Die Predigt für den Stallmeister: Das rechte Maß

Die Predigt des Mullah vor dem Stallmeister zeigt, wie schnell wir in neuen Situationen mit einer dualistischen Denklogik auf einen Irrweg geraten, statt die Lösung einfach an den Bedürfnissen des Zuhörers zu orientieren.

 

Der Mullah, ein Prediger, kam in einen Saal, um zu sprechen. Der Saal war leer bis auf einen jungen Stallmeister, der in der ersten Reihe saß. Der Mullah überlegte sich: "Soll ich sprechen oder es lieber bleiben lassen?" Schließlich fragte er den jungen Mann direkt: "Es ist niemand außer dir da, soll ich deiner Meinung nach sprechen oder nicht?" Der Stallmeister antwortete: "Herr, ich bin ein einfacher Mann, davon verstehe ich nichts. Aber wenn ich in einen Stall komme und sehe, dass alle Pferde weggelaufen sind und nur ein einziges dageblieben ist, werde ich es trotzdem füttern." Der Mullah nahm sich das zu Herzen und begann seine Predigt. Er sprach zwei Stunden lang. Danach fühlte er sich zufrieden und wollte sich durch den Zuhörer bestätigen lassen, wie gut er seine Rede fand. Er fragte: "Wie hat dir meine Predigt gefallen?" Der Stallmeister antwortete: "Ich habe bereits gesagt, dass ich ein einfacher Mann bin und von so etwas nicht viel verstehe. Aber wenn ich in einen Stall komme und sehe, dass alle Pferde außer einem weggelaufen sind, werde ich es trotzdem füttern. Ich würde ihm aber nicht all das Futter geben, das für alle Pferde gedacht war.

 

Entscheidungslogik

Die Geschichte* verdeutlicht, dass wir bei Entscheidungen gerne in Strategien von "alles oder nichts“ (Vortrag halten oder nicht halten) denken. Das Polarisieren hat den Vorteil, dass es das Unterscheiden erleichtert, was ja eine Voraussetzung für jede Entscheidung ist. So kommen wir leichter zur Entscheidung und ins Umsetzen. Nicht umsonst findet sich eine solche dualistische Sicht bei Fundamentalisten aller Art. Das "entweder/ oder" hat seinen Preis: Es teilt und verhindert, sich das Problem genauer aus den unterschiedlichen Perspektiven anzuschauen und so zu neuen, verbindenden Lösungen zu kommen. Weil es den Blick auf all das, was zwischen "ganz oder gar nicht" liegt blockiert. Treten nach einer (vorschnellen) Entscheidung dann im Nachgang Schwierigkeiten auf, erklären wir einen zuvor gefassten Plan für doch nicht realisierbar oder beharren stur auf seiner Einhaltung – selbst wenn es uns maßlos überfordert. Wir blenden die Information dann gerne aus und denken also weiterhin in zwei scheinbar unvereinbaren Strategien.

1. Position: Das Eine 
2. Position: Das Andere 

Zwei in einer dualistischen Sicht scheinbar nicht miteinander zu vereinbarenden Alternativen erzeugen ein Dilemma, das nur durch weitere Optionen zu überwinden ist. Die hierzu im Systemischen Denken von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd aufgegriffene strukturelle Figur des Tetralemmas entstammt der Logik des frühen indischen Buddhismus. Es werden zwei weitere Positionen ergänzt, die differenziertere Strategien umschreiben:**

3. Position: Beides (sowohl das Eine als auch das Andere)
4. Position: Keines von Beidem (weder das Eine noch das Andere)

Auf eine integrierende, das rechte Maß findende 3. Position weist der junge Stallmeister hin. Es gibt z.B. ja auch die Möglichkeit, Adressaten gerecht portioniert nur einen Teil des Vortrages zu halten und bestimmte andere Dinge des geplanten Vortrages auszusparen. In der 4. Position öffnet sich etwa die Option, keinen Vortrag zu halten, sondern in einen Dialog über das Thema oder in ein Lehrgespräch mit dem Stallmeister zu treten. Das öftere Durchlaufen der Tetralemma Positionen – nicht nur ganz bezogen auf die Wahrnehmung in einer Strukturaufstellung – führt zu reiferen Entscheidungen. So hätte der Mullah sich die späte Erkenntnis nach dem Vortrag womöglich durch Fragen aus dem Tetralemma schon früher in der Entscheidung reinholen können. Erst in der über das Tetralemma hinaus weisenden 5. Position löst sich das ursprüngliche Dilemma aber ganz auf und fordert keine Antwort und Positionierung mehr.

5. Position: All dies nicht.

Man verlässt die Ebene der Strategien und fragt, um was es uns wirklich geht. In entschiedener Distanz kann sich so ein Wechsel des Fokus vollziehen. Eine zunächst essentiell erscheinende Frage könnte nichtig werden, wenn der Stallmeister ein ganz anderes Anliegen für sein Dasein hat.

 

Wie ist die Predigt dann zu bewerten?

Mullah ist ein Ehrentitel für einen einfachen islamischen Gelehrten. Über den Inhalt der Predigt, die er  exklusiv für einen jungen Mann vorträgt, erfahren wir nichts weiter. Er war wohl genauso engagiert für den einen Hörer wie für die vielen, wenn der Saal voll gefüllt gewesen wäre. Jedenfalls war die Predigt für ihn selbst nach zwei Stunden rund. Dann erfahren wir jedoch, dass die Predigt als Kommunikation zwischen Prediger und Publikum ganz schön daneben gegangen ist. Warum?

Ein guter Exeget ist noch lange kein guter Prediger. Was macht eine gute Predigt im Kontext und aus der Sicht der heutigen Zeit im westlichen Kulturkreis aus? Die Güte zeigt sich hier im Kern an der positiven Wirkung und Motivationskraft beim einzelnen Zuhörer, seine Lebensentscheidungen bewusst in die Hand zu nehmen und diesen zu folgen. Da der dann angestoßene Prozess nicht unbedingt bequem ist und vorgefertigte Urteile womöglich stört statt zu bestätigen, heißt das, dass die Qualität der Predigt nicht unbedingt daran abzulesen ist, wieviel Beifall sie findet. Die Predigt soll weder zu Agitation und Moralpredigt noch zum lebensfernen Fachvortrag oder zur schönen Rezitationsübung verkommen. So darf sie dann auch selbst bei größtem Kompetenzunterschied auf einer Haltung gleicher Augenhöhe beruhen und sich wie jede gute Rede an der Aufnahmefähigkeit und am Nutzen für den Zuhörer orientieren. Nur Inhalte, die an die Lebenserfahrung des Zuhörers anschließen, schaffen Vertrauen in den Redner und überzeugen die Zuhörer, sich wahrhaftig einzulassen. Dazu darf sie von den Fragen, Zweifeln und Einwänden der Hörerschaft her geleitet sein, sich auf deren emotionalen Erfahrungen – gerade auch von Leid und Angst – einlassen und hier etwa Kraft und Trost spenden. Relevante Erkenntnisse über sich selbst kommen schließlich selten aus dem Verstand. Alles Wissen bleibt unnütz, wenn es nicht in Zusammenhang mit aktueller Relevanz gebracht wird, um den Zuhörer damit anzuregen und einen Impuls etwa zur Veränderung oder Bewusstmachung zu setzen. Natürlich bleibt eine Rede ein Monolog. Aber dennoch soll auch der Monolog latent dialogisch auf die Zuhörer eingehen und reagieren. Obwohl der Mullah bereits vor der Predigt etwas über die Lebenswirklichkeit des Zuhörers erfahren konnte, vermochte daran in seiner Rede nicht anzuschließen. Womöglich hat er auch keinen Blickkontakt gehalten, um die nonverbalen Reaktionen seines Zuhörers laufend aufzunehmen und darauf reagieren zu können. Ohne Blickkontakt ist es aber fast unmöglich, zu oder mit jemanden zu sprechen. Die stumme Hörerschaft spricht ununterbrochen durch ihr nonverbales Hörerverhalten mit. Wenn der Zuhörer nach der Rede sagt "Davon verstehe ich nicht so viel", dann fühlt er sich wohl dem Mullah intellektuell nicht gewachsen und ist offenbar wenig inspiriert und persönlich ermutigt von der Rede. Doch wäre das nicht der originäre Sinn der Predigt gewesen? Der Stallmeister kennt sich wohl weder mit Form noch Inhalt der Predigt aus. Umso mehr aber versteht er vom Füttern der Pferde und weiß den Kontext zu übertragen und in Metaphern zu reden, weil er ein gemeinsames Grundproblem erkannt hat. Effektiv und effizient war die lange Predigt für ihn nicht. Man soll jedem Menschen nur soviel „Futter“ geben, dass er sich nicht verschluckt, aber genügend, damit er nicht hungert. Alles soll in essbaren, appetitlichen Happen gereicht werden und damit die Talente und Ressourcen versorgen. So wäre es besser gelungen einen Lerngewinn zu erreichen. Gute Kommunikation ist am Ende das, was beim anderen ankommt. Bildung ist effektiver, wenn sie auf den Einzelnen zugeschnitten ist und ihm die Zeit lässt, die es braucht. Ihn mit allem zu überhäufen, was der Redner zu geben hat, überfordert den Zuhörer unendlich und erreicht am Ende gar nichts.

Aus heutiger Sicht, wo zweifellos weniger Hierarchiehörigkeit besteht, ist die Geschichte doch kaum noch nachvollziehbar: Wer würde schon ohne Not zwei Stunden lang höflich ausharren und einem ihm unverständlichen Vortrag lauschen, wenn im Stall die Pferde zu füttern sind?

 


* Nossrat Peseschkian: Der Kaufmann und der Papagei, Orientalische Geschichten in der Positiven Psychotherapie, mit Fallbeispielen zur Erziehung und Selbsthilfe, Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 1979, S. 133.

** Im Zen findet sich die Haltung puren Non-Dualismus, der in einer untrennbaren Einheit allen Seins wurzelt und vertritt, dass Trennung immer nur scheinbar ist. Dualität entsteht durch das Treffen einer Entscheidung. Bei jeder Wahl wird eine Trennung geschaffen zwischen dem Einen und dem Anderen. So erschaffen wir stetig Trennungen und (Vor-) Urteile. Jede Entscheidung beinhaltet, ein Urteil über eine Bedeutung und holt so aus dem bloßen Sein im Hier und Jetzt.


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