Die Schabe oder wie uns alte Denkmuster in die Irre führen.

Das Experiment mit der Küchenschabe zeigt, wie uns vorgefertigte Denkmuster dran hindern können, gute Lösungen zu finden.


Prof. Dr. Gerald Hüther, bekannter deutscher Neurobiologe, erzählt in seinen Vorträgen (vgl. u.a. Vortrag hier) gerne von einer etwas ekligen Erfahrung als junger Wissenschaftler: Damals glaubte die Forschung, dass durch Lernerfahrungen im Gehirn ein neues Eiweiß gebildet wird – das Gedächtnismolekül. Dessen Existenz wollte Prof. Hüther seinerzeit in einem Versuch nachweisen. Dazu wurden amerikanische Küchenschaben genutzt. Die Schabe wurde in ein Gestell gespannt, unter dem eine Schale mit Salzlösung stand, die mit einer kleinen Batterie verbunden war. Immer wenn sie ihre Beine hängen lies, bekam sie einen kleinen Stromschlag. Nach ein paar unangenehmen Impulsen behielt sie ihre Beine oben. Spannte man sie dann aus, ließ sie eine Weile laufen und spannte sie wieder ein, behielt sie die Beine sofort oben. Die Schabe hatte also gelernt, welches Verhalten für sie gut war. Die Forscher sezierten das Gehirn der Schaben aus dem Experiment und verglichen es mit dem Gehirn von Schaben, die nicht trainiert wurden. Doch auch nach 2 Jahren ließ sich die Existenz des Gedächtnismoleküls nicht nachweisen. 

Da kam eines Tages ein Hilfsassistent, der eine Beobachtung anderer Art machte: Nachdem der Schabe der Kopf abgeschnitten wurde, lebt der Körper noch ca. 30 Minuten weiter. Er spannte daher den Körper auch ohne Kopf in das Gestell und siehe da: auch ohne die Kontrolle des Kopfes zog der Körper die Beine an. Das Lernen hatte also gar nicht im Gehirn stattgefunden, sondern im Bauchmark (Ganglien). Die Erfahrung hat sich direkt im Körpergedächtnis abgespeichert! Kein Wunder also, dass im Gehirn der Schabe nichts zu finden war. Die Wissenschaftler waren so eingeengt in ihren Denkmustern, dass sie andere Beobachtungen einfach nicht wahrnahmen. Anders der Student, der noch nicht so fest in den Gedankenkonstrukten verhaftet war, und der auch nicht beweisen musste, dass er Recht hatte. Er nahm auch andere Dinge wahr, schaute eben nicht nur auf den Kopf und das Gehirn, sondern auf die Schabe als Ganzes. Auch ließ er sich darauf ein, frei zu experimentieren und ergebnisoffen auf den Versuch zu blicken. 

Das Beispiel zeigt auf schöne Weise, wie sehr uns Meinungen und Denkmuster darin einengen können, neue Lösungen zu finden. Alles, was die bestehende Meinung erschüttern oder an dem Gedankenkonstrukt rütteln könnte, blenden wir in unserer Wahrnehmung aus (siehe auch den Beitrag zum "Aufmerksamkeitsblinzeln"). Je mehr wir emotional Recht haben wollen, desto enger schränkt sich die Wahrnehmung ein. Sich selbst immer wieder frei davon zu machen und die eigenen Annahmen zu hinterfragen, ist gar nicht so einfach. Oft braucht es tatsächlich andere Menschen, die noch nicht so tief verstrickt sind und mit frischem Blick von außen anders auf die Gegebenheiten blicken. Doch das hilft nur, wenn wir uns auch darauf einlassen und uns irritieren lassen. Wenn wir soweit frei bleiben, dass wir immer auch einen anderen Blickwinkel einnehmen können, ohne zu sehr darauf zu beharren, Recht zu haben. Wenn wir der Idee folgen, dass unsere Wirklichkeit auch ganz anders sein könnte, wenn wir es nur zulassen… 

Trotz aller klugen Überlegungen – um J.W. von Goethe zu zitieren: „Es irrt der Mensch, solang er strebt“. Menschliches Erkennen ist grundsätzlich riskant und anfällig für Fehler. Alltag und die Geschichte der Wissenschaft sind voll von Irrtümern, Scheuklappendenken und vorschnellen Schlussfolgerungen. Was da hilft, ist nicht nur immer wieder zu hinterfragen. Sondern auch einfach, ein bisschen mehr über sich zu lachen. Lachen widersteht dem Verabsolutieren von Positionen, Grundsätzen und Prinzipien. Lachen schafft emotionale Distanz und befreit dazu, sich neue Sichten und Optionen zu verschaffen. 

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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.