Biografiearbeit in Zyklen von 7 Jahren und die 7 Stufen der Moral

Die Biografiearbeit kennt den interessanten 7 Jahres Rhythmus der Entwicklung der Persönlichkeit. Sprünge im Leben lassen sich grob in 7 Jahre schematisieren.

 

Wir kennen nicht nur die Wochen als Rhythmus von 7 Tagen, sondern auch „das verflixte 7. Jahr“.[1]  Die lange Distanz von 7 Jahren macht - gerade in einer Zeit der Monats- und Quartalsberichte - sichtbar, dass Leben stetige Entwicklung, Wandel und Reifung bedeutet und uns durch so manche Krise führt. Quasi alle 7 Jahre kommen wir auf eine neue Stufe, oder, wie der Volksmund sagt: Alle sieben Jahre wechseln wir unsere Haut. Es finden äußere und innere Wandlungen statt. In der persönlichen Biografiearbeit wird die Reife im Leben des Menschen dabei gerne prototypisch in drei Abschnitte aus 7-Jahres Spannen gegliedert.[2] Auch die 7 Stufen der moralischen Entwicklung nach Lawrence Kohlberg folgen einer analogen Dreiteilung. Kolhlberg jedoch sieht nur die wenigsten Menschen sich in ihrer Bewusstseinsbildung und Reifung über den ersten Abschnitt hinaus entwickeln und den Umgang mit Nähe und Distanz zu finden. In unserer schnelllebigen Zeit ist es durchaus sinnvoll, zu entschleunigen und sich einmal mit längeren Entwicklungen im Leben auseinander zu setzen. Wenn wir das auf größere Systeme übertragen werden wir sehen: Auch in der Kulturarbeit können wir ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass es 7 Jahre dauert, bis eine Kulturwandel wirklich etabliert ist.

Lebenszyklus

Die ersten 21 Jahre der physisch leiblichen Entwicklung (0-21)

  • Die 1. Lebensphase ist von der leiblichen Entwicklung und den starken körperlichen Veränderungen geprägt. Bis zur Mitte des ersten Jahrsiebts bilden sich Sinnes- und zentrales Nervensystem aus. Das Kind sagt zum ersten Mal "Ich" zu sich selbst. Das Ich-Bewusstsein erwacht. Es folgt eine Trotzphase, in dem sich das Selbst behauptet, bevor um das 7. Lebensjahr der Schulreife der Zahnwechsel kommt und ein Zeitbewusstsein erwacht.
  • Im 2. Jahrsiebt reift das rhythmische Atmungs- und Zirkulationssystem heran. So werden die Gefühle immer wacher. Das Kind ist stärker in sich gekehrt, träumerisch, aber auch aggressiv, und oft mit seinen Gefühlen überfordert. Die Pubertät, die Entfaltung des Ich-Gefühls, beginnt. Etwa um das 14. Lebensjahr es geschlechtsreif. Diesen Lebensabschnitt prägen starke körperliche Veränderungen.
  • Im 3. Jahrsiebt bis zur Mündigkeit reifen Knochen, Muskeln, Sehnen, das Reproduktion- und Stoffwechselsystem aus. Die Jugend ist die Zeit der Selbsterprobung, des In-Frage-Stellen und des Umwerten der vermittelten Werte.

 Die zweiten 21 Jahre der seelisch geistigen Entwicklung (21-42)

  • Die stoffliche Erneuerung des physischen Leibes setzt sich in einem 7 Jahres Rhythmus fort. Doch Aufbau- verlangsamen sich und Abbauprozesse werden markanter. Die Entwicklung verlagert sich auf die seelisch geistige Ebene. Ab dem 21. Lebensjahr legt sich der Fokus langsam auf Selbstverwirklichung und das Gestalten eines selbstverantwortlichen Lebens. Am sozialen Leben ausgerichtet sammeln Menschen Erfahrung, erkennen zunächst ihre Talente und Stärken und die Bedingungen, unter denen sie effektiv sind. Sie steigen in den Beruf ein und richten sich auf ihre berufliche Karriere aus. Es ist oft eine Phase höchster Produktivität. Es ist oft auch der Beginn der Familiengründung.
  • Das autonome ICH ist ausgebildet. Der Mensch verarbeitet in geistig unabhängig, was er aufnimmt. So kann er seine Individualität entfalten und sichtbar sein. Das Bewusstsein reift weiter aus. Die Dreißiger sind eine Phase immenser Leistungsbereitschaft.
  • Im 6. Jahrsiebt lernt der Mensch im Umgang mit anderen zunehmend mit Gefühlen zu leben und sie zu kontrollieren. Er erreicht psychische Reife.

Geistige Vertiefung der dritten Lebensphase (42-63+)

  • Körperliche Aufbau- und Abbauprozesse geraten immer mehr aus dem Gleichgewicht. Die biologischen Kräfte beginnen nachzulassen. Muskeln werden schwächer; bei der Frau hört mit den Wechseljahren die Menstruation auf. Die Endlichkeit des Lebens wird sichtbarer. Erfolg und Selbstvertrauen verstärken sich selbst. Mit dem typischen Beginn der Midlife Crisis um das 42. Lebensjahr (bis etwa zum 56.), wenn die erste Lebenshälfte unwiderruflich überschritten wird, beginnt dann eine Phase psychischer Verunsicherung. Ein Tal zeichnet sich ab: Wissen veraltet, ein Defizit an Work-Life-Balance macht unzufrieden  - alles läuft auf eine tiefe Sinnkrise zu. Die nicht selten in einer Umorientierung endet. 
  • Um das 49. Lebensjahr muss ein neuer, verlangsamter Rhythmus im Leben gefunden werden, der dem physischen Abbau entspricht. Die Sinnesorgane lassen in ihrer Wahrnehmung nach und so findet eine stärkere innere Einkehr statt. Es ist auch die Zeit, sich mit seinen bislang verdrängten Schatten auseinander zu setzen und sich mit diesen weiter zu entwicklen. Der Fokus verlegt sich mehr auf die geistige Entwicklung. 
  • Ab dem 56. Lebensjahr spätestens werden die Früchte des Lebens sichtbar. Der Mensch zehrt von seinen Erfahrungen, überwindet oft sein Ego und fragt sich, was er mit dem bis dato Erreichten für die Welt anfangen kann. Er wendet sich vertieft den großen Fragen des Lebens zu. Es entfaltet sich ein größeres Bewusstsein. So realisiert sich ein Mensch zunehmend als Persönlichkeit in der Welt. Das Ende des Berufslebens und der Einstieg ins Rentenalter steht bevor (künftig ja erst ab 67). Der Beginn der Rente ist ein tiefer Umbruch im Leben. Man verliert auf einen Schlag eine Aufgabe, einen Sinn im Leben und nicht zuletzt institutionalisierte Anerkennung. Darauf sollte man vorbereitet sein, um die Chance des Neubeginns zu nutzen und nicht in Langeweile und Depression zu versinken.

 

Die 7 Stufen der Moral nach L. Kohlberg

Moralische Reife und damit die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung, ist nicht in den Genen festgeschrieben. Sie entwickelt sich aus Erziehung, Bildung, Prägung durch Vorbilder und Autoritäten, geistigen Fähigkeiten, praktischer Erfahrung, sozialen Auseinandersetzungen - etwa mit moralischen Dilemmata[3]. Eine Gesellschaft tut gut daran, all dies zu begünstigen.Lawrence Kohlberg hat ein Reifegrad Modell aufgestellt und dieses immer wieder empirisch überprüft und erweitert. 

Stufe
1Kinder unterwerfen sich meist gehorsam Autoritäten und den von ihnen gesetzten Regeln, um Strafe zu vermeiden.
2Kinder lernen, ihr Verhalten reziprok an der anderen Seite auszurichten. Sie reagieren kooperativ auf kooperatives Verhalten, sie rächen sich für erlittenes Leid (tit for tat/ Wie du mir so ich dir).
3Jugendliche erkennen die moralischen Erwartungen anderer und die Bedeutung für das Funktionieren der Gesellschaft an und wollen dem gerecht werden. Selbst haben sie auch Erwartungen an das Verhalten und die Intention anderer. Gewissen und Schuldempfinden orientieren sich an Gesetz und Ordnung.
4Im Übergang zum Erwachsensein lösen sie sich von Konventionen, hinterfragen Normen und folgen Autoritäten nicht mehr blind. Sie orientieren sich immer mehr an eigenen Ansichten und Emotionen, wenn ihre Moral auch noch nicht durch Prinzipien begründet ist. Einigen gelingt in dieser Phase ein Reifesprung.
5Moralische Normen werden hinterfragt und nur noch anerkannt, wenn sie als einleuchten. Nur eine Minderheit von etwa 25% aller Menschen erreicht ab dem 21. Lebensjahr diese Stufe.
6Moral bemisst sich internal von der Vernunft her an den eigenen universellen ethischen Prinzipienunabhängig von konkreten moralischen Regeln, Recht und Gesetz -ethisches Handeln wird Selbstzweck. Diese Reifestufe wird von weniger als 5% der Menschen erreicht.
7Kohlberg hat später noch eine weitere Stufe der Weisheit vorgeschlagen, in der moralische Urteile transzendental begründet werden. Das reife Individuum sei erfüllt von Liebe und Empathie.

 

Die persönliche Lebenslinie

Betrachten Sie doch einmal Ihr eigenes Leben im Rückblick in den wichtigen großen Meilensteinen. Es gibt in Ihrem Leben nichts spannenderes!

  • Zeichnen Sie einen Zeitstrahl mit 7 Jahres Abständen bis zu Ihrem heutigen Lebensjahr. Die y-Achse stellt ihr Glücksniveau im Rückblick aus heutiger Sicht dar. Zeichnen Sie in das Schaubild Ihre Lebenslinie.

Notieren Sie dazu:

  • Was war Ihr bedeutsamstes Erlebnis in jeweils welchem Jahrsiebt?
  • Was nehmen Sie aus welchem Jahrsiebt an wesentlichen Erkenntnissen mit?
  • Was waren Ihre wichtigsten Entscheidungen im jeweiligen Jahrsiebt?

Viel Freude bei Ihrer Biografiearbeit!

 


[1] Die Zahl 7 spielt auch in der Zahlensymbolik der Bibel eine zentrale Rolle. Im Mittelalter steht die 3 für die nach dem dreifaltigen Gott geschaffene Seele und alle geistigen Dinge. Die 4 steht für die Zahl der Elemente und damit symbolisch für die materiellen Dinge. Die 7 symbolisiert als Summe beider den Menschen.

[2] Vgl. Burkhard, Gudrun (1993): Das Leben in die Hand nehmen. Arbeit an der eigenen Biographie, Stuttgart. 

[3] Von Kohlberg stammt das Heinz Dilemma: Die Frau von Heinz ist sterbenskrank ist. Der einzige Apotheker der Stadt hat ein Medikament entwickelt, das die Frau heilen könnte. Trotz Bemühungen von Heinz, ist der Apotheker  nicht bereit, das Medikament günstiger zu verkaufen. Heinz gelingt es nicht, das Geld aufzubringen. Verzweifelt bricht Heinz in die Apotheke ein und stiehlt das Medikament für seine Frau. Es geht hier um zwei nicht zu vereinende moralische Normen. Was tun? So oder so ist die Entscheidung nach gängigen Normen falsch. Wie begründet die reife Persönlichkeit Ihre Entscheidung?

Der 43 Jahre junge Hamburger Polizeisenator Helmut Schmidt zeigt 1962 Bereitschaft zur Verantwortung, nachdem die Sturmflut die unzureichenden Deiche weg gespült hatten. Als Schmidt davon erfährt, übernimmt wegen der Abwesenheit des Bürgermeisters beherzt die Führung des Katastrophenstabes. Er überschreitet das Grundgesetz, Paragraphen und Gesetz und ordert tausende Soldaten zur Versorgung und Rettung von 60.000 eingeschlossenen Bürgern. Er entscheidet im Krisenmanagement bewusst und rettet Leben. Ähnlich 15 Jahre später. Helmut Schmidt ist Bundeskanzler im Terror Jahr 1977. Im Oktober 1977 wird die Lufthansa Maschine Landshut auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt mit 87 Menschen an Bord von vier Palästinensern entführt. Elf in Deutschland einsitzende RAF Terroristen sollen freigepresst werden. Helmut Schmidt entschließt, nicht auf die Forderungen einzugehen und schickt dem Flugzeug die Spezialeinheit GSG9 hinterher. Auf dem Flugfeld in Mogadischu stürmt das Kommando die Maschine, kann alle Passagiere befreien und drei der vier Terroristen erschießen. Schmidt hatte für den Fall des Fehlschlags der Aktion bereits sein Rücktrittsgesuch angefertigt. Schmidt sorgte so dafür, dass der deutsche Staat nicht erpressbar ist und brachte den RAF Terroristen die entscheidende Niederlage bei. Zum Ende wurde Hanns Martin Schleyer kaltblütig getötet, der für die Entführer wertlos geworden war.

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