Neurobiologie und Persönlichkeit - Unsere Landkarten.

Wie sich die Persönlichkeit eines Menschen neurobiologisch aus mehreren Ebenen aufbaut und durch Reflexion Bewusstsein und innere Selbsterkenntnis wachsen.

 

Evolution und Ebenen des dreifältigen Gehirns

Der Mensch ist von Natur mit Phantasie und Spielfreude dazu bestimmt, sich selbst zu bilden und zu entwickeln. Er besitzt viele Möglichkeiten. Seine Persönlichkeit formt sich z.T. genetisch, z.T.  durch soziale Verbindungen über Erziehung, Bildung, Ausbildung, Lesen, Zuhören, Nachdenken, Diskutieren, Abschauen, Ausprobieren etc. Die Persönlichkeit eines Menschen bzw. seine Psyche als der Ort menschlichen Denkens und Fühlens, will besser verstanden sein.[1] Lange Zeit haben sich die Disziplinen gestritten, was die bedingenden Faktoren für unsere Persönlichkeit und Psyche sind. In der Medizin geht man heute davon aus, dass sich Körper und Geist (Psyche) wechselseitig beeinflussen und diverse Wechselwirkungen von Anlagen und Umfeld für die Persönlichkeit prägend sind, v.a.

  • genetische Faktoren
  • vorgeburtliche physiologisch hormonelle Einflüsse der Mutter auf den Fötus
  • frühe nachgeburtliche Einwirkung der Umwelt, v.a. frühkindliche Bindungserfahrungen/ Sozialisierung in den ersten 3 Jahren
  • spätere Erfahrungen und Einflüsse des Umfeldes

Was in der Persönlichkeit und Psyche ist veränderbar, was eher nicht? In den vergangenen Jahren ist hier v.a. die Neurowissenschaft an den Grenzen mit anderen Disziplinen zu neuen Erkenntnissen gelangt. Basis ist das Gehirn mit seinen anatomischen und funktionalen Ebenen. Das Gehirn funktioniert wie eine Landkarte, mit der wir uns im Leben orientieren. Doch wie sich die Landkarte ausbildet, das ist von Mensch zu Mensch individuell.

Für das Verständnis hilft es, sich die Evolution unseres Gehirns vor Augen zu halten.

  • Reptilien-/ Stammhirn: Es steht am Anfang von vor ca. 280 Mio. Jahren. Es umfasst unbewusste Reflexe, Instinkte, hormonelle Steuerung und Erregung. Hier wird existenziell das  Überleben gesteuert.
  • Limbisches System/ Zwischenhirn: Es entwickelte sich dann in drei Ebenen vor ca. 165 Mio. Jahren. Es umfasst Stimmungen, Gefühle, Bedürfnisse, Empathie, Gewissen, Moral und Ethik und ist die Instanz, die unsere Persönlichkeit stark bestimmt. Hier findet das erste Lernen durch Erfahrung statt. Wenn wir etwas denken oder fühlen bewertet es im Bruchteil einer Millisekunde, ob das für uns gut, schlecht oder egal ist. Es reagiert so auf alle inneren Bilder, Gedanken und Gefühle und sendet an das Stammhirn Befehle, Glücks- oder Stresshormone auszuschütten. So dass wir uns gut fühlen oder dass das Alarmsystem (Amydgala) des Gehirns anspringt und das Reptilienhirn aktiviert.
  • Neocortex/ Großhirn: Erst vor ca. 7 Mio. Jahren entwickelte sich dann die Großhirnrinde. Sie ist in eine linke und rechte Hirnhälfte geteilt. Beide bevorzugen unterschiedliche Methoden der Verarbeitung von Information. Die linke fokussiert rationale, sprachliche, analytische, zeitlich lineare und logische Prozesse – die rechte ist eher ganzheitlich, bildhaft, kreativ, intuitiv, räumlich im Moment, emotional und körperlich orientiert. Der präfrontale Hirnlappen im vorderen Teil befähigt uns zu einer höheren Art des Denkens und Fühlens als es Tieren möglich scheint. Er ist für Denken, bewusstes Erleben, sprechen und weitere kognitive Prozesse zuständig. Es ist die höchste Hirnfunktion des Menschen, die ihn in die Lage versetzt zu planen, abstrakt zu denken, Instinkte zu regulieren und Impulse zu unterdrücken. 

Das Hirn nimmt 11 Mio. Bits pro Sekunde auf, kann aber nur minimale 20-40 Bits bewusst verarbeiten. In entspannter Stimmung lässt es die Welt hinein und nimmt mehrere Dinge auf unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig auf. Unter Stress hingegen, blendet es Seitenreize radikal aus und fokussiert die bewusste Wahrnehmung radikal.


Vier Ebenen Modell der Persönlichkeit und Psyche

Auf Basis der Erkenntnisse hat Gerhard Roth das Vier Ebenen Modell der Persönlichkeit und Psyche entwickelt.[2] Es fokussiert auf die drei limbischen Ebenen, die nonverbale Kommunikation steuern - Mimik, Stimmlage und Körpersprache - und die präfrontale sprachlich-rationale Ebene. So betont das Modell den emotionalen Bezug unseres nichtsprachlichen Ausdrucks.

  • 1. Ebene (untere limbische Ebene - Hypothalamus, zentrale Amygdala, vegetative Zentren des Hirnstamms): Sie steuert reptilienhirngemäß die Lebenserhaltung, biologische Funktionen und die Erfüllung primärer körperlicher Bedürfnisse. V.a. also unbewusste, angeborene Reaktionen und Antriebe. Sie ist weitgehend genetisch und durch vorgeburtliche Einflüsse bedingt. Sie bildet das Temperament, das wesentlichen Einfluss auf das Verhalten hat, jedoch kaum durch Erfahrung, Erziehung oder willentliche Kontrolle zu beeinflussen ist.
  • 2. Ebene (mittlere limbische Ebene - basslaterale Amygdala und mesolimbisches System, Zwischenhirn):
    Sie basiert stark auf vorgeburtlichen und frühkindlichen Erfahrungen und Bindungen. Diese Sozialisation prägt das Selbstbild/ Verhältnis zu anderen, ohne dass wir uns an die Lernerfahrungen aus dieser Zeit bewusst erinnern. Durch die emotionale Konditionierung verbinden wir intensive Gefühle mit bestimmten Situationen, was als unbewusstes System der Motivation bzw. Belohnung und Bestrafung wirkt.
  • 3. Ebene (obere limbische Ebene - prä-/ orbitofrontaler, singulärer und insularer Cortex, Großhirn):
    Sie bringt unsere Persönlichkeit in bewusstem Lernen durch emotionale Erfahrungen mit unserer Umwelt in Einklang und sorgt für die Anpassung an gesellschaftliche Strukturen. So ist sie durch neue Erfahrungen veränderbar. Damit verbunden sind Ausbildungen von Rücksicht, Empathie, Geduld, Durchsetzung, Zielstrebigkeit etc., die ungefähr im Alter von 3 beginnen und erst mit 18-21 Jahren ausgereift sind. Sie verortet unser Körpergefühl sowie Empfindungen von Schmerz. 
  • 4. Ebene (kognitiv sprachliche-rationale Ebene): Sie enthält die verbale Kommunikation als Grundlage des rein sachlichen Denkens (Gefühle werden vom limbischen System hinzugefügt). Unsere Maschine zur Problemlösung ist eine Kraftquelle, dazu designt, uns unsere Fragen zu beantworten. Diesen Vorgang nennt man: Reden mit sich selbst. Denken. Bewusste Erfahrung und Wissen werden nur hier erworben. Es wird geprüft, abgewogen, entschieden, geplant. Negative Fragen liefern negative Antworten. Stärkende Fragen liefern Lösungen. Und was sich erst einmal denken und aussprechen lässt, das lässt sich auch tun. Die 4. Ebene kann durch das limbische System stark beeinflusst werden. Sie hat selbst aber nur einen bescheidenen Einfluss auf dieses. Und doch: Das Mensch ist Schöpfer seiner Wirklichkeit. Das Hirn lernt immer dazu. Verändern sich die Gedanken, verändert sich viel. Denn Gedanken sind Anweisungen für an das Unterbewusstsein.


Implikationen für die Persönlichkeitsentwicklung

Von der Hirnforschung zur Emotion...

Die Persönlichkeit eines Menschen ist aus mehreren Ebenen aufgebaut, die sich zu unterschiedlichen Zeiten in der individuellen Entwicklung ausbilden, andere Dynamiken mit sich bringen und unterschiedlich stark zu beeinflussen sind.

Auf der 1. Ebene des Temperaments haben Menschen Erfahrungen gemacht, dass sie sich, wie sie sind, nicht richtig fühlen. So kann die Erlaubnis, so sein zu dürfen, wie man im Kern ist, eine Befreiung sein und gesunde Entwicklung anstoßen. Gegen sein Temperament zu arbeiten macht wenig Sinn. Es gilt, sein Selbstwertgefühl zu entwickeln, sich mit seinen Stärken anzuerkennen und ggf. an Ergänzungen zu arbeiten.

Auf der 2. Ebene der Prägungen geht es um frühkindliche Erlebnisse, die nicht bewusst zu erinnern sind. Daher ist auch schwer, daran direkt anzuknüpfen. Zudem gehört die Bearbeitung sehr negativer Erfahrungen sowie Traumata und ihrer Folgen in therapeutische Hände. Achtsamkeit dafür ist wichtig, um zu erkennen, wann eine therapeutische Begleitung angeraten ist.

Die 3. Ebene der Sozialisation in gesellschaftliche Strukturen, ist das Arbeitsfeld des Coachings. Es umfasst Formen des Umgangs und der Kommunikation sowie Faktoren wie Selbstvertrauen, intrinsische Motivation, Fähigkeit zum Kompromiss, unsere Wahrnehmung, unsere Werte und unsere Moral.

Die 4. kognitiv sprachliche Ebene der bewussten Reflexion ermöglicht Bewusstwerdung. Die Selbsterkenntnis ist der Weg, der die fruchtbare Veränderung ermöglicht. Da unsere Persönlichkeit sich auf den drei limbischen Ebenen entwickelt und die 4. Ebene diese kaum beeinflussen kann, hat es aber wenig Wirkung, isoliert auf sprachlicher Ebene am rationalen Denken anzusetzen.

Nun gilt gerade im beruflichen Kontext ein überhöhtes Gebot der Logik und des Verstandes. Rational ist die Realität in Gänze nie abbilden. Wie hoch der IQ auch sei: Unsere Kapazität zur Aufnahme und Verarbeitung der verfügbaren Informationen ist begrenzt. Methoden, die am limbischen System ansetzen und mit Emotionen, mentalen Bildern und der Wahrnehmung des Körpers arbeiten, sind vielen aber suspekt. Doch die vernetzten Interventionen von Fühlen-Denken-Handeln braucht es.[3] Der Verstand sucht nämlich nach vertrauten Mustern, um daraus seine Wirklichkeit aufzubauen, die Entscheidung und Handeln ermöglicht. So wählt er aus der Fülle die Infos aus, die bestehende Überzeugungen, Erwartungen und Ziele bestätigen. Handeln, Denken, Fühlen sind abhängig von dieser Auswahl.

... und zurück

Im Langzeit-Gedächtnis werden - bewusste oder unbewusste - gleichzeitig erlebte Emotionen, Kognitionen und Aktionen (Fühlen, Denken, Handeln) als Programm und Systembaustein der Persönlichkeit hinterlegt.[4] Das System stabilisiert sich selbst durch selektives, bestätigendes Feedback. Um es zu stören, muss negatives Feedback zu ihm durchdringen. Wenn das passiert, dann kommt das System meist aus der emotionalen Balance. Es ist im Widerstand und wehrt sich gegen die schmerzvolle Störung. Den Schmerz unter Schuldzuweisung, Rationalisieren oder Dissoziieren zu verbergen, ist ein Selbstschutz, der aber die Persönlichkeit unstimmig macht.[5] Zur positiven Auflösung braucht es neue stärkende Gedanken, die in der Tiefe wirken und wir in uns als Person immer mehr stimmig werden lassen, wenn das Tal der Tränen überwunden ist. Es lässt sich dann doch auf neue Erfahrung und Veränderung ein.

Der Weg aus dem Stamm- über das Zwischenhirn zum neuen Bewusstsein geht über das Körpergefühl, Selbstempathie, über Bewusstsein und Achtsamkeit im Hier und Jetzt. So - und nur so - können wir bewusst in Kontakt mit unseren Gefühlen und lebendigen Bedürfnissen kommen. Diese annehmen, wie sie sind und würdigen, so dass sie sich auflösen können und sich auch der Stress im Reptilienhirn wieder legt. Diesen Weg der Persönlichkeitsentwicklung zu begleiten ist Mentaltraining und die edelste Form des Coachings. Emotionale Energie sind der Motor der Entwicklung, die kognitive Ebene aber transformiert die Kraft in die zielführende Richtung. Um die dysfunktionalen Strukturen der alten Welt zu überwinden und sich für die neue Welt freizumachen. 

Emotionen sind und bleiben der Motor aller psychischen und sozialen Entwicklungen. So wie die Persönlichkeit eines Menschen sich als äußerer Ausdruck seiner inneren Landkarte, zeigt, so kann die Kultur eines Kollektivs als äußerer Ausdruck einer kollektiven inneren Haltung gesehen werden. Welche gewaltigen Energien gleichgerichtete kollektive Emotionen beinhalten zeigt die Geschichte immer wieder.[6] Diese durch individuelles Bewusstsein zum Guten hin zu transformieren, ist Aufgabe und Verantwortung der Menschheit.

 


 

[1] Vgl. Roth, Gerhard / Ryba, A. (2018): Coaching, Beratung und Gehirn. Neurobiologische Grundlagen wirksamer Veränderungskonzepte, S. 129 ff.

[2] Vgl. Roth, Gerhard (2018): Coaching und Neurowissenschaften. In: Positionen, 1/2018. 

[3] Vgl. Damasio Antonio (1994): Descartes‘ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. München, List.

[4] Vgl. Ciompi, Luc (1997): Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affektlogik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

[5] Vgl. Hafner, Bettina | Ritz, Gudula (2020): Irgendwie seltsam...! Über den Umgang im Coaching mit extremen Persönlichkeiten, managerseminare.

[6] Vgl. Ciompi, Luc/ Endert, Elke (2011): Gefühle machen Geschichte. Die Wirkung kollektiver Emotionen – von Hitler bis Obama. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

in Anlehnung an Hedi Gies, Traumapädagogik
Quelle: in Anlehnung an Hedi Gies, Traumapädagogik
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