Macht der Konditionierung: Der Elefant am kleinen Pfahl.

Widerstände | Veränderung - Widerstände fußen oft auf alten Erfahrungen. Die damit verbundenen Ängste zu überwinden, macht Veränderung erst möglich.

 

Die sprichwörtliche Kraft eines Elefanten ist beeindruckend. Seit etwa 4.000 Jahren bis heute werden diese Tiere von Menschen in Indien als Reit- und Lastentiere eingesetzt. Während in Europa dem Menschen vor der Industrialisierung eine Ochsenstärke zur Verfügung stand, hatten Menschen in Asien so schon früh die Kraft wie von einem LKW zur Seite. Doch wer einen Elefanten zähmen und reiten will, der kommt mit eigener Muskelkraft nicht weit dabei, den Elefanten längere Zeit zu lenken. Vielmehr folgt der Elefant auf Dauer stets seiner Motivation, seiner Emotion. Wer einen Elefanten reiten und steuern will, der geht eine Lebensbeziehung mit dem Tier ein und steuert dessen Emotionen. Er bildet ihn aus, er ist der, der den Elefanten füttert und ihn täglich pflegt.

In Veränderungsprozessen kann einem Projekt schnell Widerstand entgegen schlagen, der stark wie die Kraft eines Elefanten beschrieben werden kann. Es braucht dann auch hier die Elefantenpfleger, die Führungskräfte, die gut für ihre Teams sorgen. Nur die sind auch in der Krise in der Lage, die Kraft des Widerstands konstruktiv umzuleiten, weil sie das Vertrauen ihres Teams genießen. 

Vor dem Hintergrund der Kraft des Elefanten ist auch die folgende Geschichte von Jorge Bucay vom Zirkuselefanten am kleinen Holzpfahl besonders eindrücklich:* 

Als ich ein kleiner Junge war, war ich vollkommen vom Zirkus fasziniert und am meisten gefielen mir die Tiere. Vor allem der Elefant hatte es mir angetan. Während der Zirkusvorstellung stellte das riesige Tier sein ungeheures Gewicht, seine eindrucksvolle Größe und seine Kraft zur Schau. Nach der Vorstellung aber und auch in der Zeit bis kurz vor seinem Auftritt blieb der Elefant am Fuß an einen kleinen Pflock angekettet. Der Pflock war allerdings nichts weiter als ein winziges Stück Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde steckte. Und obwohl die Kette mächtig und schwer war, stand für mich ganz außer Zweifel, dass ein Tier, das die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszureißen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen konnte.

Dieses Rätsel beschäftigt mich bis heute. Was hält ihn zurück? Warum machte er sich nicht auf und davon? Als Sechs- oder Siebenjähriger vertraute ich noch auf die Weisheit der Erwachsenen. Also fragte ich einen Lehrer, meinen Vater und meinen Onkel nach dem Rätsel des Elefanten. Einer von ihnen erklärte mir, der Elefant mache sich nicht aus dem Staub, weil er dressiert sei. Meine nächste Frage lag auf der Hand: Und wenn er dressiert ist, warum muss er dann noch angekettet sein? Ich erinnere mich nicht, je eine schlüssige Antwort darauf bekommen zu haben. Mit der Zeit vergaß ich das Rätsel um den angeketteten Elefanten. Vor einigen Jahren fand ich dann heraus, dass doch jemand weise genug gewesen war, die Antwort auf die Frage zu finden: Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er schon seit frühester Kindheit an solch einen Pflock gekettet ist. Ich schloss die Augen und stellte mir den wehrlosen neugeborenen Elefanten am Holzpfahl vor. Ich war mich sicher, dass er in diesem Moment schubst, zieht und schwitzt und sich zu befreien versucht. Und trotz aller Anstrengung gelingt es ihm nicht, weil dieser Pflock zu fest in der Erde steckt. Ich stellte mir vor, dass er erschöpft einschläft und es später gleich wieder probiert, und am nächsten Tag wieder, und am nächsten... Bis eines Tages, eines für seine Zukunft verhängnisvollen Tages, das Tier seine Ohnmacht akzeptiert und sich in sein Schicksal fügt. Dieser riesige, mächtige Elefant flieht nicht, weil der Ärmste glaubt, dass er es nicht kann. Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie ohnmächtig er sich damals gefühlt hat, in sein Gedächtnis eingebrannt. Und das Schlimme dabei ist, dass er diese Erinnerung nie wieder ernsthaft hinterfragt hat. Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe zu stellen...

Die Geschichte ist die vom Schmerzgedächtnis. Schmerzen werden mit der Zeit zu Glaubenssystemen. Die Erfahrung wird zur Gewohnheit und damit zu unserer irgendwann nicht mehr hinterfragten Realität. Auch wenn der ursprüngliche Auslöser ausgeheilt oder nicht mehr gegeben ist oder die eigenen Kompetenzen sich einfach weiter entwickelt haben. Der Glaube an die Schmerzen ist konditioniert und bleibt. Das Unterbewusstsein setzt treu um, was ihm eingegeben wird und so testen wir aus Angst vor Schmerz neue Erfahrungen erst gar nicht. Wenn wir mit neuen Herausforderungen konfrontiert werden, geht es uns allen ein wenig so, wie dem Elefanten: Wir sollen uns heraus aus der Gewohnheit hinein in eine uns neue Welt bewegen. Doch wir verhalten uns, als wären wir an Hunderte von Pflöcken gekettet. Wir glauben, viele Dinge nicht zu können. Weil wir einmal vor langer Zeit – als wir noch klein waren – eine Erfahrung des Scheiterns gemacht haben. Oder weil wir im Glauben an die Unmöglichkeit, ohne es selbst je ausprobiert zu haben, aufgewachsen sind. Der einzige Weg zu erfahren, ob man etwas kann, Ist es auszuprobieren und alte Erfahrungen zu hinterfragen. Denn nur indem wir Dinge wieder ausprobieren, können wir unsere Fähigkeiten und Stärken messen. Nur so können wir - so etwa wie Roger Bannister  jemals erfahren, welche „Elefantenkräfte“ wirklich in uns stecken.

 


[*] frei nach Bucay, Jorge (2012): Komm, ich erzähl Dir eine Geschichte, 9. Auflage, Fischer Verlag, Frankfurt.

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