Risikomanagement und Patientensicherheit.

Patientensicherheit ist eine Qualität der Medizin. Fehler in der Medizin und die daraus resultierenden Schäden sind ein Risiko der medizinischen Versorgung.

Die gegenwärtige medizinische Versorgung entwickelt sich kontinuierlich weiter, es werden immer wirksamere und therapeutisch komplexere Behandlungsmethoden angewandt. Dadurch steigt die Gefahr, dass die Patienten durch die medizinische Versorgung selbst zu Schaden kommen.

Die Vermeidung von Behandlungsfehlern bei der Patientenbetreuung stellt daher schon seit jeher einen integralen Bestandteil ärztlichen Handelns dar. Aus diesem Grund wurden schon früh klassische Strategien zur Erfassung, Analyse und Prävention unerwünschter Behandlungsergebnisse entwickelt.

Insbesondere in den letzten Jahren wurden vielfältige Maßnahmen entwickelt, um Behandlungsfehler zu vermeiden und damit die Patientensicherheit zu erhöhen. Eines davon stellt die Einführung der Critical Incident Reporting Systeme (CIRS) in Krankenhäusern dar. Der Kerngedanke dieses Instrumentes besteht in einer systematischen Erfassung sicherheitsrelevanter und risikobehafteter Ereignisse im Versorgungsgeschehen, gefolgt von einer strukturierten Analyse, aus der Lösungs- beziehungsweise Vermeidungsstrategien abgeleitet werden. Dadurch können Schwächen und Risiken im System festgestellt werden, bevor es zu einer Schädigung des Patienten kommt. Critical Incident Reporting ist somit eine Möglichkeit, aus Informationen über sicherheitsrelevante und kritische Ereignisse echtes Wissen über Risiken zu generieren, das der gesamten Organisation ‚Krankenhaus’ zur Verfügung steht und welches gezielt für den Wissenstransfer zu verschiedenen Personen und Organisationen genutzt werden kann. CIRS birgt daher enormes Lernpotential für das medizinische Personal sowie auch für die Organisation, aus ‚Fehlern zu lernen’.

Die Ursachen für die Entstehung von Fehlern können vielfältiger Natur sein. Oftmals werden diese Fehler durch die Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit begründet. Die Anforderungen moderner Arbeitsplätze übersteigen häufig die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten. Wahrnehmungsschwächen, Ermüdbarkeit und begrenzte Merkfähigkeit begünstigen Fehler. Erschwerend können Faktoren wie Stress, Zeitdruck, Arbeitsüberlastung, Langeweile, Ärger aber auch Angst vor Sanktionen hinzukommen und ihrerseits typischen ‚Flüchtigkeitsfehlern’ Vorschub leisten. Die Zwischenfälle haben ihre Ursachen somit nicht in mangelndem fachlichem Wissen, sondern im genannten ‚human factor’ [1]. Laut einer Studie des Psychologischen Instituts der Universität Zürich gibt es einen Zusammenhang zwischen der verdichteten Arbeitssituation, welche sich unter anderem in der Ermüdung des medizinischen Personals manifestieren kann, und dem Auftreten von medizinischen Fehlleistungen [2]. Selbstverständlich hat jeder Akteur im Krankenhaus nur die beste Absicht und das Wohl des Patienten im Blick, dennoch kommt es aufgrund der genannten Faktoren immer wieder zu Fehlern und Zwischenfällen in der medizinischen Leistungserbringung [3].

In Anbetracht der immer komplexer werdenden diagnostischen und therapeutischen Prozesse ist bei aufgetretenen Fehlern oder Zwischenfällen in der medizinischen Versorgung die alleinige personenbezogene Verurteilung eines Schuldigen nicht mehr zeitgemäß und geht am eigentlichen Thema vorbei [4]. Wird nur das Individuum als Fehlerursache fokussiert, dann können die zum Fehler führenden Begleitumstände übersehen werden. Statt eines differenzierten Blickes auf die Entstehungszusammenhänge von Schadensereignissen wird einer einzelnen Person fehlerhaftes Verhalten vorgeworfen – die Organisation der Arbeit wird dabei nicht hinterfragt [5]. Diese personenbezogene Perspektive des ‚naming, blaming, shaming’ wird insbesondere im deutschen Gesundheitswesen noch viel zu häufig eingenommen. Fehler entstehen in den seltensten Fällen durch eine einzige Fehlhandlung. Vielmehr können die Ursachen der Fehlerentstehung in den komplexen Arbeitsorganisationen des Krankenhauses gefunden werden. Hier sind verschiedene Berufsgruppen und hoch spezialisierte Fachkräfte aus unterschiedlichen Organisationsbereichen in der direkten oder indirekten Patientenversorgung beschäftigt. Dies erfordert zahlreiche Planungs- und Kommunikationsprozesse, damit ein reibungsloser Ablauf der medizinischen Leistungserbringung gewährleistet werden kann. Krankenhäuser sind aufgrund ihrer komplexen Struktur anfällig für die Auswirkungen organisatorischer und kommunikativer Defizite, die sich insbesondere an den Schnittstellen der medizinischen Versorgung manifestieren [6].

Konsequenterweise muss das Krankenhaus derart angelegt sein, um Fehler und daraus resultierende Behandlungsschäden zu vermeiden. Dies bedeutet, dass beispielsweise organisatorische Prozesse, medizin-technische Geräte und Medikamentenverpackungen so ausgestaltet sein müssen, dass die Möglichkeiten zur Fehlerentstehung gering sind und die Folgen trotzdem eintretender Zwischenfälle keine dramatischen Auswirkungen haben.
Ein richtig eingesetztes CIRS ist ein geeignetes Instrument, um die Patientensicherheit gezielt zu verbessern und die Sicherheitskultur zu fördern. Die Wirksamkeit und Brauchbarkeit von CIRS hängt jedoch von vielen Faktoren ab und ist sensibel. So kann CIRS beispielsweise nur erfolgreich installiert werden, wenn es von allen Beteiligten als Projekt des gemeinsamen Lernens verstanden wird. Ein solcher Umgang mit Fehlern kann sich jedoch nur in einem Klima des Vertrauens, des gegenseitigen Respekts und kollegialer Ehrlichkeit über alle Berufsgruppen hinweg entwickeln. Sicher ist auf jeden Fall, dass die Vermeidung von Zwischenfällen beziehungsweise die Eingrenzung ihrer negativen Auswirkungen durch CIRS dem Wohle des Patienten ebenso wie dem medizinischen Leistungserbringer dient und – mit Blick auf das Gesamtsystem – die Qualität der medizinischen Versorgung verbessert wird.

Werden Fehler in der medizinischen Leistungserbringung vermieden, dann werden auch die daraus resultierenden Folgekosten reduziert und die wirtschaftliche Stabilität des Krankenhauses gesichert.


Quellen:
[1] Vgl. Pateisky, N. (2004): Fehlerkultur und Teamtraining. Das „missing link“ im medizinischen Risikomanagement. In: Der Gynäkologe, 37 (1). S. 75.
[2] Vgl. Haenggi, D./ Heinzl, S. (2005): Fehlermanagement im Spital – ein Beispiel aus unserer Frauenklinik. In: Schweizerische Ärztezeitung, 86 (27). S. 1685.
[3] Vgl. Rall, M./ Manser, T./ Guggenberger, H./ Gaba, M.D./ Unertl, K. (2001): Patientensicherheit und Fehler in der Medizin. Entstehung, Prävention und Analyse von Zwischenfällen. In: Anästhesiologie Intensivmedizin Notfallmedizin Schmerztherapie, 36 (6). S. 324.
[4] Vgl. Glazinski, R./ Wiedensohler, R. (2004): Patientensicherheit und Fehlerkultur im Gesundheitswesen. Fehlermanagement als interdisziplinäre Aufgabe in der Patientenversorgung. Eschborn: Verlag Dr. Dr. Rolf Glazinski. S. 10.
[5] Vgl. Hofinger, G. (2009): Lernen aus Fehlern im Krankenhaus. Systematische Fehlersicht und Zwischenfall-Berichtssysteme. In: Unfallchirurg 112 (6). S. 606.
[6] Vgl. Hoffmann, B./ Rohe, J. (2010): Patientensicherheit und Fehlermanagement. Ursachen unerwünschter Ereignisse und Maßnahmen zu ihrer Vermeidung. In: Deutsches Ärzteblatt, 107 (6). S. 93.

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