Veränderung und Gewohnheit: Von afrikanischen Dörfern und dem Huhn

Veränderung |Gewohnheit - Veränderungen umzusetzen kostet viel Zeit und Energie. Das liegt auch daran, dass unser Gehirn gern an Gewohnheiten festhält.

Heute erzählen wir Ihnen von einem kleinen Experiment, das viel darüber aussagt, wie unsere Wahrnehmung funktioniert und warum uns unser Gehirn gerade in Veränderungen oft einen Streich spielt.

Anfang des 20. Jahrhunderts machte sich eine Gruppe von Menschen auf den Weg nach Afrika. Im Gepäck hatten sie einen Film. Einen Film, der das Leben in Städten zeigte. Mit diesem Film zog die Gruppe von Dorf zu Dorf, zeigte das Stadtleben den Afrikanern auf dem Lande, die so etwas natürlich noch nie gesehen hatten. Ganz gespannt auf die Ergebnisse befragte die Gruppe danach ihre Zuschauer, wie ihnen die Bilder gefallen hätten. Im ersten Dorf antwortete man ihnen, dass das ja alles sehr interessant wäre. Besonders gut gefallen hätte ihnen das Huhn. Die Gruppe war zwar etwas ratlos, denn in dem Film gab es gar kein Huhn...doch dann hatten die Bewohner des ersten Dorfes wohl nicht so richtig verstanden, worum es in dem Film eigentlich ging. Die Gruppe zog weiter ins zweite Dorf. Auch hier zeigte man den Film, auch hier interviewte man die Dorfbewohner anschließend. Die Zuschauer fanden den Film ebenfalls sehr interessant. Besonders gut gefallen hatte auch ihnen das Huhn. Die Gruppe rätselte erneut. Was hatten die Bewohner nur immer mit einem Huhn? Stand dies sinnbildlich für etwas? Gab es unter Umständen eine andere Übersetzung für den Begriff, die sie nicht kannten? Sie wagten einen weiteren Versuch. Und wieder gelangten sie zu demselben Ergebnis. Auch im nächsten Dorf waren die Bewohner am meisten an dem Huhn interessiert. Dem Huhn, das es gar nicht gab?! Da setzte sich die Gruppe der Forscher zusammen und schaute sich den Film noch einmal konzentriert an. Und tatsächlich gab es irgendwann eine Zehntelsekunde, in der ein Huhn rechts vorne durch das Bild lief.

Wie lässt sich das erklären? Unser Gehirn ist der Körperteil, der am meisten Energie verbraucht. Betrachten wir es genauer, so besteht es sozusagen aus 2 Systemen*. Das erste System – nennen wir es Modus 1 – ist eine Art Energiesparmodus oder Routinesystem. Es sucht in unserem Umfeld nach bestätigenden Informationen, nach Dingen, die es schon kennt, um daraufhin das dazu gewohnte Verhalten automatisiert anzuwenden. Das funktioniert in einer ungeheuren Geschwindigkeit und aufgrund der automatisierten Prozesse mit relativ wenig Kalorienaufwand. Modus 1 ist daher ein hoch effektives System und sichert zum Großteil unser Überleben. Es reduziert die Komplexität im Außen, vergleicht Wahrgenommenes mit bekannten Informationen und was kommt heraus: im eingangs beschriebenen Experiment eben das Huhn. Modus 1 erklärt auch, warum Routinen im Arbeitsalltag so wichtig sind und verdeutlicht, dass für das Gehirn jede Veränderung – die Abweichung von Gewohntem - einen zunächst unglaublich hohen Energieaufwand darstellt.

Das zweite System, nennen wir es Modus 2, beschäftigt sich mit neuen Situationen, zu denen es noch kein Erfahrungswissen gibt und die bisher sozusagen noch nicht durchdacht wurden. Informationen also, die von Modus 1 nicht verarbeitet werden können. Modus 2 ist hochgradig energiekonsumierend und arbeitet eher wie in Zeitlupe. Vielleicht erinnern Sie sich an das Gefühl, wenn man mit dem Fahrrad fällt und es sich auf einmal anfühlt, als wäre die Zeit stehen geblieben. Diese Art von Zeitlupe bringt Modus 2 mit sich.

Da unser Gehirn ein sehr schlauer Zeitgenosse ist, arbeitet es natürlich am liebsten im Modus 1. Das spart Energie, bringt vertraute Lösungen und die damit verbundene Sicherheit. Und genau das ist es, was uns zum Teil Veränderungen und das Loslassen von liebgewonnenen Routinen so schwer macht. Überprüfen Sie das doch einmal selbst: die meisten von uns haben eine solche Routine –Gewohnheiten, Rituale - im Alltag. Sei es der angestammte Platz am Frühstückstisch, die gleiche Kaffeetasse oder die roten Socken beim Sport. Verhindert etwas die gewohnte Verrichtung, bleibt oft ein Gefühl von „Gefahr“ – der Start in den Tag fühlt sich nicht richtig an und mit den falschen Socken geht bestimmt das Spiel verloren. Dieses Gefühl zu überwinden, mit der Gewohnheit zu brechen und sei sie auch noch so klein, braucht Aufwand, Kraft und Zeit. Auch in Organisationen und Teams finden wir diese Gewohnheiten, die kleinen oder großen Routinen, die es mit dem nötigen Energieeinsatz bewusst zu überwinden gilt, um Veränderungen möglich zu machen. An dieser Stelle ist es gut, Modus 1 in seiner Effektivität zu würdigen und sich des Schritts bewusst zu sein, den das Loslassen bedeutet.

 

*Mehr dazu lesen Sie bei D. Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken, Siedler Verlag; Auflage: 20 (21. Mai 2012)

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