Strategiearbeit - Probleme lösen, neue Lösungen finden.

Ein veränderungsträges Team braucht zum Problemlösen erst einmal einen Forderer und Förderer für das Bewusstsein zum Problem und einen Anstoß, die Routine zu durchbrechen.

 

Wo liegt das Problem?

Blinder Fleck: Das fehlende Problembewusstsein

Menschen fokussieren ihre Wahrnehmung auf das, was sie erwarten. In der Forschung ist das Phänomen als „Bestätigungs-Bias“ bekannt. Menschen neigen dazu, einen Gedanken, eine Regel oder einen Sachverhalt zu belegen und viel weniger, sie zu widerlegen. Sie ignorieren Gegenbeweise und halten an Hypothesen fest, selbst wenn sie falsch sind. Das macht deutlich, warum langjährig gleich besetzte Abteilungen ohne Korrektiv von außen so anfällig sind für das berüchtigte "Not-invented-here-Syndrom". Das hat seinen Preis. Von außen gesehen zeigen sich "Problemtrancen". Sie äußern sich etwa in Sätzen wie „Wenn wir nicht endlich mehr Personal bekommen, dann können wir das nicht…“. Jegliches Problem wird auf externe Gründe abgelenkt, bevor auf die eigenen Schattenseiten geleuchtet wird. Das veränderungsträge Team kann bei sich selbst kein Problem erkennen. Es ist doch alles ganz harmonisch... So werden gerade erfolgsverwöhnte Teams gerne veränderungsträge.

Problemzuschreibung als durch einen Außenstehenden

Probleme, deren Lösung neues Denken voraussetzt, sind oft Auslöser für eine Beratung oder einen Coachingprozess. Doch Probleme existieren nicht an sich, sondern immer für jemanden, der eine Soll-Ist-Diskrepanz wahrnimmt. Eine Tatsache wird erst dadurch zum Problem, dass der „Besitzer“ sie negativ beurteilt und sie verändern möchte. Es handelt sich beim Problem hier also um eine Zuschreibung, eine Bewertung. Gerade bei eingespielten Teams ist es typisch, dass Probleme von einer außenstehenden Instanz geäußert werden und Veränderungsaufträge von der Geschäftsführung oder einer anderen Leitungsebene vorgegeben werden. Veränderungsträge Teams haben sich selbst längst mit der schleichenden Verschlechterung der Stimmung etc. abgefunden ohne darin einen Veränderungsbedarf zu erkennen.

Suchstrategien als Wege zur Lösung von Problemen

In der Metapher vom verlorenen Schlüssel beschreibt Eduard Imhof (in: Schlüssel für Türen zu Gott, Herder 1978, S. 5) die Lösungsparadoxie in einem Bild: Ein offenbar betrunkener Mann sucht nachts seinen verlorenen Schlüssel unter der Straßenlaterne. Gefragt von einem Passanten, ob er den Schlüssel, denn überhaupt hier verloren haben könne, antwortet er mit: Nein. Dort drüben auf der anderen Straßenseite. Auf die Frage, warum er dann nicht dort suche, antwortet er: Weil dort dunkel ist.

Der verlorene Schlüssel wird dann zum Problem, wenn die Folge für den Besitzer negativ beurteilt wird. Was für den einen ein Problem ist, wird für andere gar nicht als solches gesehen. Die Suche ist ein Mittel zur Lösung eines wahrgenommenen Problems, das z. B. darin besteht, ohne Schlüssel in dieser Nacht nicht mehr in das heimische Bett zu kommen.

Ist Suchen abseits des eigenen Weges sinnvoll? Ist das Suchverhalten des Mannes so ver-rückt wie es scheint? Wie verständlich ist es für Außenstehende, dass wir im Hellen suchen, wo wir prinzipiell etwas sehen können?* Na klar, die Suche unter der Laterne führt nicht zum Finden Schlüssels. Etwas, das verloren gegangen ist, muss an der richtigen Stelle gesucht werden. Wobei wir mit zunehmender Zeitdiskrepanz immer ungeauer wissen, wo diese richtige Stelle ist. Alternative Suchstrategien, die zur Lösung des Problems für diese Nacht führen, könnten bei einem klaren Kopf u. a. sein: eine Taschenlampe zu besorgen und auf der anderen Straßenseite zu suchen, einen Dietrich oder einen Schlüsseldienst zu besorgen, um ins eigene Bett zu kommen, eine andere Übernachtungsmöglichkeit zu finden, soweit die heimische Tür versperrt ist. Das Wissen um den falschen Ort der Suche, um die falsche Suchstrategie, führt jedenfalls nicht zu einem Wissen um eine dienlichere Strategie. Das kann man einem Betrunkenen mit seinen eingeschränkten Sinneswahrnehmungen nicht zum Vorwurf machen. Es ist Aufgabe von Beratung und Coaching den Betroffenen zu begleiten und sein Bewusstsein für eine adäquate Lösung aus der Dunkelheit heraus zu fördern, um ihr ansichtig zu werden.

Vielleicht ist der verlorene Schlüssel gar nicht nur ein Problem? Durch das Durchleuchten unterschiedlicher Suchstrategien ergeben sich am Ende vielleicht verschiedene Lösung, die wir am Anfang so noch gar nicht im Blick hatten? Das Einlassen auf Suchstrategien kann so zum Schlüssel des Erfolges für Weiterentwicklung werden.

Und das ist das Paradoxe am konzeptionellen Arbeiten: Wir suchen ja gerade nichts Verlorenes, sondern etwas, das noch nicht da war, etwas Neues. Erst wenn wir die Lösung haben, können wir final das Problem benennen... Mit zunehmendem Wissen über Lösungsoptionen erst wird das Problem im Team einsichtiger. Wenn die Lösung wirklich neu ist und zu Weiterentwicklung führt – anders als die Herstellung des früheren Zustandes – dann können wir grundsätzlich erst wissen, was wir genau gesucht haben. Wenn wir es endlich gefunden haben. Am Anfang aber sind Problem und Lösung für das Team gleichermaßen unbestimmt. Es existiert lediglich ein diffuses Gefühl, hier könnte doch etwas nicht stimmen. Die Ergebnisse entsprechen nicht den vorhandenen Potenzialen. Erst am Ende des Suchprozesses wird klar, was wir die ganze Zeit eigentlich gesucht haben. Weiterentwicklung ist verzwickt. Wir wissen nicht wo genau, Weiterentwicklung passiert. Aber sie geschieht nicht mit einem Paukenschlag, sondern immer irgendwo auf dem Weg...

Lösung durch die problemzuschreibende Instanz beurteilen

Da es sich bei der Schlüsselsuche eines Betrunkenen um einen mehr oder weniger rationalen Prozess handelt, ist die Komplexität noch sehr überschaubar. In der Realität können fremdzugeschriebene Probleme vom betroffenen Team zunächst häufig nur über Nicht-Lösungen beschrieben werden. Zumindest solange, bis das Problem noch recht unbestimmt ist.

Die Lösung, bzw. ob und inwieweit die Diskrepanz beseitigt worden ist, sollte daher auch durch denjenigen beurteilt werden, der dem Team ein Problem zugeschrieben hat. Nicht selten wird das an nüchternen Ergebniskennzahlen festgemacht werden.

 

Routine und Veränderung - die zwei Modi des Gehirns

Das Problem zu erkennen ist ein Anfang. Aber allein ein Problembewusstsein stellt noch nicht sicher, dass die neue Lösung auch als besser wahrgenommen und umgesetzt wird. Unser Gehirn arbeitet in zwei Modi, dem Routine- und dem Veränderungsmodus. Da der Routinemodus Energie spart, wird er dabei vom Gehirn bevorzugt. 

Routine-/ Energiesparmodus

  • Das Gehirn sucht im Umfeld nach bestätigenden Informationen, nach Dingen, die es schon kennt.
  • Es wendet gewohntes Verhalten automatisiert an. Das funktioniert in enormer Geschwindigkeit und mit relativ wenig Kalorienaufwand.
  • Ein hoch effektives System zum Sichern des Überlebens: Es reduziert die Komplexität im Außen und führt Wahrnehmung auf Bekanntes zurück.
  • Erklärt, warum Muster und Routinen im Alltag so wichtig sind. Und Routinen uns erst zum Profi machen.
  • Der Modus wird vom Gehirn präferiert, da er Energie spart und vertraute Lösungen erzeugt, die sich sicher anfühlen.

Veränderungsmodus

  • Das Gehirn beschäftigt sich mit neuen Situationen und Informationen, zu denen es noch keine verknüpfte Erfahrung gibt, die bisher noch nicht durchdacht wurden. Der Routinemodus kann diese nicht verarbeiten.
  • Das braucht Reaktionszeit. Das Gehirn arbeitet eher wie in Zeitlupe und benötigt dafür viel Energie.
  • Das macht z.T. Veränderungen und das Loslassen von lieb gewonnenen Routinen so schwer.
  • Wenn es um Veränderungen geht, spielt eine Neuausrichtung hinderlicher Gewohnheiten eine große Rolle, das Einschlagen neuer Wege, das Erreichen neuer Ziele.
  • Wenn wir Verhaltens- und Denkmuster als hinderlich identifiziert haben und wissen, welche Gewohnheiten uns besser tun oder zumindest welche wir loslassen wollen, dann ist ein erster wichtiger Schritt der Veränderung getan. 

Gerade wenn wir Dinge verändern wollen: Je eindeutiger wir eine Verbindung von Weges und Ziel empfinden, desto motivierter können wir uns darauf ausrichten. Doch: Verhaltensmuster werden nicht einfach ausgetauscht. Sie bleiben im Routineprogramm vorhanden und können nur durch neue überlagert werden. Wenn wir die alten Muster verlassen wollen, ist es hilfreich anzuerkennen, dass sie früher hilfreiche Strategien für uns waren. Nun brauchen wir Zeit, Geduld und Raum, alte Gewohnheiten zu verändern, neue dienlichere Muster zu erlernen und sie stabil zu verankern.

 


* Hans Rudi Fischer, Ulrike Borst, Arist von Schlippe: Was tun?
   Fragen und Antworten aus der systemischen Praxis.
   Ein Kompass für Beratung, Coaching und Therapie, Klett 2015 

 

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