Pessimismus: So funktioniert der Schutz vor Ansteckung

Die Untersuchungen von Hans Rosling zeigten, dass wir dazu neigen, die Welt schlechter zu sehen, als sie in vielen Bereichen ist. Die Frage ist, wie wir uns davor besser schützen können.

 

Bevor wir uns allgemein mit der Sicht auf die Welt beschäftigen, können Sie anhand weniger Fragen hier Ihre eigene Sicht testen.

Schreiben Sie sich die Fragenummer sowie den Buchstaben Ihrer Antwort auf.

1.) Wie viele Mädchen absolvieren heute die Grundschule in den Ländern mit niedrigem Einkommen?
A: 20 Prozent
B: 40 Prozent
C: 60 Prozent

2.) Wo lebt die Mehrheit der heutigen Weltbevölkerung?
A: in Ländern mit geringem Pro-Kopf-Einkommen
B: in Ländern mit mittlerem Pro-Kopf-Einkommen
C: in Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen

3.) Wie hat sich in den letzten 20 Jahren der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung entwickelt?
A: nahezu verdoppelt
B: nicht oder nur unwesentlich verändert
C: deutlich mehr als halbiert

4.) Wie hat sich die Zahl der Todesfälle pro Jahr durch Naturkatastrophen über die letzten 100 Jahre entwickelt?
A: mehr als verdoppelt
B: etwa gleich geblieben
C: mehr als halbiert

5.) Wie viele der einjährigen Kinder auf der Welt sind gegen irgendwelche Krankheiten geimpft?
A: 20 Prozent
B: 50 Prozent
C: 80 Prozent

6.)  Weltweit haben 30-jährige Männer durchschnittlich 10 Jahre lang eine Schule besucht. Wie viele Jahre haben gleichaltrige Frauen die Schule besucht?
A: 9 Jahre
B: 6 Jahre
C: 3 Jahre

 

Die richtigen Antworten sind: 1:C, 2:B, 3:C, 4:C, 5:C, 6:A. Wie viele Fragen hatten Sie richtig beantwortet?
Dies sind 6 der 12 Fragen, die Hans Rosling, Professor für internationale Gesundheit in Stockholm und Gründer der Gapminder Stifung, bis zu seinem Tod 2017 fast 12.000 Menschen in 14 Ländern gestellt hat.* Seine Stiftung hat es sich zum Auftrag gemacht, Statistiken verständlich aufzubereiten, v. a. solche, die den Fortschritt zeigen. Denn sein Leben lang wandte sich Rosling gegen eine zu negative Weltsicht. Er zeigte mit seinen Fragen, wie sehr wir schon von negativen Erwartungen infiziert sind. Im Schnitt nämlich beantwortete jeder Befragte nur zwei von zwölf Fragen korrekt und zwar unabhängig vom Bildungsgrad der Befragten. Die Fragen wurden mehrheitlich negativer beantwortet, als sie sich in der Realität darstellen.Die Befragten tendierten also in ihrer Erwartung zu einer unrealistisch negativen Weltsicht.

Rosling hatte dafür eine interessante Erklärung: Das menschliche Gehirn ist evolutionsbedingt instinktiv – ohne bewusstes Nachdenken – darauf getrimmt, Gefahren aufzuspüren und ihnen aus dem Weg zu gehen. In der modernen Welt ist diese Vorsicht dahin mutiert, Dramen zu finden. Das wird zur Neigung, negativen empfundenen Dingen mehr Beachtung zu schenken als positiven, Dinge zu verallgemeinern, sie negativ zu überzeichnen und schlimmer zu machen, als sie sind. Im Austausch mit anderen werden negative News sofort weitergegeben, die positiven jedoch nicht unbedingt. Die Medien, die uns ständig mit Berichten über schlimme Ereignisse versorgen, sind nicht zuletzt dafür mitverantwortlich, dass wir in der Sorge der ständigen Verschlechterung leben. So gehen die guten Dinge eher unter. Sachliche Argumente haben gegen das Gefühlte dagegen einen schweren Stand. So dass Entscheidungen oft unter unrealistisch negativen Annahmen getroffen werden. So wird die Haltung selbst also zu einer Entscheidung.

Pessimisten gelingt es mit ihrer bloßen Anwesenheit, die Stimmung in einem Raum herunterzuziehen. Indem sie ihre Negativität versprühen, schlecht reden, negative Nachrichten weitergeben, ihr Leid klagen, sich beschweren oder kundtun, was sie eben nicht mögen. Nichts scheint nach ihrem Geschmack. Am Ende weiß niemand, was sie eigentlich mögen, erinnert sich keiner an eine Freude und ein Glück, von dem sie jemals gesprochen hätten. Die völlige Fixierung auf Negatives und das Ausblenden von positiven Ereignissen, birgt Ansteckungsgefahren. Wie ein schwarzes Loch droht sie alles andere zu absorbieren. Darunter leidet auf Dauer das Umfeld. Ein Gefühl der Resignation oder der Überforderung verbreitet sich. Wohin eine mehrheitlich negative Grundhaltung von Menschen führen kann, die sich selektiv auf alles Schlechte konzentrieren, mag man sich nicht weiter ausdenken.

 

Wie aber kann man sich vor der Ansteckungsgefahr schützen?

Wie soll man sich nicht auf 180 bringen lassen und selbst nicht negativ werden, wenn man sich angegriffen fühlt? Den anderen im Konflikt auf seine Negativität hinzuweisen, funktioniert nicht. Das vermittelt nur, du bist nicht o.k. und musst dich ändern. Dagegen muss sich dann der Andere wehren. Das verstärkt sein Muster eher weiter, denn jetzt hat er erst recht zu beweisen, dass diese Welt ein schlechter Ort ist. Ggf. bricht darüber sogar ein Streit aus. Daher kommen positive Naturen häufig irgendwann zu dem Punkt, negativ grundgestimmte Menschen zu meiden und ihnen aus dem Weg zu gehen. An der Haltung der Person ändert das aber genauso wenig wie die Kritik.

Die Frage ist, ob es auch einen konstruktiven Lösungsweg gibt, einer pessimistischen Weltsicht zu begegnen und selbst in einer positiven Haltung zu bleiben? Damit ist nicht gemeint, in völliger Naivität oder Schönfärberei vor der Realität die Augen zu verschließen, sondern vielmehr, bei alledem seine Hoffnung nicht aufzugeben. Niemand als wir selbst ist für unsere negativen Gedanken und Gefühle, die in uns wirken, verantwortlich. Im Laufe unseres Lebens erlernen wir Reaktionsmuster, die sich durch Wiederholungen festigen und automatisieren. Dann braucht es nur noch einen Reiz und wir reagieren impulsiv. Und wir erlauben anderen, uns und unser Wertesystem zu reizen und unsere Knöpfe auszulösen. Die Erkenntnis, dass wir dem anderen nicht ausgeliefert sind, sondern unser Denken und Handeln bewusst überdenken können, ermöglicht, sich als Gestalter anstatt als Opfer der Situation und des Gegenübers wahrzunehmen. Wichtig ist also zunächst zu erkennen, dass Negativität, wenn auch von außen angestiftet, zuerst einmal in uns selbst geschieht. Durch Innehalten und Reflexion schalten wir den Verstand in ein sonst von automatisierten Emotionen beherrschtes Verhalten ein und erhalten Ressourcen, um einen Austritt aus der Negativitätsspirale zu finden. Der Trigger, die alten Emotionen, sind noch da, aber durch die Wahrnehmung im Hier und Jetzt nehmen sie schon deutlich ab. Wir gewinnen Impulskontrolle und das anfänglich negative Gefühl tritt in den Hintergrund. Wenn wir so die Verantwortung für unsere Reaktion annehmen, dann haben wir zugleich auch die Entscheidungsmacht, sie zu dämpfen. Wir können dann durch bewusste Intervention den Absprung schaffen, um nicht selbst von der Negativität absorbiert zu werden und ebenfalls negativ zu reagieren.

Dabei helfen rationale Erklärungen, ein Verständnis. Weshalb verhält sich und denkt der pessimistische Mensch so wie er es tut? Sobald wir mit dem Verstand etwas begreifen, kommen wir automatisch besser damit zurecht. Erklärungen sind wie Schnuller (engl. pacifier = Friedensstifter). Unerklärliches hat dagegen etwas Verunsicherndes. Ob die Hypothesen richtig sind, ist am Ende gar nicht so entscheidend. Wichtig ist, dass sie mehr Klarheit geben. Erklärungen ermöglichen, mit dem anderen mitzufühlen, seine unbefriedigten Bedürfnisse wahrzunehmen.

Empathie ist DER Schlüssel, um unser Herz anderen Menschen gegenüber zu öffnen. Wenn wir es schaffen mit dem negativ gestimmten Gegenüber mitzufühlen, verschwindet unser negatives Gefühl. Doch was einfach klingt, ist mit sehr viel Kraft verbunden. Um nicht nur ein negatives Gefühl zu überwinden, sondern es sogar in etwas Positives wie Liebe und Empathie zu verwandeln. Es fordert emotionale Reife und Übung. Und indem wir in eine positive Haltung zum anderen gehen, ein Stück weit unsere eigenen Bedürfnisse parken, sind wir beim anderen und finden einen Weg, mit Negativität umzugehen, ohne uns selbst daran anzustecken. Das hilft, einen Blick für die Realität zu bewahren, und schützt vor negativen Aussagen und Taten, die man später oft bereut. Meistens gibt es neben dem Schlechten mindestens genau so viel Gutes und sehr Gutes. Empathie ist erlernbar, indem man Gefühle und Bedürfnisse als Schönheit des Menschen anerkennt und zunächst lernt, sie bei sich selbst anzunehmen.

 


 

* Vgl. Hans Rosling, Anna Rosling Rönnlung, Ola Rosling: Factfolness – wie wir lernen die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, Ulstein Buchverlage GmbH, Berlin, 9. Auflage 2018, S. 13-27.

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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.