Veränderungsresistent - Problem, Suchstrategien, Schlüssel.

Ist ein Team veränderungsresistent und soll ein Problem lösen, braucht es nicht viel: Einen Forderer und Förderer für ein Problembewusstsein und einen Anstoß.

Wo liegt das Problem?

 

Blinder Fleck: Fehlendes Problembewusstsein im Team

In einigen Bereichen arbeiten Mitarbeitende langjährig im gleichen Team zusammen. Dies bringt Vorteile mit sich, hat aber auch seinen Preis. Von außen gesehen zeigen sich "Problemtrancen". Diese äußern sich etwa in Sätzen wie „Wenn wir nicht endlich mehr Personal bekommen, dann können wir das nicht…“. Jegliches Problem wird auf externe Gründe abgelenkt, bevor auf die eigenen Schattenseiten geleuchtet wird. Doch veränderungsresistente Teams selbst haben kein Problem* – oder?

Problemzuschreibung als Soll-Ist-Diskrepanz durch einen außenstehenden Auftraggeber

Probleme, deren Lösung neues Denken voraussetzt, sind Auslöser für ein Beratungsprojekt oder einen Coachingprozess. Doch Probleme existieren nicht an sich, sondern immer für jemanden, der eine Soll-Ist-Diskrepanz wahrnimmt. Eine Tatsache wird erst dadurch zum Problem, dass der „Besitzer“ sie negativ beurteilt und sie verändern möchte. Es handelt sich beim Problem also um eine Zuschreibung. Gerade bei eingespielten Teams ist es dementsprechend typisch, dass Probleme von einer außenstehenden Instanz geäußert werden und Veränderungsaufträge von der Geschäftsführung oder einer anderen Leitungsebene vorgegeben werden. Veränderungsresistente Teams haben sich selbst längst mit der schleichenden Verschlechterung der Stimmung etc. abgefunden ohne darin einen Veränderungsbedarf zu erkennen.

Suchstrategien als Wege zur Lösung von Problemen

In der Metapher vom verlorenen Schlüssel von H.R. Fischer et al. wird die Lösungsparadoxie in einem Bild beschrieben:* Ein offenbar betrunkener Mann sucht nachts seinen verlorenen Schlüssel unter der Straßenlaterne. Gefragt, ob er den Schlüssel, denn überhaupt hier verloren haben könne, antwortet er mit: Nein. Dort drüben auf der anderen Straßenseite. Auf die Frage, warum er dann nicht dort suche, antwortet er: Weil dort dunkel ist.

Ist Suchen außerhalb des eigenen Weges sinnvoll? Ist das Suchverhalten des Mannes so ver-rückt wie es scheint? Wie verständlich ist es für Außenstehende, dass wir im Hellen suchen, wo wir prinzipiell etwas sehen können?

Der verlorene Schlüssel wird dann zum Problem, wenn die Folge für den Besitzer negativ beurteilt wird. Was für den einen ein Problem ist, wird für andere gar nicht als solches gesehen. Die Suche ist ein Mittel zur Lösung eines wahrgenommenen Problems, das z.B. darin besteht, ohne Schlüssel in dieser Nacht nicht mehr in das heimische Bett zu kommen. Doch die Suche unter der Laterne führt nicht zum Finden des Wohnungsschlüssels. Etwas, das verloren gegangen ist, muss an der richtigen Stelle gesucht werden. Wobei wir mit zunehmender Zeitdiskrepanz zunehmend ungeauer wissen, wo diese richtige Stelle ist. Alternative Suchstrategien, die zur Lösung des Problems für diese Nacht führen, könnten bei einem klaren Kopf u. a. sein: eine Taschenlampe zu besorgen und auf der anderen Straßenseite zu suchen, einen Dietrich oder einen Schlüsseldienst zu besorgen, um ins eigene Bett zu kommen, eine anderweitige Übernachtungsmöglichkeit zu suchen, soweit die heimische Tür versperrt ist. Das Wissen um den falschen Ort der Suche, um die falsche Suchstrategie, führt jedenfalls noch nicht zu einem Wissen um eine dienlichere Strategie. Das kann man einem Betrunkenen mit seinen eingeschränkten Sinneswahrnehmungen nicht zum Vorwurf machen. Es ist gerade Aufgabe von Beratung und Coaching, den Betroffenen zu begleiten  und sein Bewusstsein für eine adäquate Lösung aus der Dunkelheit herauszufördern, um ihr ansichtig zu werden.

Vielleicht ist der verlorene Schlüssel  gar nicht nur ein Problem? Durch das Durchleuchten unterschiedlicher Suchstrategien tun sich am Ende vielleicht verschiedene Lösung auf, die wir am Anfang gar nicht im Blick hatten? Das Einlassen auf Suchstrategien kann so zum Schlüssel des Erfolges für Weiterentwicklung werden.

Lösung durch die problemzuschreibende Instanz beurteilen

Da es sich bei der Schlüsselsuche eines Betrunkenen um einen mehr oder weniger rationalen Prozess ohne emotionale Ambivalenzen handelt, ist die Komplexität noch sehr überschaubar. In der Realität können fremdzugeschriebene Probleme vom betroffenen Team zunächst häufig nur über Nicht-Lösungen beschrieben werden. Zumindest solange, bis das Problem noch recht unbestimmt ist.

Die Lösung, bzw. ob und inwieweit die Diskrepanz beseitigt worden ist, sollte dementsprechend kontinuierlich durch denjenigen beurteilt werden, der dem Team ein Problem zugeschrieben hat. Nicht selten wird das an nüchternen Ergebniskennzahlen festgemacht werden.

Mit der zunehmenden Lösungskompetenz wächst dann auch die Problemeinsicht im Team

Mit zunehmendem Wissen über Lösungsoptionen erst wird das Problem im Team genauer ausgeleuchtet. Wenn die Lösung wirklich neu ist und zu Weiterentwicklung führt – anders als die Herstellung des früheren Zustandes – dann können wir grundsätzlich erst wissen, was wir genau gesucht haben. Wenn wir es endlich gefunden haben. Am Anfang aber sind Problem und Lösung für das Team gleichermaßen unbestimmt. Es existiert lediglich ein diffuses Gefühl, hier könnte doch etwas nicht stimmen. Die Ergebnisse entsprechen nicht den vorhandenen Potenzialen.

So dass erst am Ende des Suchprozesses erst klar wird, was wir die ganze Zeit eigentlich gesucht haben. Weiterentwicklung ist verzwickt. Wir wissen nicht wo genau, Weiterentwicklung passiert. Aber sie geschieht nicht mit einem Paukenschlag, sondern immer irgendwo auf dem Weg...

 

* Hans Rudi Fischer, Ulrike Borst, Arist von Schlippe: Was tun?
   Fragen und Antworten aus der systemischen Praxis.
   Ein Kompass für Beratung, Coaching und Therapie, Klett 2015

 

 

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[*] Menschen fokussieren ihre Wahrnehmung auf das, was sie erwarten. In der Forschung ist das Phänomen als „Bestätigungs-Bias“ bekannt. Menschen neigen dazu, ihre Gedanken, eine Regel oder einen Sachverhalt zu belegen und viel weniger, sie zu widerlegen. Sie ignorieren Gegenbeweise und halten an Hypothesen fest, selbst wenn sie falsch sind. Das macht deutlich, warum Abteilungen ohne Spiegelungskorrektiv von außen so anfällig sind für das berüchtigte "Not-invented-here-Syndrom".

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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.