Achtsamkeit: U-Bahn Experiment mit Star-Geiger Joshua Bell.

Dass der Star der Geige Joshua Bell den Beinamen U-Bahn Geiger trägt, verdankt er einem Experiment aus 2007. In der U-Bahn Station bot er Welt-Kompositionen von Bach u.a. dar, doch kaum ein Passant bemerkte dies...

Routinen im Alltag erleichtern schnelle Entscheidungen und geben einen sicheren Rahmen. Denn ihr beständiges Wiederholen erzeugt unbewusste automatisierte Verhaltensweisen, die keine bis kaum noch aktive Anstrengung benötigen. Das Gehirn reduziert so also Komplexität und spart Energie. Nur: Oft verlieren wir dabei die Achtsamkeit für den Moment und vertun so die Chance, uns von dessen Einzigartigkeit überraschen zu lassen.

Statt präsent und neugierig wie ein kleines Kind im Moment zu sein, um ständig unseren Horizont zu erweitern und die Welt zu erkunden, haben wir die Leichtigkeit des spielerischen Lernens irgendwann verloren. Wir sind so konditioniert worden, dass wir uns nicht mehr umschauen und nicht mehr nach unseren individuellen eigenen Wahrheiten suchen, sondern nur noch irgendwie unter Stress funktionieren und der Anerkennung anderer hinterher laufen. Bewusstsein für den Moment ist eng verknüpft mit dem Sich seiner Selbst bewusst Sein. Je weniger wir uns unserer selbst bewusst sind, umso mehr liefern wir uns aber wie seelenlose Wesen den Erwartungen anderer oder des Jobs aus. Ein Experiment der Washington Post mit dem Titel „Stop and hear the music“ (zum Videoausschnitt) verdeutlicht das eindrücklich:* 

An einem kalten Januartag im Jahr 2007 stellte sich ein Musiker in eine U-Bahn Station in Washington DC und geigte während der morgendlichen Rush Hour ca. 45 Minuten sechs Stücke von J.S. Bach, Schubert  u.a.  Es wurde errechnet, dass ca. 1.097 Menschen in der Zeit an ihm vorbei gegangen sein mussten - die meisten von Ihnen auf den Weg zur Arbeit. Nach 3 Minuten realisierte der erste Passant - ein Mann mittleren Alters - den Musiker. Er verlangsamte seinen Schritt, blieb kurz stehen, eilte dann jedoch sofort wieder weiter. Eine Minute später erhielt der Musiker den ersten Dollar. Eine Frau warf das Geld im Vorbeigehen ohne anzuhalten in die Kappe vor ihm. Erneut vergingen ein paar Minuten. Ein Mann blieb stehen und lauschte. Als er dann auf die Uhr blickte, lief er aber abrupt wieder los – offensichtlich war er spät dran. In den 45 Minuten hielten am Ende nur 7 Leute an und lauschten der Musik. Etwa 27 gaben ihm Geld, meist im Vorbeigehen. Er sammelte - 32 Dollar. Als er mit dem Spielen fertig war und wieder Stille in den Eingang zur Metro einkehrte, bemerkte dies keiner. Niemand applaudiert ihm.

Allerdings wusste auch niemand, dass der verkleidete Straßen-Musiker der Star-Geiger Joshua Bell war, einer der talentiertesten Musiker der Welt. In der U-Bahn Station hatte er einige der schwierigsten Stücke, die je komponiert wurden, dargeboten – das alles auf einer Stradivari Violine im Wert von 3,5 Millionen Dollar. Die Ironie dabei: Zwei Tage zuvor hatte Joshua Bell ein Konzert in Boston gegeben – mit einem Preis pro Eintrittskarte von im Mittel von 100 Dollar!

Das Experiment hat nicht nur Joshua Bell den Beinamen der U-Bahn-Geiger beschert, es sagt uns auch viel über uns selbst, unsere Achtsamkeit für den Moment und uns selbst. Sowie über die reale Gefahr, die Achtsamkeit im eingefahrenen Alltagstrott zu verlieren. Hinzu kommt, dass wir in der Hektik und im Stress des Alltags gerne wie mit Scheuklappen vor den Augen durch die Welt eilen und unsere Wahrnehmung enorm eingeengt wird:

• Aus einer Fülle von Wahrnehmbaren wählen wir nur einen minimalen, vorzugsweise einen uns gut vertrauten Anteil aus,

• aus einer Fülle möglicher Erklärungen für diese Wahrnehmung wählen wir nur einige wenige und

• aus einer Fülle möglicher Bewertungen meistens nur eine einzige.

So werden viele Begebenheiten im Bruchteil von Sekunden als irrelevant kategorisiert. Wir nehmen besondere Qualitäten außerhalb unseres Fokus, sozusagen links und rechts des Weges, nicht mehr wahr. Doch auch die Umkehrung gilt: Achtsamkeit für den Augenblick im Hier und Jetzt schärft die Wahrnehmung und mag so manche schöne Überraschung zu Tage fördern. Dafür hat das menschliche Hirn eine besondere Begabung: Es ist in der Lage, über sich selbst nachzudenken und zu reflektieren! Reflexion kann helfen, auch miteinander im Umgang sozialer zu werden.

Der Mensch kann so durch bewusstes Nachdenken und Wiederholen neue neuronale Vernetzungen verschalten und sein Verhalten radikal verändern. Wenn wir also die Gesellschaft, wie sie heute tickt, zum Positiven verändern wollen, dann beginnt dies damit, dass wir unseren Umgang miteinander verändern. Dass wir achtsam nicht nur für den Moment und uns selbst werden, sondern auch für die Bedürfnisse, Neigungen und Wünsche der anderen in unserem Umfeld. Menschen sind soziale Wesen und sind in ihrer Entwicklung auf andere angewiesen. Nur gemeinsam gelingt es viel mehr kognitive und emotionale Fähigkeiten zu entwickeln, und eingefahrenes Denken, Handeln, Fühlen zu verändern. Das ist so dann auch der einzige Weg, individuelle Selbstverantwortung wahrzunehmen, um unseren Beitrag zur positiven Veränderung beizutragen.

Wer achtsam, frei und offen im Denken ist, wird nicht nur Chancen, sondern auch die bestehenden Probleme und Risiken eher wahrnehmen. In der Medizin etwa, werden seltene Verläufe, die wenig im Fokus stehen und sich nur langsam ankündigen, dann aber einen verhängnisvollen Verlauf nehmen, nicht immer frühzeitig erkannt. Eine kardiale Embolie kann etwa zu einem Verschluss einer Mesenterialarterie, zu Sauerstoffunterversorgung, Sepsis und zu verzögertem Darminfarkt führen. Wird das Blutgerinnsel nicht durch das therapeutische Team in der Frühphase erkannt und therapiert, kann dies zu einem letalen Ausgang führen. Im Straßenverkehr wurden durch systematische Sicherheitsmaßnahmen erreicht, die Achtsamkeit zu steigern und die Zahl drastischer Unfälle und der jährlichen Verkehrstoten massiv zu reduzieren. Im deutschen Gesundheitswesen aber erleiden noch immer etwa 3,5 % der stationären Patienten eine nosokomiale Infektion. Bei mehr als 19 Millionen stationären Patienten p.a. sind dies 665.000 Betroffene, von denen noch immer 10.000 bis 20.000 an einer nosokomialen Sepsis versterben. Der Tunnelblick in der Medizin bei zu hohem Stress und Tempo des behandelnden Personals kann einfach fatal wirken, da er die Achtsamkeit massiv einschränkt und einfache Maßnahmen wie unbedingte Handhygiene werden vernachlässigt.

Joshua Bell hat es uns vor Augen geführt, was uns alles entgeht, wenn wir nicht immer wieder bewusst auf die bunten Töne im Alltag hören… Ähnlich zitiert Daniel Coleman ein Experiment, bei dem selbst medizinisch geschultes Personal unter Stress, einen Verletzten im Vorbeieilen nicht wahrnimmt. So bleibt zu reflektieren: Wir brauchen nicht zuletzt Entschleunigung, um unsere Fähigkeit zu sozialem Miteinander zu verbessern.

 


 

* Vgl. www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2007/04/04/AR2007040401721.html

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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.