Wie Kreativität und Innovation trotz schlechtester Bedingungen funktionieren

Innovation | Kreativität - Was unter schlecht denkbaren Bedingungen im Chaos begann, schaffte neue kreative Lösungen. Wenn man sich mutig darauf einlässt...

Ende Januar 1975 tritt ein 17-jähriges Mädchen namens Vera Brandes auf die Bühne der Kölner Oper. Es ist der aufregendste Tag in ihrem Leben. Sie ist Deutschlands jüngste Konzertveranstalterin. Sie hatte die Kölner Oper überredet, ein spätabendliches Jazzkonzert des amerikanischen Musikers Keith Jarrett auszurichten. 1.400 Menschen sollten kommen. In wenigen Stunden sollte Jarrett zum Solokonzert auf dieselbe Bühne treten, sich an den Konzertflügel setzen und mit seinem bereits weltberühmten Improvisationsspiel zu spielen beginnen. In diesem Moment zeigte sie dem Künstler sein Konzertinstrument.

Der schlimmste aller Fehler enthüllte sich. Als Keith Jarrett sich an die Tasten setzt, stellt sich gleich heraus, dass die Oper das falsche Instrument geliefert hatte. Es war praktisch unspielbar, hatte ein hartes, begrenztes oberes Register, weil der Filz komplett abgenutzt war. Die schwarzen Tasten waren klebrig, die weißen Tasten waren nicht gestimmt, die Pedale funktionierten nicht und der Flügel war einfach zu klein dimensioniert. Die Lautstärke würde für die Kölner Oper nicht ausreichen. Jarrett sah das Instrument misstrauisch an, spielte noch ein paar Noten und dann war klar – er würde auf diesem Instrument am Abend nicht spielen. Er ging hinaus und setze sich in sein Auto.

Vera Brandes versuchte sofort einen geeigneten Ersatzflügel zu organisieren. Doch das war in der Kürze der Zeit nicht zu schaffen. Sie konnte gerade noch einen Klavierstimmer organisieren, um das Instrument professionell zu überarbeiten. Also ging sie hinaus zum Auto. Dort stand sie im wahrsten Sinne des Wortes im Regen, als sie mit Keith Jarrett sprach und ihn inständig bat, das Konzert nicht abzusagen. Er sah aus seinem Auto diese klitschnasse deutsche Jugendliche, bekam Mitleid mit ihr und sagte ihr dann tatsächlich das Konzert mit den Worte zu: "Vergiss das niemals ... das tue ich nur für dich." 

Und einige Stunden später trat Jarrett tatsächlich auf die Bühne der Oper setzte sich ans unspielbare Instrument und begann. Er passte sein Spiel den Möglichkeiten des Flügels an. Jarrett vermied jene oberen Register. Er hielt sich an die mittleren Töne der Tastatur, was dem Stück eine beruhigende, atmosphärische Qualität gab. Aber da der Flügel so leise war, musste er rollende, repetitive Bassriffs einbauen. So entstand eine Aufführung, die sich durch eine friedliche Qualität auszeichnet und gleichzeitig voller Energie ist. Das Publikum war begeistert und das Kölner Konzert ist das meistverkaufte Klavieralbum und das meistverkaufte Solo-Jazzalbum der Geschichte. Dabei wollten die Tontechniker die Live-Aufnahme bereits streichen und ließen sie nur für interne Zwecke mitlaufen... (Hörprobe)

 

Spielraum für herausragende Ergebnisse und neue kreative Lösungen

Wenn wir den Mut haben, uns auf vermeintlich unzumutbare Rahmenbedingungen einzulassen und sie für unsere Sache zu gestalten, öffnen wir uns dafür, gewohnte Denk- und Handlungswege zu verlassen. Kreativität ist gefragt und Innovation kann entstehen. Das kostet Mut, Selbstvertrauen, garantiert nicht den Erfolg, schafft aber eines: einen neuen Spielraum. Störungen haben die Kraft, unser Gehirn zu Höchstleistung anzuspornen und damit jenseits der eingefahrenen Bahnen neue Lösungsansätze zu finden. Und in ganz besonderen Momenten, wie damals in Köln, entsteht daraus kreative Magie pur, von der sich alle gerne berauschen lassen...

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Quelle: https://www.youtube. com/watch?v=aP0wHBj_gvY

 

 

Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.