Resozialisierung und Veränderung: Empathie ist erlernbar.

Veränderung | Empathie - Durch Einüben neuer Verhaltensmuster und So-als-ob-Rollenspielen ändern sich Haltungen und Empathie wird erlernt. Es kommt zur Krise.

 

Tiefgreifende Veränderungen sind kräftezehrend.

Noch kraftaufwändiger erscheint es, Veränderungen nachhaltig zu leben. Überall lauern alte Gewohnheiten und Routinen, die schnell wieder in ihren Bann ziehen. In Unternehmen werden Veränderungen vielleicht ganz erfolgreich mit viel Energie eingeführt - und nach wenigen Wochen schleichen sich alte Verhaltensweisen wieder ein und die neuen Prozesse oder Vereinbarungen werden umgangen. Um Veränderungen nachhaltig im Unternehmen zu verankern - ohne permanente Kontrolle, Sanktionen und Druck, ist die Haltung und das Verhalten von Menschen dauerhaft wirksam zu verändern? Geht das überhaupt? Und wenn ja, was braucht es dazu? Wir wollen hierzu auf ein drastisches Beispiel [1] zurückgreifen: das Positivbeispiel für Resozialisierung der Delancey Street Foundation.[2]

 

Warum die Prognosen schlecht sind

Um die Tragweite des Beispiels einzuordnen, seien zunächst die Daten einer großangelegten Studie mit 272.111 amerikanischen Strafgefangenen vorausgestellt: 30% der Haftentlassenen wurden bereits innerhalb von sechs Monaten und 67,5% innerhalb von drei Jahren rückfällig. Rechnet man die Dunkelziffer dazu, so liegt die Rate derer, die nicht mehr straffällig wurden, sicher unter 30%. Angesichts dieser Zahlen fällt es schwer zu glauben, dass Resozialisierungsvorhaben gut funktionieren können. In jedem Fall führen Bestrafungen alleine zu keinen neuen Verhaltensoptionen und dementsprechend selten dauerhaft zu Verhaltensänderungen. Und doch zeigt unser heutiges Beispiel, dass es unter den entsprechenden Rahmenbedingungen und der entsprechenden Hilfestellung möglich ist, dass Straftäter ihr Verhalten nachhaltig ändern und zu angesehenen Mitbürgern werden. Auch für Veränderungen in Organisationen lässt sich aus diesen Prinzipien lernen.

Was macht die Delancey Street Foundation anders in der Resozialisierung?

Die Delancey Street Foundation in San Francisco nimmt Drogenabhängige und Schwerverbrecher aus staatlichen Gefängnissen auf. Diese haben die Wahl, ins Gefängnis zu gehen oder aber an dem Programm teilzunehmen. Die Bilanz der Foundation ist erstaunlich: 60% der Teilnehmer schaffen es, das mehrjährige Programm bis zum Schluss zu durchlaufen, und werden danach nicht rückfällig.

Die Straftäter in amerikanischen Gefängnissen haben oft eine lange Familienhistorie, die bereits durchzogen von Gewalt und Verbrechen ist. Sie sind in Gegenden aufgewachsen, die von Gewalt und Armut geprägt werden. Ein Umfeld, in dem Kindern oft nur bleibt, sich gegen all diese Bedrohungen emotional abzukapseln, abzustumpfen und nichts mehr an sich heranzulassen. Sie kennen nichts anderes als Gewalt und Armut. Und sie glauben nicht daran, dass es für sie ein anderes Leben geben kann. Wie sollten sie auch? Diese Straftäter haben also meistens nicht gelernt, empathisch, mitfühlend zu sein. Gefühlskälte – und Betäubung mit Suchtmitteln, um nichts mehr spüren zu müssen – ist eine Form von Selbstschutz, die das Überleben in diesem Umfeld möglich macht. Daher ist die Entwicklung von Empathie eine der kritischen Erfolgsfaktoren für eine nachhaltige Verhaltensveränderung.

1. Fokus auf den einen kritischsten Erfolgsfaktor

Das gilt auch für Veränderung im Unternehmen: Finden Sie zuerst den kritischen Faktor, der verändert werden muss. Wir neigen dazu, in Veränderungen oft an zu vielen Stellschrauben zu drehen, anstatt uns auf den kritischsten Faktor zu fokussieren. Wichtig ist daher, die Ausgangssituation gut zu analysieren und den kritischen Faktor für die Veränderung herauszufiltern.

Empathie ist ja kein abgespultes Verhalten, sondern eine Haltung. Ist Empathie erlernbar? In der Delancey Street Foundation üben die Teilnehmer durch wiederkehrendes "So-als-ob"-Verhalten spielerisch Empathie ein – auch wenn sie sie im ersten Schritt gar nicht empfinden können. Dazu muss jeder der Teilnehmer Verantwortung für einen anderen übernehmen. Wenn jemand z.B. in einem der Restaurants bisher noch nichts gelernt hat außer wie man Besteck auflegt, dann bringt er eben das einem Neuling bei. Das schafft Verbindung zwischen den Menschen. Zu Beginn sind die Sträflinge unmotiviert – viele kommen in das Programm, weil sie denken hier leichter durchzukommen als im Gefängnis. Und jetzt das Interessante: Das ständige Wiederholen eines Verhaltens, bei dem die Teilnehmer so tun, als ob sie sich um andere kümmern, führt dazu, dass sie tatsächlich irgendwann auch etwas für die anderen empfinden und Verantwortung für sie übernehmen.

Es gelingt durch das Einarbeiten und die Begleitung der Neuen mit der Weile, dass eine menschliche Verbindung geknüpft wird. Im Kern handelt sich dabei um ein „Rollen“-Spiel. Verhalten in den relevanten Momenten wird dabei kontinuierlich wiederholt und prägt sich so immer tiefer ein. Es entsteht wie nebenbei Stolz und ein neues Selbstwertgefühl durch das in sie gesetzte Vertrauen, die Verantwortung für die Anderen zu übernehmen. V.a. aber ändert sich Stück für Stück das eigene Reden, Denken und Fühlen. Irgendwann empfinden die Menschen tatsächlich Zuneigung und Verantwortung für Andere. Wenn neues Verhalten zur Gewohnheit geworden ist, ist die Persönlichkeit und ihre Ausstrahlung eine andere. Ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass Empathie über das Training von Verhaltensmustern erlernbar ist und so tiefgreifende Veränderungen möglich werden. Das macht Mut, dass es sich am Ende lohnt, all die nötigen Anstrengungen in Kauf zu nehmen. 

Einstellungsänderungen als Voraussetzung nachhaltiger Veränderung sollte also jedem Menschen grundsätzlich möglich sein. Das Beispiel zeigt, wie tiefgreifende Veränderungen durch Wiederholungen nachhaltig verankert und Menschen gestärkt werden können, die Veränderungen dauerhaft zu tragen und auszufüllen.Doch natürlich braucht es dazu noch jede Menge mehr. Wenn ich beginne, mit anderen mitzufühlen, muss ich mit meinem Leben neu zurechtkommen. Dazu sind einige Stolpersteine aus dem Weg zu räumen.

2. Frühe Erfolge einplanen (Quick Wins)

Durch neues Verhalten und den dadurch erlebten Erfolg bilden sich nach und nach neue Glaubensmuster heraus. Welche konkrete Handlungen müssen Menschen immer und immer wieder ausüben, damit bei ihnen eine neue Gewohnheit im Hinblick auf den kritischen Faktor entsteht. Welches Verhalten ist so anders, dass es die Chance hat, auch eine Haltungsänderung anzustoßen? Auch wenn sich ein neues prozedural antrainiertes Handlungsmuster zu Beginn fremd, hölzern und unstimmig anfühlt, bevor es sich automatisiert und im Gedächtnis festsetzt. Bevor alte Gewohnheiten verabschiedet und durch neue ersetzt werden. Doch alte Verhaltensmuster werden nicht verlernt, sondern nur überdeckt. Gerade unter Stress brechen sie darum leicht wieder hervor. Was es braucht, um neue Verhaltensmuster zu stärken, sind schnelle fühlbare Erfolge, die Energie für den Wandel geben. Nur so werden viele Menschen ihr Verhalten nachhaltig ändern können.

Bei der Delancey Street Foundation sind Alkohol, Drogen oder Gewalt streng verboten und führen zur sofortigen Übersendung ins Gefängnis. Die Teilnehmer erleben ihren ersten Erfolg, wenn ihnen klar wird, dass sie es geschafft haben, die ersten Wochen durchzuhalten und z.B. vier Wochen ohne Gewalt oder Drogen zu existieren. Diese frühen Erfolgserlebnisse und das Vertrauen, das in sie gesetzt wird, machen stolz und motivieren sie weiterzumachen.

3. Falle der Erstverschlimmerung und Landen in der Identitätskrise - nun kommt es auf gute Umsetzungsbegleitung an

In dem Moment, in dem die Teilnehmer des Resozialisierungsprogramms beginnen, Empathie und Gefühle der Zuneigung zulassen, geraten Sie in die Falle der Erstverschlimmerung. Sie geraten in eine Lebenskrise, weil ihnen bewusst wird, was sie anderen Menschen in der Vergangenheit angetan haben und sie verabscheuen sich.

Die Delancey Street Foundation hat ein Ritual entwickelt, um die ehemaligen Straftäter effektiv zu unterstützen, diese Identitätskrise zu bewältigen. Sie führt eine Art mehrtägige Selbsthilfegruppe durch. Jeder Betroffene erzählt seine Geschichte und spricht über seine Schuldgefühle. Viele der Teilnehmer finden dort zu ihren Tränen zurück. Am Ende sind sie gefordert, sich selbst zu vergeben und als Wiedergutmachung für das alte Leben in Zukunft Gutes zu tun und der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Und das meinen sie ernst. Die Erfolgsquote ist enorm. Und die Menschen strahlen die Veränderung ihrer inneren Haltung nach außen aus. Als Mitarbeiter gelten sie als freundlich und serviceorientiert. Die Kunden nehmen v.a. selbst die Veränderung auf einer tieferen Ebene wahr. Das positive Feedback, das die Teilnehmer von den Kunden erhalten, stärkt wiederum die Verhaltensänderung. Mittlerweile hat die Delancey Street Foundation über 18.000 Absolventen. Sie betreibt Umzugsfirmen, Restaurants, Buchhandlungen und verkauft Weihnachtsbäume, in denen die ehemaligen Straftäter arbeiten. Aus den Umsätzen finanziert sich die Organisation vollständig ohne staatliche Zuschüsse.

Wenn die Teilnehmer es am Ende geschafft haben, haben sie viele Stolpersteine auf ihrem Weg überwunden. Die Wahrscheinlichkeit zu scheitern war hoch, aber es war von Anfang an jemand da, der daran glaubte, dass der Samen auf fruchtbaren Boden fallen würde. Den Glauben an das hoffnungsvolle Ende zu haben und gleichzeitig der harten Realität im Hier und Jetzt ins Auge zu blicken und dann mit Mut, Geduld und Durchhaltevermögen den Weg mit Leben zu füllen – dafür braucht es echte Führungspersönlichkeiten, die herausfordernde Veränderungsprojekte nicht scheuen.

Wir sind dankbar, tagtäglich im Großen wie im Kleinen solchen Menschen begegnen zu können und gemeinsam an den Themen zu arbeiten, die Ihnen den größten Sinn geben.

 

[1] vgl. hierzu Groth, A.: Führungsstark im Wandel: Change Leadership für das mittlere Management, Campus Verlag; Auflage: 2 (9. März 2013), S. 147 ff.

[2] www.delanceystreetfoundation.org mit dem Zitat des Psychiaters Karl Menninger (1893-1990) zu der mittlerweile mit Dutzenden von Preisen ausgezeichneten Organisation: "Delancey Street is an incredible mixture of pure idealism and hard practicality. It is the best and the most successful organization I have studied in the world."

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