Perspektiven - Gleichnis von den Blinden und dem Elefanten.

Strategie | Perspektiven - Wenn verschiedene Menschen auf eine Sache blicken, haben sie eine unterschiedliche Wahrnehmung. Eine Stärke, die sich nutzen lässt.

Der Elefant mit seiner gewaltigen Stärke und der Treue zu den Seinen übt auf uns eine starke Faszination aus. Nicht zuletzt als Symbol für die emotionalen Kräfte in einer Veränderung.

Ein uraltes Gleichnis aus dem asiatischen Kulturkreis "Von den Blinden und dem Elefanten" verrät uns viel über Gleichwertigkeit und Toleranz für verschiedene Perspektiven, über relative und absolute Wahrheiten. Eine Version der Geschichte erzählt, dass blinde Menschen von ihrem Lehrmeister gebeten wurden durch Betasten zu ermitteln, was ein Elefant ist. Keine blinde Gefolgschaft wollte der Lehrmeister, sondern die Selbsterfahrung. Dazu sollte jeder Blinde für sich einen – jeweils unterschiedlichen – Körperteil des Elefanten ganz genau untersuchen. Hätten Sie als sehender Mensch den Mut, einen wirklich enorm großen Elefanten zu betasten? Die Blinden vertrauen ihrem Lehrmeister und wagen die Berührung. Ihr Vertrauen gibt ihnen die Sicherheit, ihrer Neugierde zu folgen und sich einer neuen Erfahrung gegenüber zu öffnen. Jeder untersucht nur einen Körperteil mit seinen Handflächen, um zu begreifen, was ein Elefant ist. Dann beschreiben und vergleichen sie ihre Erfahrungen miteinander und stellen fest, dass jede individuelle Erfahrung – je nach Perspektive – zu ihrer eigenen ganz individuellen Schlussfolgerung führt.

  • Der Blinde, der das Bein befühlt, sagt, dass ein Elefant wie eine Säule ist.
  • Der, der die Schwanzspitze anfasst, erkennt im Elefanten etwas wie eine Bürste.
  • Derjenige, der den Schwanz abtastet, merkt, dass ein Elefant sich wie ein Seil anfühlt.
  • Der, der den Rüssel befühlt, spürt, dass ein Elefant Ähnlichkeit mit einem Pflug hat.
  • Der, der das Ohr inspiziert, entdeckt, dass ein Elefant wie ein Handfächer ist.
  • Der, der den Bauch berührt, bemerkt, dass ein Elefant sich wie eine Wand anfühlt.
  • Der, der den Rücken betastet, entdeckt so etwas wie einen Mörser im Elefanten.
  • Der, der den Stoßzahn erkundet, erkennt die Ähnlichkeit des Elefanten mit einer stabilen Röhre.

    Als die Blinden in Streit darüber geraten, wer denn jetzt richtig läge, erklärt ihnen der Lehrmeister, dass sie alle Recht hätten. Der Grund für die verschiedenen Perspektiven sei, dass jeder von ihnen einen anderen Teil des Elefanten berührt habe. Denn in Wahrheit hat ein Elefant all die Eigenschaften, die die Blinden beschrieben haben. Und noch viele mehr als diese. Wie Realität wahrgenommen wird, hängt unmittelbar mit der eigenen Erfahrung zusammen. Und so gibt es eben nicht die eine Realität, sondern ganz unterschiedliche Blickwinkel und Wahrnehmungen davon, die alle gut neben einander gelten gelassen werden könnten.

    Wenn Sie dem nicht blind folgen mögen, probieren Sie ruhig in Ihrem Alltag einmal aus, welche Wirkung es hat, Blickwinkel gleichwertig nebeneinander gelten zu lassen. Unsere Fähigkeit, empathisch zu führen und neues vom anderen zu lernen, fördert es enorm. So verdeutlicht die Parabel auch, warum ein Team bei guter Leitung so wesentlich viel mehr als jeder Einzelne wahrnehmen kann. Jeder Mensch hat in seiner Routine eine gefärbte Wahrnehmung. Gerade für einen Strategieprozess ist es wichtig, all diese unterschiedlichen Perspektiven einzufangen, um einen ganzheitlichen Blick auf den „Elefanten“ zu erhalten und gemeinsam über die weitere Entwicklung nachdenken zu können. Ein Strategieprozess unter Einbindung eines größeren Teams sollte ermutigen, unterschiedliche Erfahrungen ans Licht zu fördern, diese miteinander zu neuen Erkenntnissen zu kombinieren und sie nicht in fruchtlosen Diskussionen und verhärteten Konflikten enden zu lassen. Das setzt vorbildliche Führungskräfte und Lehrmeister voraus.

    Im Gleichnis steht die Blindheit aber auch dafür, alleine nicht in der Lage zu sein, klar das große Ganze zu erkennen. Das wahrnehmende Auge ist genau wie die Handfläche. Der Elefant steht für eine Realität. In ihrer Komplexität wird sie je nach der gewählter Perspektive ganz unterschiedlich verstanden. Eine absolute Wahrheit wird durch unsere begrenzte Wahrnehmungsfähigkeit stets nur subjektiv und relativ erfasst. Wollen Menschen verschiedener Glaubenssysteme harmonisch zusammenleben, die ihre "Realität" auf verschiedene Weisen erklären, dann braucht es Einfühlung in die Wahrnehmung des anderen und in seine Perspektive. Die Erweiterung der eigenen Perspektive kann die Erkenntnis bereichern. Doch die Hand ist nicht in der Lage, das Tier in seiner Gesamtheit zu begreifen. Um den Elefanten in seiner Gänze zu erfassen, ist jede einzelne Betrachtungen nur bedingt hilfreich. 

    Blickt man dem Elefanten "in das Herz", verlagert sich die Wahrnehmungsebene. Es stellt sich die Frage: Was fühle ich, die anderen und der Elefant? Was macht den gemeinsamen Kern aus, der in einer inneren Verbindung Ausdruck findet, die Essenz. Der Wesenskern des Elefanten ist in diesem Augenblick unabhängig von all unseren blinden Flecken. Es lässt uns am ehesten auf die absolute übergeordnete Wahrheit stoßen. Auf der Suche nach der inneren Gemeinsamkeit, dem gemeinsamen Dritten, aber entsteht nicht nur Verbindung zum Elefanten, sondern auch menschliche Verbindung zwischen den Blinden. Alle Streitereien über Standpunkte und Blickwinkel, über Recht haben wollen, treten in den Hintergrund, im gemeinsamen berührt sein.

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    Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.