The Good Doctor - Der Einfluss von Arztserien (Teil I)

Urheber der Serie ist der Serien Schöpfer David Shore, dem schon mit der Figur des eigensinnigen Diagnostikers Dr. House ein Sensationserfolg gelungen ist.

Im Oktober 2018 ist nun gerade im deutschen TV auf VOX wieder eine spannende Arztserie aus den USA angelaufen: The Good Doctor (ABC Official Trailer "The Good Doctor" in englischer Sprache). In den USA ist „The Good Doctor“ bereits 2017 gestartet und bereits um eine zweite Staffel verlängert worden. Die erste Staffel ist in Deutschland 2018 im Pay-TV auf Sky gelaufen und daher Ende 2018 auch bereits komplett bei mehreren Streaming Anbietern verfügbar. Es geht in "The Good Doctor" um den jungen Chirurgen Dr. Shaun Murphy (dargestellt von Freddie Highmore), der nach San José zieht und am St. Bonaventure Hospital eine Stelle in der Kinderklinik antritt. Nicht nur wegen seines Alters unterscheidet er sich von den Kollegen. Dr. Murphy entpuppt sich mit seinem medizinischen Wissen und seiner intellektuellen Inselbegabung als ein fachliches Genie. Bedingt durch seinen Autismus mit Savant-Syndrom ist es ihm aber nicht möglich, Empathie zu empfinden. Ehrlich und direkt spricht er. Warme Worte bringt er nicht über die Lippen. Seine sozialen Fähigkeiten sind eingeschränkt. Ein Freak. Damit ist das Grundthema der Serie in einer einmal mehr sehr spannungsreichen Arztfigur aufgespannt: Ob Dr. Murphy für die pädiatrische Abteilung ein "guter Arzt" ist?

Wir wollen uns in Teil II dieses Beitrages der Frage widmen, welchen Einfluss das im Fernsehen gezeichnete Arztbild real auf Kliniken hat. Zuvor betrachten wir uns hier in Teil I, welche Dauerrenner Krankenhaus- und Arztserien im TV sind, und wie sich das so medial vermittelte und Generationen prägende Arztbild über die Zeit bis heute entwickelt hatte.

Seit 1966 ermittelt u. a. das Institut für Demoskopie Allensbach in regelmäßigen Abständen das Ansehen und das Vertrauen der Bevölkerung in ausgewählte Berufe. Von Anfang an ist der Arztberuf unangefochten die Nummer 1 im Ranking. So zählen 76% der Deutschen laut der letzten Allensbacher Berufsprestige Skala von 2013 den Arzt aus einer Liste von 18 Berufen, als die Berufsgruppe, vor der sie am meisten Achtung haben (wobei nicht nach der Feuerwehr und dem Lokführer gefragt wurde). An zweiter Stelle folgt die Krankenpflege mit 63%, vor der Polizei an dritter Stelle mit 49%. 

"Heile Welt" im Nachkriegsdeutschland 

Bei dem Ansehen der medizinischen Berufe in der Bevölkerung ist es kein Wunder, dass Arztfilme und Klinikserien seit jeher so großen Anklang bei Zuschauern finden. Bereits seit den 1930-er Jahren wurden in Deutschland Arztfilme für das Kino produziert. In den 1950-er Jahren waren es zwei beliebte Typen von Filmen:[1]

  • Zum einen solche, in denen die Rolle des Arztes als männlicher „Halbgott in Weiß“, als eine charismatische Autorität mit Vorbildfunktion angelegt war. Wie z.B. „Sauerbruch – das war mein Leben“ (1954) oder „Der Arzt von Stalingrad“ (1958).
  • Zum anderen Filme, in denen Ärzte sich in Gewissenskonflikten und Liebesbeziehungen befanden und ihre moralische Integrität erst unter Beweis stellen mussten.

Die ersten Arztserien für das deutsche Fernsehen wurden in den 1960-er Jahren produziert. Sie knüpften an das Genre der deutschen Familienserie der 1950er-Jahre an und nahmen Motive des Heimatfilms auf. Mit dem „Landarzt Dr. Brock“ startete die erste deutsche Arztserie, mit dem „Hafenkrankenhaus“ 1968 die erste deutschen Krankenhausserie, in der der Lokalkolorit des Hamburger Hafens zu erkennen war.

 

„Das Krankenhaus am Rande der Stadt“ als Mutter aller Klinik-Serien

In den 1970er-Jahren kam es zum Trendwechsel hin zu mehr Realitäts- und Problemnähe. V.a. importierte Serien wie 1972/73 „Marcus Welby“ wurden wegweisend für das Genre Klinik-Serie mit pädagogischen und sozialkritischen Anklängen. „Das Krankenhaus am Rande der Stadt“ wurde ab 1979 im DDR-Fernsehen bzw. ab 1980 bei der ARD ausgestrahlt. Was unscheinbar als tschechischer Überraschungserfolg startete, wurde zur "Mutter aller Klinik-Serien“. Hier wurde ein differenzierteres Bild der Charaktere, Situationen und Probleme in der Klinik gezeichnet und auch die fachliche Stimmigkeit berücksichtigt.

 

Die deutsche Klinik-Idylle und der Kult um "die Schwarzwaldklinik"

Doch bereits in den 1980ern pendelte nach dem Motto „so viel Realität wie nötig, so viel heile Welt wie möglich“ das Genre zu traditionelleren Mustern zurück. 1985-1989 löste die ZDF-Produktion „Die Schwarzwaldklinik“ im Glottertal bei Freiburg die Wende weg von den eher bildungsbetonten Serien der 1970er Jahre hin zur populären Unterhaltung einen Hype aus. Wirkungsvoll waren die Folgen in Manier der „Groschenromane“ mit hohem Menschlichkeitsfaktor und gelegentlichen Tabubrüchen angelegt. Die Schwarzwaldklinik kombinierte Elemente aus Arzt-, Krankenhaus-, Heimat- und Familienserie und knüpfte mit Klausjürgen Wussow als Professor Klaus Brinkmann, Sascha Hehn als Dr. Udo Brinkmann, Gaby Dohm als Schwester Christa und Barbara Wussow als Schwester Elke an die überhöhte Arztfigur und die Geschlechterrollen der 1950-er Jahre an. Mit im Mittel 25 Mio. v.a. weiblichen Zuschauern mittleren Alters, einer Einschaltquote von 60% über 70 Folgen ist die Kultserie ein sensationeller Quotenhit und bis heute Deutschlands erfolgreichste Klinikserie.[3] In der Folge boomten deutsche Arztserien mit ähnlichen Anklängen an Heimatfilm und Familienserien, wie „Der Landarzt“ mit 22 Staffeln (ZDF, 1986-2012), „Praxis Bülowbogen“ (ARD, 1987-1996) und "Bereitschaft Dr. Federau" (DDR-FS, ab 1988). Sie waren um einen Familienverband entwickelt. Je rudimentärer die private Familienstruktur, umso stärker übernimmt das berufliche Umfeld die Funktion der "Familie". Anderer Art waren nur importierte ausländische Produktionen.

Nach der Einführung des dualen Rundfunksystems und seiner Programmexplosion expandierte auch das Angebot an Arzt- und Klinikserien stark weiter. So kamen in den 1990er Jahren Eigenproduktionen privater Sender hinzu, die inhaltlich weiterhin auf die bewährte Klinik-Idylle setzen. Die Medizin diente dabei als atmosphärische Kulisse für die Konflikte der Protagonisten. Serien, die auf einen einzelnen Arzt fixiert sind wie "Frauenarzt Dr. Markus Merthin" (ZDF, 1994–1997) oder "Doktor Stefan Frank – Der Arzt, dem die Frauen vertrauen" (RTL, 1995–2001), stehen in der Tradition des trivialen Arztromans. Neben der Masse wächst zugleich – v.a. durch Einflüsse aus den USA – die stilistische Bandbreite der Serien von realitätsnaher Gestaltung über dokumentarische Serien bis hin zu Soap Operas mit comedyhaften Ulk.

 

Medizinischer Realismus seit der Ära "Emergency Room"

Den Durchbruch für die realistischeren Arztserien in der medizinischer Darstellung brachte in Deutschland dann ab 1996 der Erfolg der US-Kult-Serie „Emergency Room“ von Bestseller Autor Michael Crichton. Die Ereignisse beruhen auf echten medizinischen Fällen und die Serie nahm den Notstand in den Notaufnahmen von US-Kliniken auf. Die Serie setzte auch neue Maßstäbe in puncto visuelle Raffinesse und dramaturgische Dichte. Die temporeiche und ungewöhnliche Erzählweise machte „Emergency Room" nicht nur zu der teuersten, sondern gemessen an Auszeichnungen (124 Nominierungen, 23 Auszeichnungen mit dem amerikanischen Fernseh-Oskar Emmy) und Einschaltquoten (35 Millionen US-Fernsehzuschauer in den 1990ern) zu einer der längsten und erfolgreichsten Fernsehserien der TV-Geschichte der USA (15 Staffeln von 1994 bis 2009, bis 1999 mit George Clooney als Dr. Ross). Mit der Ausstrahlung der Serie im deutschen TV (RTL bzw. ProSieben, 219 Episoden, seit 1996, je 2,2 Mio. Zuschauer) wurde auch hierzulande die Notwendigkeit von mehr Realität und damit von medizinischer Beratung bei der Filmproduktion deutlich.

Die deutschen meist wöchentlich ausgestrahlten Arztserien streben nun nach "amerikanischem" Realismus, setzen auf die typische Zopfdramaturgie miteinander verknüpfter paralleler Handlungen in Art der Seifenoper und sind in der Produktion stärker standardisiert. Dabei verliert der Arzt kurz vor den 2000-er im deutschen TV endgültig seinen Charakter als „Übermensch“ und wird mit Brüchen gezeichnet. Serienklassiker sind hierbei u.a.:[4]

  • „OP ruft Dr. Bruckner – Die besten Ärzte Deutschlands“ (RTL, 39 Episoden 1996-2000, je 4,1 Mio. Zuschauer).
  • Die Notaufnahmeserie „Alphateam – Die Lebensretter im OP“ (Sat.1, seit 1997, 3,2 Mio. Zuschauer).
  • „In aller Freundschaft“ (ARD, 177 Episoden, seit 1998, 3,3 Mio. Zuschauer). Die Geschichten aus der Sachsenklinik drehen sich um die Belegschaft. Viele der Schauspieler waren schon im DDR-Fernsehen zu sehen. Als ein Spin-Off wurden Mitte der 2010er Jahre "Die jungen Ärzte" in 42 Folgen rund um Dr. Ahrend und ein Team von fünf Assistenzärzten geplant.
  • Die bereits an ein jüngeres Publikum gerichteten Serien wie "Die Flughafenklinik" (RTL, 1995/96) oder „Klinikum Berlin Mitte" (ProSieben, 1999–2002).
  • „St. Angela“ (ARD, 146 Episoden, seit 1997, 146 Episoden, 2,4 Mio. Zuschauer).
  • „Für alle Fälle Stefanie“ (Sat.1, 314 Episoden, 1995-2004, je 5,2 Mio. Zuschauer), die rund um die Krankenschwester Stefanie überaus hohen Erfolg hatte.
  • „Stadtklinik" (RTL, 87 Episoden, je 4,5 Mio. Zuschauer).
  • „Hallo, Onkel Doc!" (Sat.1, 1994-2000) rund um den Kinderchirurg Dr. Kaupmann
  • „Der Bergdoktor" (ZDF, seit 2008) als Remake der gleichnamigen Sat.1-Serie aus den 1990ern.
  • „Klinik unter Palmen" (ARD, 1996-2003). Dr. Frank Hofmann errichtet im Zuge der Entwicklungshilfen Kliniken in anderen Ländern und betreut sie eine Weile.
  • Für viele ist sie die Arzt-Serie der 2000-er schlechthin: „Grey's Anatomy" (200 Episoden in 10 Staffeln, seit 2005) mit von fünf Assistenzärzten am fiktiven Seattle Grace Hospital und der Hauptfigur Meredith Grey.
  • „Chicago Hope" (144 Episoden). Im modernen Chicago Hope Hospital stehen sich die komplizierten bis skurrilen Medizinfälle, die auch ethische und juristische Fragen berühren, und private Dramen gegenüber.

Die modernen Arzt- und Klinikserien werden heute von Medizinern beraten. Es ist oft z.B. wohl überlegt, was der Patient am Ende des Klinikaufenthaltes können soll, und was mit welcher Krankheit, Verletzung und OP möglich ist. Doch dann wird ausgerechnet die Serie „Scrubs – die Anfänger“ (in USA seit 2001) mehrfach zur beliebteste Arztserie in Deutschland gekürt.[2] Es zeigt sich das alte Spannungsfeld auf: Junge Zuschauern geht es weniger um Belehrung als um Unterhaltung und Identifizierbarkeit mit den Helden der Serie.

 

Dr. House – Erfolg einer Arztserie neuer Dimension

Nur wenige TV-Produktionen vermochten, an die internationalen Erfolge von Emergency Room oder Greys Anatomy anschließen. In der Tat überlebten nur wenige mehr als eine Staffel. Dann gelang es David Shore mit Dr. House in ganz neue Erfolgsdimensionen vorzustoßen. Dr. House wurde die weltweit erfolgreichste Arztserie, die sich von allen bisherigen unterschied und alle überbot: Nie zuvor wurden die Zuschauer mit einer solchen Fülle an Fachbegriffen, Krankheitsbildern und Patientenströmen bedacht. Der Ausbildungskatalog seltener Krankheiten wurde über die Serie gut abgearbeitet in 177 Episoden und acht Staffeln. 2004-2012 lief die Arztserie, die mit über 80 Mio. Zuschauern weltweit in 66 Ländern erfolgreich war, in den USA. Alleine in den USA wurden Einschaltquoten mit bis zu 25,5 (!) Mio. Zuschauern erreicht. 2006 startete sie in Deutschland und gewann auch hier gerade die jüngeren Zuschauer für sich.

Schauen wir doch mal in "The Good Doctor" rein. Was bedeutet es, wenn Serien wie The Good Doctor, Dr. House & Co. am Fernsehen für viele das wiederkehrende "Fenster in die Welt der Klinik" sind? Welchen Einfluss, welche Chancen und Probleme, hat das über TV-Serien geprägte Bild des Arztes aktuell für Kliniken? Damit beschäftigen wir uns im folgenden Teil II des Beitrages...

 


 

[1] Vgl. Rosenstein, Doris (1998), Arzt- und Krankenhaus-Serien. Profil(e) eines Genres, in: Augen-Blick, Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, Die weiße Serie – Ärzte und Krankenhäuser im Fernsehen, Jg. 28, Marburg: Schüren Pressverlag, S. 9-10.

[2] Vgl. etwa www.thieme.de/viamedici/mitmachen-umfragen-1653/a/umfrage-arztserien-5328.htm (zuletzt aufgerufen 26.11.2018).

[3] Vgl. Giesenfled, Günter/ Prugger, Prisca (1994): Serien im Vorabend- und im Hauptprogramm. In: Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland, Band 2: Das Fernsehen und die Künste, München (Fink).

[4] Nach GfK-Fernsehforschung: Zuschauerzahlen und Marktanteile der untersuchungsrelevanten Krankenhausserien, im Zeitraum vom 1.1.1996-27.10.2002.

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