Sehouli, Jalid (1. Auflage 2018)

Von der Kunst, schlechte Nachrichten gut zu überbringen. Kösel-Verlag, München.

Das Überbringen schlechter Nachrichten gehört zu den Aufgaben und Anforderungen im Beruf des Arztes, die nicht spurlos an seiner Person vorbeigehen (können). Und doch macht sich auch gerade in ihrer guten Übermittlung die Qualität wahrer ärztlicher Kunst fest. Hier geht es viel weniger um die vordergründige Krankheit, als um den Patienten selbst, um die menschliche Beziehung in einer existentiellen Situation.

Professor Jalid Sehouli schätzen wir seit Jahren für seine enorme Leistungsfähigkeit – und wie er dabei in seinem Job so sehr Mensch geblieben ist. Als ärztlicher Direktor der Klinik für Gynäkologie und onkologische Chirurgie der renommierten Berliner Charité ist er national wie international – in einem hoch kompetitiven Umfeld - als Krebsspezialist mit dem Schwerpunkt Eierstockkrebs in einem hoch kompetitiven Umfeld sehr bekannt. Seine empathische und poetische Seite beweist er wieder einmal in seinem neusten literarischen Werk nach seinen so erfolgreichen autobiographischen und philosophischen Büchern zu Tanger und Marrakesch. In dem neuen Buch „Von der Kunst, schlechte Nachrichten gut zu überbringen“ nimmt er uns mit hinter die medizinischen Kulissen. Er lässt den Leser mit seinen plastischen Erzählungen an seinem Weg von der Reflexion der Kommunikation bis zu der persönlichen Versöhnung mit den Schattenseiten des onkologischen Berufes teilhaben. Die mutige Offenheit und persönliche Tiefe machen das Werk von der ersten Seite an aus. Der Leser spürt zwischen den Zeilen die schonungslose Reflexion und die Authentizität des Werkes und fühlt mit. Wer etwa hätte von einer Koryphäe seines Fachs das Eingeständnis erwartet, dass jedem Arzt Fehler in der ein oder anderen Behandlung unterlaufen. Diese Ehrlichkeit aber macht es möglich, ein humanes Umfeld zu schaffen. Und genau das ist es, was das gute Übermitteln schlechter Botschaften am Ende ausmacht: Zeit und Raum für die menschliche Beziehung und Vertrauen auf der einen Seite und der weiße Kittel des Arztes, der professionelle Distanz, Kompetenz, Information, Orientierung und Sicherheit vermittelt auf der anderen Seite.

Was das Buch in ganz besonderer Weise auszeichnet, wird schon beim Aufblättern des Inhaltsverzeichnisses deutlich: Die vielen berührenden Geschichten und Erfahrungen im Umgang mit der Breaking Bad News. Mit der dramatischen Nachricht, die von jetzt auf eben das Leben des Patienten völlig auf den Kopf stellt, den Menschen bis zur Ohnmacht lähmt und ihm schier den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint. Mit Sensibilität und Empathie eröffnet Sehouli Raum und Zeit zur Selbstreflexion. Viele Ärzte werden sich in den Gedanken wiederfinden und die Erkenntnisse und Tipps in ihre eigene Haltung integrieren können. Die persönlichen Schilderungen und über Jahre gesammelten Erfahrungen und Kenntnisse im alltäglichen Umgang mit Patienten können nicht nur dem ärztlichen Nachwuchs nützliche Orientierung und Entlastung bieten. Das Buch gibt dazu wie nebenbei praktische Tipps rund um das Überbringen und Annehmen schlechter Nachrichten. Ohne moralischen Fingerzeit auf seine früheren Erfahrungen gelingt es Sehouli, deutlich zu machen, dass Gespräche mit einem wirkungsvollen Modell der Kommunikation zum Übermitteln der schlechten Nachricht besser laufen. So zeigt er auf, warum die Art und Weise der Übermittlung, die Verpackung, ein wichtiger Teil eines guten Gespräches ist. Warum der Arzt die Distanz halten muss, um hilfreich zu sein und wie er sich dabei nicht in die Rolle eines Täters manövrieren lässt. Ein Balanceakt. Wenn der Arzt dazu eine Haltung entwickelt, wird es ihm – wie in einer eindrucksvollen Episode „in der Besenkammer“ beschrieben – künftig einfacher gelingen, seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse zwar nicht zu ignorieren, doch für den Patienten im Gespräch zurück zu stellen. In seiner Rolle ist er hilfreich, wenn sich der Patient danach adäquat informiert fühlt und nicht ohne Orientierung und Hoffnung zurück bleibt. Oder, wenn die Hoffnung nur winzig ist, er sich trotzdem bei seinem Arzt gut und mit Würde aufgehoben fühlt. Ehrlichkeit, offenes Zuhören, Hilfsbereitschaft und eine gute Strukturierung entlasten beide Gesprächspartner und stärken die Beziehung von Arzt und Patienten in dieser Krise. Und für die eigene Psychohygiene hat der Arzt und Mensch Sehouli noch einen besonderen Weg gefunden, den wir in unseren Seminaren zum ärztlichen Selbstmanagement immer wieder als positives Beispiel zitieren: Die Mehrzahl der positiven Befunde zu würdigen und ihrer Kommunikation und Übermittlung viel mehr bewussten Raum als heute gängig einzuräumen. Das können wahre Momente des Glücks im Alltag des Arztes sein. 

Das Buch schließt auf seinen fast 200 Seiten mit einer Checkliste zur Vorbereitung auf schwierige Gespräche. Und zwar sowohl aus der Sicht des Überbringers wie auch des Empfängers und des Angehörigen. Denn das Buch ist in der Tat leicht verständlich für die ganze interessierte Öffentlichkeit, für alle drei Seiten, geschrieben. Beim professionellen Übermitteln schlechter Nachrichten können sich die unterschiedlichsten Berufe und Berufsgruppen angesprochen fühlen. V.a. aber werden auch alle Ärzte gut abgeholt - vom Nachwuchs bis zum Praxisinhaber und Klinikchef. Und so wünschen wir uns dazu unbedingt jetzt schon eine weitere ergänzte Auflage mit weiteren praktischen Antworten für dieses so relevante Thema. Wie z.B. gelingt es multiprofessionellen Behandlerteams als Ganzen Raum und Zeit für eine gute Rollenabstimmung bei der Übermittlung der Breaking Bad News zu schaffen, die jeden Einzelnen im Team, den Patienten und die Angehörigen weiter stärken? Diese und andere Fragen, zu denen das Buch inspiriert, werden im Kontext der heutigen Ökonomie in Kliniken leider nur allzu selten gestellt...

 

 


Sehouli, Jalid: Von der Kunst, schlechte Nachrichten gut zu überbringen. Kösel-Verlag, München 2018.

 

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Sich immer wieder fort- und weiterzubilden ist v. a. für Kopfarbeiter wichtig. Zum einen wird in der vernetzten Welt Wissen in z.T. höchster Qualität virtuell geteilt. Offen im Web. Es kann so in kürzester Zeit in neuen Kontexten neu verknüpft werden. Dazu leisten auch wir bewusst einen Beitrag. Zum anderen wird die Kommunikation von Mensch zu Mensch zentraler. Das gibt dem Menschen die Würde. Und nur so lässt sich Wissen in die Umsetzung bringen. Dies unterstützen wir aktiv in Coachings und Trainings.

Führungskräfte sind für die Weiterentwicklung von Teams verantwortlich. Gerade Führungskräfte leben daher von Distanznahme und Reflexion. Um immer neue Anregungen und Impulse zu gewinnen, ist ein ganz schöner Weg: Von Zeit zu Zeit ein Buch in die Hand nehmen. Wir schätzen Bücher hoch. Für einen oft sehr geringen Stückpreis erhalten Leser die über oft lange Jahre entfalteten Gedanken von Autoren zu einem Thema. Das kann ein wertvolles Geschenk sein. Das ist sehr wert zu schätzen. Und wir sind sicher, dass gerade auch unsere Seminarteilnehmer profitieren, wenn Sie ein Buch zur weiteren Vertiefung eines Gedankens zur Hand nehmen. So haben wir es uns zur Regel gemacht, regelmäßig auf unseren Seiten interessante Bücher vorzustellen und zu rezensieren. Lassen Sie sich auch von den Buchtipps inspirieren.

Lesen kann zum Gewinn für die persönliche Entwicklung werden. Manchmal genügt schon ein schnelles Drüberlesen, um sich neue Anregungen zu holen. Für Verstehen braucht es meist aber eine tiefere Auseinandersetzung mit den Texten. Das entspricht ganz praktisch dem Kern wissenschaftlichen Arbeitens. Von wem sind die Texte in welchem Kontext erstellt? Welche Lehren will der Autor/ die Autorin vermitteln? Welche Orientierung in der komplexen Welt will er/sie geben? Also welches Denkmodell steckt dahinter? Dabei gibt es auch viele Irrlehren. Irrlehren verstricken sich in Widerspruch zu sich selbst. Und so bieten auch solche Bücher im Zweifel zumindest ein gutes Trainingsfeld für einen wachen Geist.

Was ist als das Ziel des Autors zu erkennen? Welche Bewertung von "gut" und von "schlecht" ist damit verknüpft? Gutes denken, Gutes tun, Gutes bewirken? Was ist der Maßstab?  Das ergründet sich nicht einfach so. Je freier der Kopf beim Lesen ist, umso leichter fällt es, sich auf neues Denken einzulassen. Und umso leichter können daraus weitere Gedanken gedeihen. Davon hängt Verstehen ab. Vorgefasste Meinungen, ererbte und erworbene Ideen sind nicht einfach abzulegen. Dazu bedarf es Bereitschaft. Die ich ggf. nicht jedem Autor mehr entgegenbringen mag. Doch wenn sich der Leser bewusst auf Neues einlässt, wird sich sein Blickfeld weiten. Dazu braucht es Ruhe und ungestörte Zeit beim Lesen.

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