Klare Verantwortung, gute Zusammenarbeit: Der Elternbrief.

Verantwortung | Zusammenarbeit - Das Hin- und Herschieben von Verantwortung schafft Konflikte, Unzufriedenheit und beeinträchtigt die Zusammenarbeit.

Im Folgenden betrachten wir einen Elternbrief sowie die Reaktion einer wenig verständnisvollen Mutter darauf. Der Schriftverkehr nach Dörthe Verres soll sich so oder ähnlich tatsächlich zugetragen haben:

Sehr geehrte Frau Maier,
hiermit muss ich Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Sohn Alexander im Monat September im Mathematikunterricht häufig Heft oder Bücher vergessen hatte und häufig zu spät in den Unterricht kam. Da es für Ihr Kind sehr wichtig ist, den neuen Stoff im Unterricht mit zu erarbeiten und zuhause das neu Gelernte in den Aufgaben selbstständig anzuwenden, bitte ich Sie, mit Alexander in diesem Monat zu sprechen, um größere Lücken und ein Absinken der Noten zu vermeiden. Falls Sie mit mir darüber sprechen wollen, bitte ich Sie, über Ihr Kind einen Termin mit mir auszumachen und mich anzurufen.
Hochachtungsvoll M. Gärtner

Sehr geehrte Frau Gärtner,
hiermit möchte ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Schüler Alexander im Monat September im häuslichen Bereich häufig das Zimmer nicht aufgeräumt hat, häufig die Kleider abends nicht auf den Stuhl gelegt hat, häufig die Zähne nicht geputzt hat und häufig den Vogel nicht gefüttert hat. Da es für Ihren Schüler sehr wichtig ist, den neuen Stoff an Hygiene und Sozialverhalten zuhause zu erlernen und dann in anderen Institutionen das neu Gelernte selbstständig anzuwenden, bitte ich Sie, mit Alexander über sein häusliches Verhalten in diesem Monat zu sprechen, um größere Probleme und allgemeinen Ärger mit mir zu vermeiden. Falls Sie mit mir darüber sprechen wollen, bitte ich Sie, über Ihren Schüler einen Termin mit mir auszumachen und mich anzurufen.
Hochachtungsvoll A. Maier

Wir sind verantwortlich für unsere Absichten und Handlungen, ebenso für unsere Gefühle und Bedürfnisse. Wenn wir eine Botschaft abgeschickt haben, haben wir keinen Einfluss mehr darauf, wie sie vom anderen aufgenommen wird. Welche Gefühle sie beim anderen auslöst. Wie die andere Seite reagiert. Doch wofür wir wiederum verantwortlich sind, ist, wie wir die Botschaft des anderen aufnehmen. Für unsere Gefühle, die sie bei uns auslöst. Und wie wir darauf reagieren. Für unsere Beziehung miteinander, hier also die Lehrenden-Eltern-Beziehung haben daher beide Seiten die volle Verantwortung. In dem Moment, in dem wir versuchen, den anderen zu beeinflussen, sind wir nicht mehr bei uns selbst. Wer kümmert sich dann um uns, wenn wir schon selbst nicht bei uns bleiben? Wenn wir konsequent bei uns bleiben, dann übernehmen wir die volle Verantwortung für uns, sorgen für unsere Bedürfnisse und verfolgen sie beharrlich. Und mit Berücksichtigung auch der Bedürfnisse des anderen, kann daraus eine große stärkende Kraft entstehen.

An dem Elternbrief lässt sich gut analysieren und nachempfindend hypothetisieren, wie Sprache und Wortwahl im Brief der Lehrerin zum Widerstand und emotionalen Reaktionen auf Seiten der Mutter geführt haben könnten. Unterstellen wir, dass die Lehrerin in einer guten Haltung ist. Es gut mit dem Sohn meint und die Strategie verfolgt, die Mutter ins Boot zu holen, um gemeinsam den Sohn zur Verhaltensänderung zu bewegen. Durch ihren wenig einfühlsamen Ausdruck ist es ihr nicht gelungen, Verbindung zur Mutter herzustellen. In der schriftlichen Kommunikation ist es per se erschwert, Verbindung von Mensch zu Mensch herzustellen. Inwieweit dies gelingt, hängt von der Haltung des Lesenden ab. Doch wie anders hätte sich das Anliegen zumindest angehört, wäre es in der Sprache der gewaltfreien Kommunikation vorgetragen worden (unseren Formulierungsvorschlag finden Sie am Ende des Textes*)... Es entsteht offensichtlich kein Verständnis dafür, warum die Verantwortung für das Gespräch mit dem Sohn von der Lehrerin per Bitte auf die Mutter übertragen wird. Und mangels Verständnis entsteht auch kein Einverständnis. Statt dessen reagiert die Mutter mit einer ironischem Antwortschreiben, das die Lehrerin genauso vor den Kopf stößt. Die Kette des Schmerzes nimmt ihren Lauf... Verantwortung für die Eltern-Lehrenden-Beziehung übernimmt keine der beiden Seiten. Genauso wenig wie eine der beiden Seiten Verantwortung für die Aussprache der eigenen Bedürfnisse übernimmt und damit nicht den Weg zur Lösungsfindung eröffnet. Statt dessen wird das Verantwortungs-Ping-Pong fortgeführt und auf die Ebene der schulischen und häuslichen Erziehung des Sohnes verlagert. Die Verantwortung wird von einem zum anderen geschoben. Verantwortung wird nicht übernommen.Damit Verantwortung von Herzen übernommen werden kann, bedarf es der Entscheidung hierfür. Die Übernahme von Verantwortung lässt sich nicht erzwingen. Wie die Übertragung funktionieren kann ist vielschichtig. Zur Orientierung hilft es, Verantwortung zunächst aus seinem Wortstamm „antworten“ heraus mit seinen vier Dimensionen zu verstehen:

  • antworten dürfen – eine Frage der Autorisierung
  • antworten müssen – eine Frage der Zuständigkeit
  • antworten können – eine Frage der Qualifikation
  • antworten wollen – eine Frage der Werthaltung

Mit ihrer Bitte ist die Lehrerin ganz besonders auf das "antworten wollen" der Mutter angewiesen. Das beinhaltet, eine lösungsorientierte Strategie zu finden, die die Bedürfnisse beider Seiten miteinander verbindet. Jede Form "gewalttätig" wirkender Kommunikation, ist hier völlig kontraproduktiv. Das vemeintlich gut gemeinte Schreiben der Lehrerin erreicht nicht sein Ziel, sondern führt mitten in einen vermeidbaren Konflikt... 

Tatsächlich ist eine gemeinsam getragene Verantwortungskultur, die gelingende Übergabe und Übernahme von Verantwortungen eine hohe Kunst der Führung im 21. Jahrhundert. Damit Abläufe in Kliniken Hand-in-Hand funktionieren, bedarf es Prozessorganisationen. Prozessorganisationen jedoch funktionieren nur in Verantwortungskulturen. Das ist also ein enorm hoher Anspruch und so muss man sich nicht wundern, dass noch so viel Verschwendung in Kliniken statt findet. Gerade dann, wenn verschiedene Berufsgruppen vertrauensvoll im Rahmen unterschiedlicher Dienstleistungen zusammenarbeiten, ist eine gute Klärung der Verantwortungen wichtig, um unnötige Konflikte in der Zusammenarbeit zu vermeiden. Eine wichtige Vorarbeit ist daher bei der kontinuierlichen stringenten Rollen- und Entscheidungsklärung zu leisten. Und wie die Geschichte des Elternbriefes lehrt, ist es für das Arbeiten im 21. Jahrhundert hilfreich, nicht-hierarchisch-direktiv, sondern auf Augenhöhe der unterschiedlichen Kompetenzen zu denken. Denn das schafft Verbindung und Vertrauen und damit den notwendigen Nährboden, auf dem eine gelingende Verantwortungsübergabe und -übernahme glücken kann. Gute Zusammenarbeit braucht klare Verantwortungen...

 

* Elternbrief, "gewaltfrei" redigiert:

Sehr geehrte Frau Maier,
Ihr Sohn Alexander hat im Monat September im Mathematikunterricht 10 von 12 mal sein Heft oder Buch vergessen. 9 von 12 Mal war er nicht zum Unterrichtsbeginn im Klassenraum. Das kenne ich aus der Vergangenheit von Ihrem Kind nicht. 
Im Moment legen wir in Mathe die Grundlagen für die gesamte weitere Oberstufe. Dabei mache ich mir Sorgen um Ihr Kind. Mir fehlt die Gewissheit, ob Ihr Sohn den neuen Stoff selbstständig anwenden kann und  dass er im Moment nicht den Anschluss verliert. Ein frühzeitiger Austausch mit Ihnen ist mir wichtig, um gemeinsam abgestimmt, die wirkungsvollste Ansprache Ihres Sohnes zu finden. Ich würde mich freuen, wenn wir uns dazu austauschen und Sie  - gerne über Ihr Kind - einen Termin mit mir ausmachen.
Hochachtungsvoll  Ihre M. Gärtner

 

 

 

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