Drei Perspektiven der Persönlichkeit - Kopf, Bauch und Herz.

Wer entscheidet - Kopf, Bauch oder Herz? Das Herz übernimmt die Rolle des leisen Taktgebers im Zusammenspiel der Perspektiven - wenn wir es nur lassen.

 

Drei Verkörperungen der Persönlichkeit - Kopf, Bauch und Herz.

Der Kopf, oder besser gesagt das Gehirn, und der Bauch, oder besser gesagt der Magen, sind fest verankerte Organe im komplexen menschlichen Organismus. Jedes Organ im Körper hat seine eigene Aufgabe, aber es ist mit den anderen über Zellen, Blutbahnen, Nervenstränge oder Gewebe funktional direkt vernetzt. So können sie zusammenarbeiten wie ein eingespieltes Team. Die Organe mit ihren Verbindungen sichern gemeinsam das (Über) Leben. So wirken Kopf und Bauch ständig wechselseitig aufeinander ein. Was im Hirnsystem gedacht wird und somit als Energie auftaucht, spiegelt sich auch im Darmsystem - mit identischen Typen von Nervenzellen, Botenstoffen, Rezeptoren. Umgekehrtes gilt für das Bauchgefühl. Ein faszinierendes System.

Rationale Kopf- oder eher intuitive Bauchentscheidungen? Bei der Frage "Wie entscheiden?" kommen so Kopf und Bauch nicht nur allegorisch ins Spiel. Die Rolle des Herzens wird zumeist kaum beachtet. Dabei ist doch das Herz der zentrale Taktgeber im systemischen Zusammenspiel eines Sowohl-als-Auch. Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf die Verteilung dieser Rollen zu wagen.[1]

 

Der Kopf und die Gedanken

Nehmen wir zuerst den Kopf. Er ist die Grundfigur des Denkens. Spätestens seit Descartes (1596-1650) wissen wir: „Cogito ergo sum. Ich denke, also bin ich“. So sieht sich der Kopf natürlich als zentrale Instanz. Sein Metier ist das Denken und die Ratio. Er analysiert, reflektiert, bewertet, begründet mit Logik, Ursache und Wirkung. Und wahrlich: Ihm haben wir viele wichtige Erkenntnisse der Menschheitsgeschichte zu verdanken. Da der Kopf Descartes allzu genau nimmt, denkt er immer. Steht permanent im inneren Dialog. Würde er nicht mehr denken, wäre er nicht mehr.

Mit der Kognition, dem Stand der Neurobiologie zum dreifältigen Gehirn und dem Persönlichkeitsmodell der vier Ebenen von Gerhard Roth haben wir uns im Beitrag „Neurobiologie und Persönlichkeit – Unsere Landkarten“ ausführlich gewidmet. So soll an dieser Stelle die Interaktion von Kognition, Emotion und Aktion stärker aus der „Bauchperspektive“ betrachtet werden.

 

Der Bauch und die emotionalen Zustände

Der Bauch führt ein ganz anderes Dasein. Mit dem Denken hat er nicht viel am Hut. Daher ist ihm der Kopf zuweilen auch suspekt. Das ganze Wirken des Bauchs ist auf das Steuern der Vitalenergie ausgerichtet, auf das (Über-) Leben des Systems. Das ist essentiell und so sieht der Bauch sich ganz natürlich als die Hauptfigur. Seine Instrumente sind innere emotionale Zustände.

Diese sollen wie folgt nach Art, Intensität und Dauer, Bewusstseinsnähe sowie körperliche Wahrnehmung  und Ausdruck begrifflich differenziert werden:[2]

Art des Inneren
Zustandes

Emotion
(Bauch)

Gefühl
(Bauch, Kopf)

Empfindung
(Bauch, Kopf, Herz) 

Intensität & Dauer
  • kraftvolle Reaktion auf äußere Reize (Anspannung/ Unlust, Entspannung/ Lust)
  • oft im Affekt nach körperlichem Ausdruck drängend (kurze, heftige Wallung, die evtl. zum Verlust der Handlungskontrolle führt)
  • (Ur-) Instinkt: Lebenskraft/ Vitalenergie, bringt aus Unterbewusstsein/ limbischem System direkt ins Handeln
  • blitzschneller, intensiver Impuls (nach 90 Sekunden meist wieder abgeklungen)
  • mittlere Intensität und Dauer
  • nicht klar auf äußeren Auslöser rückführbar
  • Gefühle sind spontane körperliche Regungen auf subjektive Gedanken. Ohne etwas unbewusst gedacht bzw. bewusst reflektiert zu haben, ist kein Fühlen möglich
  • die Regungen werden wiederum bewusst kognitiv erfahren und verknüpft
  • feinfühlig, in der Intensität flüchtig
  • lang dauernde Stimmung
  • als sinnliche Wahrnehmung im Gehirn registriert, wodurch Zugang zu tieferem Bewusstsein entsteht
  • korrespondiert zu eigenem Weltbild/ Haltung. Paradoxon: man kann nur wahrnehmen, was man für möglich hält
  • Intuition: unmittelbares, nicht auf Reflexion beruhende, ahnende Wahrnehmung.
Bewusstseinsnähe
  • unwillkürlich, unbewusst
  • meist unwillkürlich, doch beeinflussbar.
  • bei Achtsamkeit Ins Bewusstsein gelangt („gefühlte Emotion“)
  • bewusste Wahrnehmung

Körperliche Wahrnehmung/ Körpergedächtnis

  • vitale Kraft, die tief vom Steiß- bis Kreuzbein aufsteigt und über das Nervensystem die gesamte Muskulatur tatbereit anspannt
  • auf Magenhöhe angekommen, liefert das Gehirn oft das Ziel und die Vitalkraft wandelt sich in eine Emotion (Bauchgefühl), z.B. Wut.
  • ihr energetischer Ursprung befindet sich in einem offenen, weiten Brustraum als Schwingungen des Herzens, wenn Gefühle nicht blockiert sind
  • im entspannten Kontakt mit sich im Hier und Jetzt als Resonanz wahrnehmbar (ohne anhaften zu sollen)
  • Gefühle schaffen Erfahrungen, die vom Gehirn oft bewertet und gespeichert werden.
  • Wahrnehmung mit der Sensibilität der sieben Sinne, v.a. der Haut (z.B. körperliche Nähe als Trost und Beziehung stiftend)
  • Im gesamten Körper wahrnehmbar, auch einen Bereich über ihn hinaus. So werden Verbindung zu sich, zum anderen, zur Umwelt aufgenommen und Beziehungen reguliert.

Körperlicher Ausdruck

  • Emotionen (v.a. universelle wie Wut, Angst, Freude, Trauer, Überraschung, Ekel, Ärger) sind nicht zu unterdrücken, sondern stehen uns unwillkürlich über die Mimik affektiv ins Gesicht geschrieben.
  • Gefühle verfeinern Gesichtszüge, schaffen „leuchtende“ Augen, weiten den Blick. Sie strahlen als Herzenswärme aus. In bewussten Kontakt mit den Gefühlen geschieht sozialer Austausch.
  • Weinen, Rotwerden, Herzrasen stammt von einem Signal aus dem Hirn. 
  • Der Mensch, der den sensiblen Kontakt zu seinen Empfindungen und seinem Körper verloren hat, kann selten internal entscheiden. Ihm fehlen nach A. Damásio somatische Marker zur Orientierung.

 

Das Herz und der leise Takt

Oft passiert es, dass Menschen sich im „entweder oder“ von Kopf oder Bauch leiten lassen. Dabei gibt den Takt ein anderer leise und fast unbemerkt vor. Und er vermag es, mit einem Schlag unser ganzes System zum Stehen zu bringen. Und doch schenken wir ihm kaum Beachtung: Die integrative Kraft zwischen Kopf und Bauch ist das Herz. Es hat zurecht – nicht nur für Kardiologen – eine besondere Faszination. Das Herz ist der Teamleader im Dreiklang dieser Organe. Es steuert über seinen Herzschlag. Und wie so oft in der Führung erfordert das Ausdauer und Konsequenz. Im Laufe eines 81,5 jährigen Lebens – mit durchschnittlich 70 Schlägen pro Minute, also etwas mehr als 100.000 Schlägen pro Tag – schlägt das Herz mehr als 3 Milliarden Mal. Bei Stress und körperlicher Anstrengung erhöhen sich Herzfrequenz, Puls, Blutdruck noch mehr. Das Herz macht im Mittel zu 1/3 Pause – immer zwischen den Schlägen. Auf den Tag gerechnet ist es damit 16 Stunden aktiv und ruht 8 Stunden. Ein gesundes natürliches Maß.

Unser Herz macht uns als Person aus. Wenn wir auf uns zeigen und uns im Wesentlichen meinen, wo zeigt unsere Hand dann hin? Auf den Kopf oder auf den Bauch? Nein. Sie zeigt auf das Herz. Es gibt Studien von Herzforschern,[3] die das Herz als eigenes Intelligenzzentrum ausweisen. So zeigen z.B. transplantierte Herzpatienten Veränderungen im Verhalten, die auf den Herzspender zurückgehen.

Das Herz arbeitet dabei ganz im Stillen. Es ist selbstlos. Es kann wahre Dankbarkeit empfinden, Freude, Herzlichkeit und Liebe. Unbedingte Liebe, die gelten lässt, was ist, wie es ist, und sich so selbst erfüllt. Im Herzen sind Wertungen aufgehoben. In ihm wird gelassenes Da-Sein und absichtsloses Wirken möglich. Und das Herz beherbergt viele Formen von Mut: Demut, Langmut, Anmut und teils auch etwas Übermut. Indem das Herz die Steuerung übernimmt, können Kopf und Bauch ihre Aufgaben gezielt erfüllen. Sie dienen dann nicht nur ihren partiellen Interessen, sondern sind eingestimmt in Beziehungen zu den umgebenden Systemen und in die größeren Zusammenhänge des Organismus. Was so dem Menschen dient, dient zugleich dem Heil der Menschheit.


Angebot für eine kleine Körperübung

Setzen Sie sich entspannt hin, beide Füße fest auf dem Boden. Schließen Sie die Augen, den geschlossenen Blick nach oben gerichtet. Legen Sie die rechte Hand weich auf Ihr Herz, die linke weich auf den Unterbauch und lauschen Sie dem Herzschlag. Fühlen Sie in den Takt und hören Sie auf Ihr Herz… ganz entspannt, ganz achtsam.

Lassen Sie den Atem leicht fließen. Atmen Sie durch Ihr Herz ein und aus. Nehmen Sie wahr, wie die rechte Hand immer mehr mit dem Körper verschmilzt. Seien Sie ganz im Moment – lassen Sie den Kopf Kopf und den Bauch Bauch sein. Lassen Sie die Gedanken und Gefühle einfach kommen und gehen, „ah interessant“, ohne ihnen zu glauben und ohne ihnen weiter anzuhaften. Sie spiegeln „nur“ Ihre Persönlichkeit, aber nicht die Realität. Nehmen Sie kleinste Empfindungen in der Brust wahr, schauen Sie in den Brustraum und lassen Sie Bilder entstehen und wieder vorüberziehen. Vielleicht verändern sich die Bilder ständig. Nehmen auch sie einfach nur wahr, „ah, interessant“. Hören Sie auf die leisen Töne und die ganze Weisheit Ihres Herzens. 

 

Vertrauen in die Führung des Herzens legen

Eine Hauptaufgabe von Führung ist es, in einer Welt der Möglichkeiten, stetig gute Entscheidungen zu treffen. Wie leicht führt das zu Überforderung. Menschen, die keinen guten Zugang zu ihren Emotionen, Gefühlen und Empfindungen haben, tun sich oft schwer, ohne Angst zu entscheiden und suchen übermäßig Sicherheit in rationaler Absicherung. Viel zu oft werden in der Führung so angstgetriebene, extrinsisch orientierte Entscheidungen getroffen. Umso wichtiger ist es also, sich damit auseinander zu setzen, wie Sie auf Ihr Herz hören und wie Sie es in Ihre Entscheidungen einbinden. 

Der Weg über das Herz führt die Führung zur eigenen Mitte. Um den eigenen Weg und die eigenen Ziele klar zu sehen, braucht es Raum und Zeit. Zeit zur Reflexion und Zeit zum Hineinspüren in die eigenen Wünsche, Bedürfnisse, Werte und Sehnsüchte. Eben in das Herz. Die Fähigkeit des Kopfes zur Reflexion hilft, sich Bewusstsein und Stimmigkeit zu verschaffen. Auch das gesunde Bauchgefühl, die Intuition, gibt Signale.

Für eine Wahl liegen jeder Entscheidung mindestens zwei Möglichkeiten zugrunde. "Zwei"-fel sind also ganz normal. Beim Erkunden der Alternativen sind Kopf und Bauch wertvolle Ratgeber - ebenso die Perspektiven anderer Menschen. Über die noch unausgereiften Ideen miteinander zu reden, ist keine schlechte Idee. Und wenn alles erkundet ist - dann wird das Herz befragt: "Bei welcher Alternative habe ich ein gutes, warmes Empfinden?" Es spart viel Energie, jetzt auf das Herz zu hören, sich zu entscheiden und darauf zu vertrauen, dass es gut ist. Auch wenn wir dabei nicht unbedingt den leichtesten Weg wählen. „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt“ (Blaise Pascal) und weiß in seiner Weisheit so viel mehr als wir bewusst wahrnehmen. So dürfen wir die „Herzlosigkeit“ ablegen und lernen, unseren intrinsischen Herzensentscheidungen zu vertrauen. 


Kleine Entscheidungshilfe im inneren Zwiegespräch:
Was würdest du jetzt tun, wenn du keine Angst hättest?

Es ist verrückt – sagt der Kopf.
Ich habe Angst, ich könnte verletzt werden – sagt der Bauch.
Tu das jetzt, wir werden daran wachsen – sagt das Herz.


Wie der Mensch dabei über sich selbst hinaus wachsen und sein Potenzial leben kann, wenn die drei Protagonisten Bauch, Kopf und Herz im Einklang sind und im bloßen Sein verschmelzen, zeigt die Geschichte von Roger Bannister.[4]

  


[1] Vgl. Jokisch, Wolfram (2005): Kopf-Herz-Bauch – ein Drei-Perspektiven-Modell der Persönlichkeit.

[2] Eigene Darstellung in Anlehnung an Antonio R. Damasio Antonio R. (2004): Descartes' Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. Die begrifflichen Definitionen sind in der Literatur gänzlich uneinheitlich.

[3] Vgl. Pearsal, Paul (1999): Heilung aus dem Herzen, Goldmann.

[4] Auch in unseren Impulsgeschichten bemühen wir immer wieder tierische Beispiele und mentale Bilder, um zu ermutigen: Welche Entwicklungen sind möglich, wenn Grenzen v.a. im Denken im Hier und Jetzt überwunden werden?! Um drei Beispiele zu nennen:

  • Die wundervolle Lebensreise der Lachse im Rhein zeigt ein schönes Beispiel tierischer Intuition oder Bauchentscheidung. Dabei wird kollektive Erinnerung über das genetische Programm von Generation zu Generation weitergegeben.
  • Die Geschichte vom kleinen Elefanten am Pfahl symbolisiert, welchen Einfluss das emotionale Schmerzgedächtnis hat. Auch wenn der psychischen Auslöser ausgeheilt ist, bleibt der Glaube an die Schmerzen im Unterbewusstsein gespeichert. Auch wenn der Bauch falsch liegt – aus Angst vor dem Schmerz vermeiden wir neue Erfahrungen und Gewohnheiten.
  • Das Gedankenspiel vom Affenkäfig bildet ab, wie Erfahrungen als Glaubenssätzen nicht nur genetisch, sondern auch morphogenetisch übertragen werden.
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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.