Die Macht der Vielen - Das Wunder der Friedlichen Revolution

Was sich in Leipzig vor 30 Jahren ereignete, ist ein Wunder unserer Zeit. Es ist ein Verdienst der Vielen, die mit ihrem Mut für eine freie Welt eintraten und einiger Ermöglicher an der Spitze der Systeme.

 

Es ermutigt zur Hoffnung, dass – wenn gute Fügung hinzu kommt – Veränderungen möglich werden, von denen wir nicht zu träumen wagen. Wenn genügend viele Menschen, das Thema zu ihrem Anliegen und sich auf den Weg machen, wenn sie ihre Furcht durch eine gemeinsame Hoffnung überwinden und sich gegenseitig inspirieren.

Gorbatschows Friedenspolitik

Der Wandel begann im Kreml – u.a. mit dem Lesen des Bergpredigtbuchs von Franz Alt. Michail Sergejewitsch Gorbatschow beschloss mit dem Wettrüsten und den Feindbildern aufzuhören, egal was der Westen tut, und der Menschheit im Zeitalter atomaren Wettrüstens ein Überlebensprogramm zu geben. Er begann eine Politik des einseitigen Abrüstens mit Mut und im Vertrauen auf die weltweite Friedensbewegung.

Leipziger Friedensgebete

Seit September 1982 beging eine Gruppe von Wehrdienstgegnern in der Leipziger Nikolaikirche auf Vorschlag von Pfarrer Christoph Wonneberger hin montags Friedensgebete, deren Koordination dieser ab 1986 selbst übernahm. Die Gründung der Arbeitsgruppe Menschenrechte brachte ihn seit Anfang 1987 in Konflikte mit staatlichen und kirchlichen Stellen. Ab nun wurde die Nikolaikirche mehr und mehr zu einer festen Institution des Protests gegen das Regime, indem oppositionelle Gruppierungen und Künstler abwechselnd Andachten gestalteten und ihre politischen Inhalte vertraten. Im September und Oktober 1989 nahmen dann die Ereignisse der Friedlichen Revolution in Leipzig ihren Lauf.

Wegen der Leipziger Messe und der Präsenz der Westpresse blieben am 4.9.89 die 1.000 Demonstranten nach dem Friedensgebet unbehelligt. Der Abriss der Transparente für demokratische Freiheitsrechte wurde gefilmt und über das West-Fernsehen ausgestrahlt. An den folgenden Montagen lösten Polizei und Staatssicherheit (Stasi) die Versammlungen nach den Friedensgebeten durch Verhaftungen auf. Wonneberger begann nach jedem Montagsgebet das aufgebaute Netzwerk westlicher Journalisten über die Ereignisse in Leipzig telefonisch zu informieren. So stellte er sicher, dass eine breite Öffentlichkeit von den Verhaftungen in Leipzig, den stetig wachsenden Menschenansammlungen und Demonstrationen erfahren konnte. Das löste in der ganzen DDR Solidaritätsaktionen aus.

Beim Friedensgebet am 25.9. musste die Nikolaikirche wegen Überfüllung geschlossen werden. Vor der Kirche warteten Tausende. Drinnen mahnte Wonneberger, keine Gewalt anzuwenden. Danach protestierten etwa 5.000 Personen. Die von der Masse überraschte Polizei griff nicht ein. Das war der Auftakt. Die Nikolaikirche wurde zum Symbolort des friedlichen Protestes.

Wegen des wachsenden Andrangs fand am 2.10. das Friedensgebet erstmals auch in der reformierten Kirche statt. Am Abend formierten sich fast 20.000 Menschen zum Montagsprotest und zogen auf den Ring. Gegen die Massen konnte die Polizei nicht ankommen und setze brutal Schild, Schlagstöcke und Hunde ein. Doch die Masse konnte sie nicht auflösen.

Sorge vor einer gewalttägigen Niederschlagung

Dann stand die Feier zum 40. Jahrestag der DDR am 7.10. an. Gorbatschow zögerte, der Einladung Erich Honeckers nach Berlin zu folgen. Honecker machte keinen Hehl daraus, dass er von den Reformen Gorbatschows, Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau), nichts hielt. Gorbatschow befürchtete, dass Honecker die Revolution so wie Chinas Führung die Studentenproteste im Juni 1989 mit Gewalt niederschlagen würde und reiste zu den 40-Jahr-Feiern der Republik nach Ost-Berlin.

Beide Staaten begingen fast zeitgleich ihren 40. Jahrestag - die Volksrepublik China am 1. Oktober 1989 und die DDR am 7. Oktober. Die Ereignisse in der DDR waren vor einer Wegscheide: Sie hätten leicht auch den chinesischen Weg gehen können: In Peking wurde am 4.6.1989 die seit April 1989 mit täglichen Protesten und Hungerstreiks geführte Demokratiebewegung rund um die Besetzung des Platzes des Himmlischen Friedens durch einen brutalen Militäreingriff gegen das eigene Volk niedergeschlagen. Die Studenten von Peking sahen in Gorbatschow einen Hoffnungsträger. Die wegen seinem Staatsbesuch am 15.5.  anwesende internationale Presse machte die chinesische Demokratiebewegung weltweit bekannt. Zu der Zeit war etwa eine Million Menschen auf dem Platz. Danach riefen die Parteioberen das Militärrecht aus, um der Aufruhr ein schnelles Ende zu bereiten und das sozialistische System zu stabilisieren. Am 20. Mai wurden der Auslandspresse nach der Abreise Gorbatschows die direkten Satellitenverbindungen gekappt, für Peking wurde der Ausnahmezustand erklärt und die Armee wurde formiert. Am Abend des 3. Juni bewegten sich Soldaten in voller Ausrüstung mit Schützenpanzern aus mehreren Richtungen auf die Innenstadt zu. Die Militäreinheiten stießen auf Barrikaden setzten immer rücksichtsloser Schusswaffen  gegen die Menge ein. Die zunehmende Gewalt gegen die Zivilbevölkerung führte zu einer Eskalation, in der auch Soldaten getötet wurden. Der Rausch der Gewalt in der Stadt setzte sich am 5. Juni fort, obwohl der Widerstand bereits am 4.6. im Wesentlichen gebrochen war. Schätzungen sprechen von 10.000 Verwunden und 3.000 Toten bei dem Massaker.

Die Führung sympathisierte offen mit dem harte chinesische Vorgehen gegen die wachsenden Proteste. Dies war sicher auch ein Auslöser für die Welle der Massenflucht aus der DDR im Spätsommer 1989 über Ungarn, Polen und die CSSR. Politiker wie Günter Schabowski und Egon Krenz besuchten China am 1.10. zu den 40-Jahr-Feiern und zeigten Unterstützung für die blutige Niederschlagung des Aufstandes. In der Zuspitzung der Ereignisse in Leipzig wuchs daraus die Furcht, die Staatsführung der DDR könne sich für eine „Chinesische Lösung“ entscheiden. Dies konkretisierte sich dadurch weiter, dass die Nationale Volksarmee seit dem 6.10. in „erhöhte Gefechtsbereitschaft“ versetzt wurde..

Als Gorbatschow nun in dieser kritischen Phase am 7.10. zusammen mit Honecker in Berlin auf der Tribüne stand, feierte die vorbeiziehende FDJ, die kommunistische Jugendorganisation, statt der DDR spontan „Gorbi, Gorbi“. Und obwohl in Leipzig die Nikolaikirche am 7.10. geschlossen war versammelten sich dort spontan zeitweise über 4.000 Leute. Die Polizei ging brutal vor und setze nun auch Wasserwerfer ein. Das Regime hatte den Einsatz von Schusswaffen bereits offen angedroht. Es bereitete ein gewaltsames Einschreiten vor.

Auf Messers Schneide

Aufgrund der Gewaltandrohung des Regimes ließen Pfarrer Wonneberger und seine Mitstreiter am 8./9.10. fast 30.000 der legendären Flugblätter drucken. Sie wurden am 9.10. in Leipzig verteilt und in den Kirchen zum Friedensgebet verlesen. Auch die Leipziger Bürgerrechtler, Leipziger Persönlichkeiten sowie selbst Funktionäre der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) riefen Sicherheitskräfte und Demonstranten zu strikter Gewaltlosigkeit auf. Doch noch am Nachmittag des 9.10. wurden MG-Schützen in Leipzig positioniert und ihnen bei Befehlsverweigerung mit Militärgericht gedroht. 

Trotz ihrer Ängste demonstrierten am 9.10. nach den Friedensgebeten in vier Leipziger Kirchen mindestens 70.000 Menschen mit den Losungen „Keine Gewalt“ und „Wir sind das Volk“ gegen das Regime. Die Friedensbeter haben die Hoffnung der Furcht vorgezogen. Tausende waren nach Leipzig gereist. Angesichts dieser Massen zogen sich die Sicherheitskräfte zurück. Da sie den SED-Chef Honecker nicht telefonisch erreichen konnten, entschieden sich die Leiter der Einsatzkräfte - auf sich selbst gestellt -  für das Aufheben des Einsatzbefehls. Die Sicherheitskräfte griffen nicht mehr ein. Der dadurch ermöglichte friedliche Ausgang des 9.10. war ein entscheidender Durchbruch für die friedliche Revolution. Am Abend gab Wonneberger ein  Live-Interview in den Tagesthemen der ARD und berichtete der Weltöffentlichkeit von der friedlichen Demonstration in Leipzig mit den 70.000 Teilnehmern.

Am 13.10. verbot Krenz den Gebrauch von Schusswaffen bei Demonstrationen. Die Zahl der Montagsdemonstranten wuchs wöchentlich weiter. Am 16.10. waren es 120.000. Die Menschen ließen sich schlagen, beschimpfen, einsperren, aber sich nicht einschüchtern und sich v.a. nicht zur Gewalt hinreißen. Am 18.10. wurde Erich Honecker in desolatem Gesundheitszustand offiziell von Egon Krenz, dem langjährigen Stellvertreter, abgelöst. Die Proteste ergriffen das ganze Land. Ein schwerer Hirninfarkt am 30. Oktober 1989 machte Wonneberger auf der letzten Etappe zum „Pfarrer ohne Worte“ – seine Heilung dauerte viele Jahre.

Am 1.11. folgte Krenz einer Einladung Gorbatschows nach Moskau. Am 3.11. unterzeichnete Krenz das grundsätzliche Verbot für Schusswaffen auch für die für Berlin angekündigte Großdemonstration am Folgetag. Der Protest gegen den totalitären Staat ging auch in Leibzig – allein mit Kerzen und Gebeten – weiter und erreichte am 6.11. seinen Höhepunkt. Trotz strömendem Regens nahmen fast 500.000 Menschen teil. Es war die größte Protestdemonstration in der Geschichte Leipzigs. Immer deutlicher forderten die Freiheitskämpfer die Aufgabe des Machtmonopols der SED, demokratische Freiheitsrechte und Strukturen. Immer wieder riefen sie "Keine Gewalt“. 

Friedliche Revolution

Am 9.11. hielt das Zentralkomitee eine Tagung. Krenz gab Günter Schabowksi eine Pressemitteilung, auf dem der gefasste Reisebeschuss stand. Schabowski verkündete dann in der Pressekonferenz die neue Reiseverordnung versehentlich als unverzügliche Reisefreiheit in den Westen. Die Tagesschau berichtete, dass die DDR die Grenzen öffnet. Das löste einen Strom zu den Grenzübergängen aus. Egon Krenz gibt keine Anweisungen mehr. Die auf Befehl und Gehorsam geübten Offiziere von Stasi und Nationaler Volksarmee sind überfordert. Im wachsenden Druck der Massen auf die Tore der Mauer in Berlin, öffnet ein Oberstleutnant um 23.30 Uhr die Grenze, um ein größeres Chaos zu vermeiden. Das ist der Fall der Mauer in Berlin. Ein Wunder vor unseren Augen, ein Zeichen der Hoffnung, geboren aus Chaos und Verwirrung und beherzten friedlichen Entscheidungen.

In Leipzig zogen 10.000de mit Kerzen durch die Stadt, weil sie der Reichsprogromnacht 1938 gedachten. Frieden schaffen ohne Waffen, ohne Gewalt – was gewaltlosen Menschen nur wenige Monate zuvor rund um den "Platz des Himmlischen Friedens" ebenso wie gewaltlose Juden in der Reichsprogromnacht das Leben kostete – in Leipzig wurde es wahr. Es hätte alles so leicht ganz anders ausgehen können, blutiger, gewalttätiger. Aber das geschah nicht. Mit ihren Gebeten haben die Menschen ihre Hoffnung in Gottes Hand gelegt. Stammeln, Schweigen, Verwirrung, Missverständnisse beim Zentralkomitee. Die Staatsoberen konnten sich nicht mehr verständigen, sie verstanden nach 40 Jahren die Welt nicht mehr. Einzelne entscheiden, nicht zu schießen und die Leute zu lassen. Menschen, beharrlicher und entschieden in der Sprache der Gewaltlosigkeit und des Gebetes, sprechen mit Kerzen und Gebeten und kippen das totalitäre Regime, ohne dass jemand dabei verletzt oder getötet wurde.

Die deutsche Wiedervereinigung war nicht auf der Agenda der Demonstranten gegen die Diktatur, sie war der in Folge der friedlichen Revolution in der DDR angestoßene Prozess. Die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 bewirkte den endgültigen Zerfall des politischen Systems der DDR. Doch die Deutsche Einheit wurde mit Gorbatschow möglich. Schon beim Gipfeltreffen Gorbatschows mit George Bush sen. am 2-3.12.89 auf Malta erklärten die beiden den Kalten Krieg als beendet und die Hoffnung, sich am Anfang eines langen Weges in eine friedliche Ära zu befinden. Gewaltandrohung, Misstrauen und Kampf sollten der Vergangenheit angehören. Gorbatschow versicherte, nie einen Atomkrieg gegen die USA zu beginnen, Bush sah sich am Beginn eines dauerhaften Friedens, in der die Ost-West-Beziehung in eine Zusammenarbeit münde.

Die DDR war Teil des Sowjetischen Regimes. Am 3. Dezember 1989 trat das Politbüro der SED einschließlich Egon Krenz, der in den Folgetagen alle Ämter niederlegte, nach massiven Protesten geschlossen zurück. Anstelle von Nato und Warschauer Pakt hoffte Gorbatschow auf ein neues System der kollektiven Sicherheit. Er löste den Warschauer Pakt auf und stimmte Anfang 1990 der Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands in der NATO zu. Im Westen wird Gorbatschow geliebt, weil er den Kalten Krieg beendete und maßgeblich am Gelingen der deutschen Einheit bis zum Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 – nach vier Jahrzehnten der deutschen Teilung – beteiligt war. Innenpolitisch schwächte das Gorbatschow aber: In Russland galt er als Verräter, der das Land demütige und den Zerfall der Sowjetunion nach innen kanalisierte, statt nationalistische Interessen zu vertreten. Im Westen galt er als Gescheiterter - nach dem Zerfall der Sowjetunion sah der Westen Russland nicht mehr als Ordnungsmacht. Doch für seinen Beitrag zum Friedensprozess in der Welt und zur friedlich erfolgten deutschen Wiedervereinigung erhielt Gorbatschow bereits am 10.12.1990 den Friedensnobelpreis. Hunderttausende von Menschen an seiner Seite, die massenhafte aufstanden und keinen Anlass gaben, ihnen Gewalt anzutun, können ein Positivbeispiel für Konfliktlösungen mit der Macht der Vielen geben mit der Hoffnung: Es hat ja doch einen Sinn. Viele kleinen Leute zusammen können besonnen und mit Geduld eine ganze Menge zur Veränderung beitragen.

 

Quellen:

  • App "Leipzig '89", Audioguide zu 20 geschichtsträchtigen Orten rund um die Friedliche Revolution.
  • Alt, Franz (2019): Der Geist Gottes weht, wo er will. In: der Pilger, Winter 2019, S. 119-120.
  • Diverse andere Erzählungen von Zeitzeugen.
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