"Shit happens" oder die dunkle Seite positiver Verstärkung

Positiv | Verstärkung - Anreizsysteme, also positive Verstärkungen, in Unternehmen sind ein beliebtes Mittel. Sie sollen ein bestimmtes Verhalten fördern, um Ziele zu erreichen.

Nicht selten werden sie jedoch auch zum Problem wenn unerwünschte Nebenwirkungen der Verstärkung nicht bedacht werden. Die folgende Geschichte veranschaulicht diesen Mechanismus:*

In Nordamerika gab es einen einfallsreichen Unternehmer. Mit seiner Geschäftsidee eines Reinlichkeitstrainings für in Stadtwohnungen gehaltene Hunde verdiente er sich in kurzer Zeit eine goldene Nase. Hundebesitzer, die einmal einen Welpen erzogen haben, wissen, wie mühsam es ist, den Welpen davon abzuhalten, sich auf der teuren Auslegware zu erleichtern. Dieser Unternehmer garantierte nun, jeden Hund innerhalb von drei Tagen stubenrein zu bekommen, sodass er seine Geschäfte nur noch draußen verrichtet. Und da er dieses fast unglaubliche Verspechen tatsächlich einhielt, boomte sein Geschäft mit dem Geschäft.

Sein Erfolgsgeheimnis lag in der positiven Verstärkung. Er oder einer seiner Mitarbeiter führte den Hund des Klienten auf der Straße zu einem Baum oder zu einem kleinen Rasenstück und wartete, bis das Tier sich entleert hatte. Dann gab er entzückte Schreie von sich, machte Luftsprünge, reckte begeistert die Faust, führte ein Freudentänzchen auf und stimmte eine fröhliche Melodie an. Manchmal schlug der Trainer sogar ein Rad. Kurzum, er legte allerhöchsten Enthusiasmus an den Tag und feierte die Exkremente des Hundes mit einem Elan, der seinesgleichen suchte. Und es funktionierte! Der Hund spürte, dass er da jemanden sehr, sehr glücklich gemacht hatte. Und innerhalb von drei Tagen verrichtete er sein Geschäft nur noch draußen. So stark wirkt die positive Verstärkung bei den jungen Tieren.

Mit der Zeit kam der Hundetrainer allerdings in Schwierigkeiten. Einige seiner Klienten nahmen nämlich mit ihrem Hund zusammen auf dem Sofa Platz, um sich im Fernsehen ein Spiel anzuschauen, American Football oder Fußball. Dann erzielte ihre Mannschaft einen spektakulären Touchdown bzw. ein sensationelles Tor. Herrchen sprang vom Sofa auf, machte Luftsprünge, reckte begeistert die Faust, führte ein Freudentänzchen auf und stimmte eine fröhliche Melodie an. Und nun raten Sie mal, was der Hund tat...

Wie die Geschichte zeigt, lohnt es sich also im Vorfeld zu prüfen, welche unerwünschten Nebenwirkungen jeder Anreiz mit sich führen kann. Es ist zwar möglich, durch attraktive Anreize Verhaltensanpassungen zu beschleunigen. Doch am Ende bleibt fraglich, ob sich durch Anreize wirklich Zeit sparen lässt. Die Welpen haben sich gut beeinflussen lassen. Für wahres Verstehen und Lernen gibt es allerdings keine Abkürzung. Die Welpen wurden durch den schnellen Prozess überrumpelt und konnten das Gelernte nicht verarbeiten. In einem späteren Stadium zeigte sich das Problemverhalten. Die Zeit, die man für einen guten Lernprozess investiert, ist keineswegs vertane Zeit. Manchmal ist der vermeidlich mühsame Weg, neue Verhaltensweisen zu lernen und zu trainieren – ohne Manipulation durch äußere Anreizsysteme - langfristig der nachhaltigere. Vielleicht sogar der einzige….

 

* Aus AJAHN BRAH: Der Elefant, der sein Glück vergaß – Buddhistische Geschichten, um Freude in jedem Moment zu finden, Lotos Verlag, München, 2015, S. 18.

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