Blickwendung auf Positives: Was ist Gutes am Krebs?

Positives | Wahrnehmung - Auch in sehr schwierigen Situationen haben wir immer wieder die Macht, Anteil zu zeigen und die Wahrnehmung auch auf das Gute im Schlechten zu richten.

 

Mitmenschlicher Umgang mit schlechten Nachrichten

Christiano Ronaldo hat uns bei der WM 2014 begeistert. Wegen seiner Menschlichkeit. EIne Hilfsorganisation hatte ihn um ein signiertes Trikot oder um abgetragene Schuhe für eine Versteigerung zugunsten von Baby Erik Ortiz Cruz gebeten. Der kleine Junge litt an einer kortikalen Dysplasie, einer angeborenen Hirnerkrankung, wodurch er bis zu 30 epileptische Anfälle am Tag hatte. Seine Eltern konnten sich die Operation nicht leisten. Ronaldo übernahm blitzartig alle Behandlungskosten und rasierte sich einen Blitz als Zeichen für die OP-Narbe des zehn Monate alten Erik auf den Kopf. In Kliniken begegnen uns immer wieder Schicksale, die uns ähnlich berühren. Wir lernen über die Menschen, mit denen wir zusammen arbeiten, wie sie mit den Schicksalen professionell und zugleich mit einem hohen Maß an Menschlichkeit umzugehen. Etwas, was unsere Arbeit bereichert und uns immer wieder neue Impulse gibt. Einen solchen Impuls möchten wir gerne mit Ihnen teilen.

Ein Chefarzt musste einer Patientin eine infauste Tumorprognose übermitteln. Eine schwere Aufgabe, selbst nach vielen Jahren Erfahrung als Mediziner.* Zurecht. Durch das Gespräch ändert sich beim Gegenüber von jetzt auf eben alles. Und vielleicht das Schlimmste für den Arzt: es gibt nichts mehr, was zur Heilung getan werden kann.

Max Frisch hat für solche Situationen einmal gesagt: Man sollte dem Anderen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann, und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen. Die Wahrheit in einem Mantel verpackt hinhalten, lässt dem anderen Zeit den Mantel zu inspizieren, und wenn er dazu bereit ist, dann selbstbestimmt hineinzuschlüpfen...

Einfühlsam kam er mit der Frau ins Gespräch und bereitete sie in Ruhe auf die Botschaft vor. Im Anschluss an das Gespräch würde der Chefarzt drei Tage außer Haus sein. Die übliche Nachbesprechung am nächsten Tag entfiel somit. Und so stellte er der Patientin am Ende des Gespräches eine Aufgabe. Sie solle sich, bis er wieder in der Klinik zurück wäre, überlegen, was denn auch das Gute an ihrem Krebs sei. Nach der Rückkehr kam er in der Visite zu der Frau und fragte sie, ob sie schon eine Antwort auf seine Frage gefunden hätte. Das hatte sie in der Tat und sie bat ihn, ihm dies unter vier Augen erzählen zu können. So bat er die Mitpatientin, den anwesenden Ehemann der Frau und alle Mitarbeiter kurz aus dem Zimmer und blieb mit ihr alleine zurück. Sie erzählte ihm dann, dass sie nach all den vielen Ehejahren überzeugt gewesen war, ihr Mann würde sie nicht mehr lieben. In dieser Woche sagte ihr Mann ihr das erste Mal nach ewigen Jahren, wie sehr er aus tiefstem Herzen lieben würde und die beiden waren so liebevoll miteinander wie schon seit längerer Zeit nicht mehr. Ohne den Krebs würde sie diese Liebe im Herzen nicht fühlen, und sie hätte die tiefe Gewissheit nicht, die ihr diese Woche geschenkt worden sei. Das sagte sie mit Tränen in den Augen. Nur ein paar Tage später ist sie gestorben.

Jeder kann darauf schauen, in welche Worte gemantelt er anderen sein Feedback anbietet. Dabei kann der Fokus auf die unterschiedlichsten Botschaften gerichtet werden: auf das, was traurig macht, und auf das, was wir an stärkenden Dingen immer auch mitnehmen können. Dinge müssen einfach nicht gesagt werden, um gesagt worden zu sein, sondern es soll immer wieder klar sein: Wofür dient es, wenn ich das Wort ergreife? Wofür spreche ich?

 


 

[*] Vgl. Sehouli, Jalid (2018): Von der Kunst, schlechte Nachrichten gut zu überbringen. Kösel-Verlag, München. Die einfühlsame Sprachbegabung findet auch im Erstlingsroman des Autors seine Abbildung, vgl. Sehouli, Jalid (2012): Marrakesch. Viele Geschichten in einer Geschichte oder die besondere Geschichte von der Pastilla. akademos Wissenschaftsverlag GmbH, Hamburg.

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