-Report, Jahrgang 2016) vom 12.9.2016 unterstreicht dies. Er stellt die Wichtigkeit einer als positiv erlebten Unternehmenskultur für den Erhalt der beruflichen Leistungsfähigkeit heraus. Einige interessante Zusammenhänge, die der Fehlzeitenreport 2016 hierzu aufdeckt, sind:

  • Für eine gute gesundheitsfördernde Unternehmenskultur ist Mitarbeitenden v. a. die Loyalität des Arbeitgebers (78%) und das Loben (69%) im Arbeitsalltag wichtig. 
  • Nur 55% der Beschäftigten erleben, dass der Arbeitgeber hinter ihnen steht, lediglich 50% der Beschäftigten werden für gute Arbeit gelobt.
  • Mit der eigenen Gesundheit unzufrieden sind 27,5% derer, die eine schlechte Unternehmenskultur erleben, aber nur 8,9% derer, die eine gute Unternehmenskultur erleben. 
  • Körperliche Beschwerden im Zusammenhang mit der Arbeitstätigkeit sehen 66,6% derer, die die Unternehmenskultur schlecht bewerten, gegenüber 32%, die sie als gut erleben.
  • 2015 haben mehr als zwei Wochen im Betrieb gefehlt 31% derer, die die Unternehmenskultur schlecht bewerten, gegenüber 16,9% bei denen mit einer positiv erlebten Unternehmenskultur. 
  • Gegen ärztlichen Rat krank zur Arbeit gehen 16,9% der Beschäftigten in einer als schlecht erlebten Unternehmenskultur, gegenüber nur 11,8% der Beschäftigten in einer als gut erlebten Unternehmenskultur. 

Gerade im Klinikwesen – mit der helfenden Haltung vieler seiner Akteure – hat sich ein Beschleunigungsmechanismus etabliert, der in die private und berufliche Lebensführung des einzelnen Mitarbeitenden weitreichend eingreift. Erwartungen und Ansprüche an den Einzelnen steigen kontinuierlich und überfordern ihn situativ. Das zunehmende Stressempfinden kommt nicht von ungefähr. Es kann als eine soziale Wahrnehmung der aktuellen Zeit gesehen werden. Die Problematik von Berufstätigen, die aus dem Arbeitssystem herausfallen oder erst gar nicht eintreten, manifestiert sich an der Thematik des Fachkräftemangels. Menschen fehlen schlicht die Ressourcen, die sie zur Bewältigung entsprechender – möglicherweise unrealistischen – Stellenanforderungen bräuchten. Oder um es mit dem Gedanken des Sozialpsychologen Heiner Keupps (Heraus aus der Ohnmachtsfalle: Psychologische Einmischungen, dgvt-Verlag, Tübingen, 2013) zu sagen: Die Normen für Anerkennung und Zugehörigkeit in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der eine Konkurrenz um Geld, Macht und Status herrscht, heißen „Employability“ und ökonomischer Nutzen. „Diversity“ ist nur etwas, wenn sie Gewinne verspricht. Menschen mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit haben in einer normierten Leistungsgesellschaft einen schlechten Stand. In Fehlzeitenstatistiken von Erwerbstätigen tauchen Sie allenfalls noch in Randerscheinungen auf.

Für uns hat das auch mit unternehmerischer Verantwortung in einer individualisierten Gesellschaft zu tun, bei aller Leistungserwartung im bestehenden Marktumfeld mit den personellen Ressourcen (von Beschäftigten ebenso wie von Ehrenamtlichen) sorgsam umzugehen und eine positive, wertschätzende Unternehmenskultur zu pflegen. Am Ende ist es ein sozialer Beitrag, den jeder Beschäftigte, jede Führungskraft, jedes Unternehmen gemeinsam mit dem Sozialsystem tragen kann, um Stress zu reduzieren und Veränderung von innen heraus zu beginnen.

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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.