Führung und Veränderung: The Art of Change - der Weg ins gelobten Land

Führung | Veränderung - Das Urbild wirksamer Führung in Veränderungsprozessen findet sich bereits in der Bibel: Moses führt sein Volk ins gelobte Land.

Das Management von Veränderungen ist in der heutigen Dynamik des Wandels eine zentrale Aufgabe für Führungskräfte mit vielfältigen, hohen Anforderungen in der Personalführung geworden. Die Dynamik der Organisationsentwicklung lässt sich wie alle tiefgreifenden Veränderungsprozesse in der Dramaturgie eines Fünfakters nachzeichnen.

Das Urbild wirksamer Führung durch den Veränderungsprozess findet sich bereits in der Bibel: Moses führt sein Volk aus Ägypten durch die Wüste ins gelobte Land. Lassen Sie sich inspirieren von der 2.500 Jahre alten Geschichte "Exodus", die wir unter diesem Blickwinkel und Fokus auf die phasentypischen Krisen für Sie (ohne die blutigen Details) zusammengefasst haben.[1]

 

1. Akt: Veränderungskrise. Auszug des Volkes Israels aus Ägypten.

Zu Beginn, im ersten Akt oder Vorspiel, werden dem klassischen Drama gemäß die handelnden Personen eingeführt und das konflikthafte Problem benannt: Einst waren die Menschen des Volks Israels wegen einer großen Hungersnot nach Ägypten gezogen und dort als Gastarbeiter sehr willkommen. Mit der Zeit jedoch wuchs die Angst der Einheimischen vor Überfremdung und der Pharao sorgte dafür, dass die Menschen des Volkes Israels enteignet wurden und fortan als Sklaven zu dienen hatten und nicht mehr ihrem Gott dienen konnten.

Ein Konflikt ist zunächst ein Warnsignal, das an sich noch keine Krise macht. Krisen bestehen im Allgemeinen aus einer ganzen Ansammlung und Zuspitzung kritischer Situationen. Für ihren weiteren Verlauf deuten sie zunehmend auf eine dringend fällige „(Ent-)Scheidung“, die rückblickend zu Wendepunkten in der Entwicklung führen. So begab es sich, dass Gott Moses zu sich rief, um auf die veränderten Bedingungen zu reagieren. Eine Vision wurde geschaffen: Das Volk solle Ägypten verlassen, um ins gelobte Land zu ziehen. Moses wird zur Führungskraft ernannt und soll das Vorhaben umsetzen. Er kennt seine Stärken und weiß, dass er ein Visionär nicht jedoch ein Umsetzer ist. Daher meldet er sofort Bedenken an. „Ich sehe das gelobte Land vor mir und kann dem Volk vorangehen. Aber den Umzug organisieren, dazu bin ich nicht der Richtige.“ „Na gut, dann etablieren wir eine Doppelspitze“. Gott gibt Moses seinen redebegabten Bruder Aron an die Seite, um die Umsetzung zu unterstützen. Darauf willigt Mose ein, dieses Großprojekt anzuleiten. Veränderung zu führen heißt nun, das Projekt sich zum eigenen Anliegen zu machen. Die Veränderungskrise bezeichnet das Erkennen, Akzeptieren und Annehmen der Veränderungsnotwendigkeit.

Der äußere Konflikt des Alten mit dem Neuen wird durch die Antagonisten, den Pharao und das Volk der Ägypter, verkörpert. Bevor es zu Abschied und Aufbruch kommt, müssen zunächst die Ägypter das Volk Israel ziehen zu lassen. Wer seine Identität verändern will, darf von seinem Umfeld nicht in der alten Identität festgelhalten werden. Die Äqypter weigern sich zunächst - nicht zuletzt aufgrund der finanziellen Einbußen und der benötigten öffentlichen Dienste wie Müllentsorgung und Straßenbau. Der Druck durch furchtbare Naturkatastrophen, die 7 Plagen, bringt den Pharao schließlich zur Einsicht. Er fürchtet noch höhere Verluste, wenn er nicht einlenkt. Die Juden sammeln sich nach dem Pascha-Mahl als Abschiedsritual und brechen auf. Zwischen Abschied und Neubeginn liegen in den weiteren Akten noch viele anschließende veränderungstypische Phasen der Verwirrung und Verzweiflung. In den Krisen und Prüfungen spiegelt sich, wie und ob die Veränderung trägt.

Werkzeuge zur Überwindung der Veränderungskrise:

  • Die Hauptprotagonisten Moses und Aron werden benannt. Auch wenn die Veränderung am Ende von jedem Einzelnen zu tragen ist. Es ist von Anfang an klar, wer führt, wenn es um die Veränderung geht und die Rollenteilung ist für alle transparent. Nur was von Personen verantwortlich getragen und gelebt wird, wird auch realisiert.
  • Zudem wird eine Vision zur Lösung des Problems gezeichnet: Das gelobte Land erscheint vor Augen, als zugkräftige Motivation für jeden Einzelnen, die Veränderung anzugehen.
  • Die Rahmenbedingungen für Abschied und Aufbruch sind gestaltet.

 

2. Akt: Führungskrise. Zug über das Rote Meer.

Mit dem Aufbruch dramatisieren sich die Komplikationen weiter. Im letzten Moment überlegt es sich der Pharao anders und setzt den Israeliten mit einem Heer nach, um sie zur Umkehr zu zwingen. Das Volk Israel vertraut seiner Führung und zieht gegen alle Einwände durch das ausgetrocknete Schilfmeer. Das Heer des Pharaos ertrinkt in den zurückkommenden Fluten hinter den Israeliten. Die äußeren Konfliktgegner sind untergegangen. Für die Israeliten gibt es nach diesem frühen ersten, gemeinsam durchgestandenen Erfolg ("Quick Wins"[2]) jetzt kein Zurück mehr. Zwischen ihnen und Ägypten liegt nun das Meer.

Jetzt wird es ernst mit der Veränderung. Und bald schon zeigen sich die Schattenseiten. Es drohen Hunger und Durst und das Volk beginnt in einer ersten Führungs- oder Vertrauenskrise gegen seine Anführer zu murren. Sie erkennen, wie weit das Ziel noch entfernt ist. Die Zweifel wachsen, ob sich die Mühen auszahlen werden. Veränderung stellt Führung in Frage. Von Führung wird Sicherheit erwartet und Veränderung ist Unsicherheit. Der Handlungsdruck der Veränderungskrise ist durchstanden, jetzt steigt die Unsicherheit, wie es weitergeht. Entscheidend ist nun: Es gibt keine Umkehr mehr, der Rückweg zur Vergangenheit ist versperrt. Die Israeliten murren und folgen doch einer Führung, die ihnen Orientierung gibt. Es ist die Führung, die nun ihren Anspruch auf den neuen Weg vertritt. Zeichen und Symbole künden von einer gerade erst begonnenen Veränderung. Mit dem Stab, mit dem er das Meer geteilt hat, schlägt Moses Wasser aus dem Berg. Der "Zauberstab" wird zum Symbol der Führung. Menschen brauchen schon immer "Wunder" als Zeichen für die Präsenz Gottes.

Zur Bewältigung der anstehenden Krisen kommt es besonders auf die Substanz, auf die Klarheit und intrinsische Motivationskraft, des Veränderungsvorhabens an: Die alten Erfahrungen und Regeln der Sklavenschaft werden durch die neue Freiheit "verletzt". Kehrseite der Freiheit ist eine Mangelerfahrung, die zeigt, dass es nun darum geht, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Und es muss zugleich verstehbar und anschlussfähig bleiben, wie die Umsetzung gelingen kann. Es entsteht ein neues Verständnisniveau, das sich mit Vertrauen zu den Hauptpersonen verbindet. Wie komme ich mit dem Risiko, das die Freiheit beinhaltet, zurecht? Ein Schlüssel ist die Unterscheidung zwischen der "Freiheit von" (etwa Sklavendienst) und der "Freiheit für" (etwa den wahren Gottesdienst). Ist die Sinn-Frage für den Einzelnen nicht beantwortet, droht nach dem ersten Erfolg eine tiefe Sinn-Krise.

Werkzeuge zur Überwindung der Führungskrise:

  • Früh werden erste Erfolge sichtbar (Quick Wins).
  • Es gibt Rückfallsperren, der Rückweg zur Vergangenheit ist versperrt (Point of no return).
  • Das "Wozu?" der Veränderung liegt dem einzelnen klar vor Augen, auch wenn der Weg dahin in der Phase der Unsicherheit und Verwirrung noch so weit ist. Die Führung gibt klare Orientierung für die nächsten Schritte.

 

3. Akt: Entscheidungskrise. Die 10 Gebote am Berg Sinai.

Der Blick geht voraus. Es gibt ein klares Bild von der Zukunft. Die meisten sind von der Notwendigkeit der Veränderung überzeugt. Jetzt wird die neue Ordnung unverrückbar eingeführt, neue Regeln, Abläufe und Strukturen als Erfolgsbedingungen für die Umsetzung werden eingeübt. Jetzt werden auch harte Schnitte vollzogen. Es braucht klare Umsetzungsmacht, um Scheitern zu verhindern und weiter voranzukommen. Dazu müssen die Massen für die Umsetzung gewonnen werden. Damit dies gelingen kann, müssen sich die Schlüsselpersonen sich nun klar und überzeugt auf die Seite des Neuen stellen - oder abtreten. Nun nach den Realitätsprüfungen des 2. Aktes sind bewusste Entscheidungen notwendig. Diskussionen, die versäumt wurden, können nicht mehr nachgeholt werden, Beteiligte, die noch nicht für die Umsetzung gewonnen sind, bleiben ausgeschlossen.

Moses steigt vom Berg Sinai mit der neuen Sozialordnung, dem Ablauf der Jahresfeste und des Kultes. Der Beginn der neuen Geschichte der persönlichen Verantwortung des Menschen vor Gott ist ge-Macht. Die grundsätzliche Entscheidung ist nicht umkehrbar. Mit der Einsetzung der neuen Ordnung in den 10 Geboten wird die Veränderung greifbar, eine neue Identität entwickelt. Und mit der Entscheidung regen sich zugleich noch einmal die heftigsten Zweifel. Alle antagonistischen Kräfte werden noch einmal aktiviert. Jetzt werden interne Widerstände sichtbar. Moses kommt vom Berg und sieht den Tanz der Anhänger des autoritären Baalskultes um das goldene Kalb.

Zur Kunst des Veränderns gehört, zu unterscheiden, was bewahrt werden kann und was anders werden muss. Unverzüglich und entschlossen kommt ein klares Nein zu nicht mehr erwünschtem Bräuchen der Sklaverei. Verhaltensweisen bekommen in einem neuen Rahmen neue Bedeutung. Moses verhängt drakonische Strafen dafür, Götter mit Opfern bestechen zu wollen. Dieses klare Nein ist gleichzeitig mit einem konsequenten Ja zu den neuen Werten unterstützt.

Symbolische Handlungen nehmen voraus, was noch nicht umgesetzt ist und konzentrieren die Beteiligten auf die Realisierung der anstehenden Aufgabe. Sie sind mit den Schlüsselerlebnissen so eng verknüpft, dass ihre Bedeutung den Beteiligten offenkundig ist. Moses selbst fertigt die Bundeslade, um die Gesetzestafeln mit den 10 Geboten aufzunehmen. Wie ein großes Geheimnis wird sie hinter einem Vorhang im großen Offenbarungszelt verhüllt. Immer wenn die Wolke über dem Zelt die Sicht freigibt, zieht das Volk von nun an weiter.

Werkzeuge zur Überwindung der Entscheidungskrise:

  • Jetzt wird eine bewusste Entscheidung für die neue Identität gefällt und die neue unverrückbare Ordnung eingesetzt. In symbolischen Handlungen wird bereits die Gültigkeit der neuen Identität vorweggenommen.
  • Unmittelbar mit der Entscheidungen werden auch notwendige harte Schnitte der Abkehr vom Alten umgesetzt.
  • Kommunikation in der Krise braucht die klare Schwarz-Weiß-Orientierung des Ja und Nein.

 

4. Akt: Identitätskrisen. 40 Jahre Wüstenwanderung

Das Volk Israel ist noch nicht bereit, ein Leben in Freiheit zu führen. Immer wieder kommt es zu Verwirrungen und Abspaltungen. Das Volk lernt nur langsam und unter großen Opfern, sich selbst in Freiheit zu organisieren. Am Ende dauert die Wüstenwanderung bis zur Ankunft im gelobten Land 40 Jahre. Für die Führung der Veränderung ist das die längste und härteste Zeit. Die nun anstehenden Identitätskrisen und Verwirrungen sind kaum vorhersehbar. Immer wieder wird das Neue hinterfragt und muss sich bewähren, bevor es von den Beteiligten wirklich geteilt und eine neue Identität gefunden und wahrhaftig verinnerlicht ist.

Wie schafft es ein Menschenvolk, das fast ein halbes Jahrtausend in Sklavenschaft gelebt hat, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen? Die neue Freiheit muss mit Leben gefüllt werden. Daher sind die Identitätskrisen im 4. Akt jetzt der Motor der Veränderung. Die Veränderung an sich wird als gegeben hingenommen und nicht mehr in Frage gestellt. Die Krise zeigt, dass etwas in der Realität nicht funktioniert. Mit den ihnen inhärenten Widersprüchen dienen sie jetzt dem Lernen und Verbessern.

Erst nach einem Leben als Nomaden erreichen die Juden nach 40 Jahren den Jordan, den Grenzfluss zum Gelobten Land. Moses Auftrag ist vollbracht, ein freiheitliches Sozialwesen ist entstanden. Er kann als Protagonist sterben. Für die weitere akribische Umsetzung braucht es nun andere pragmatische Führungspersönlichkeiten, um die neue Identität weiter zu stabilisieren. Moses regelt die Nachfolge und übergibt den Stab an Josua.

Werkzeuge zur Überwindung der persönlichen Identitätskrisen:

  • In der Umsetzungsbegleitung sind Beteiligte in ihrer persönlichen Veränderung und neuen Rollen- und Identitätsfindung zu führen.
  • An den Krisen schärft sich der Realitätssinn. Sie sind jetzt die Basis für Lernen und Verbessern.
  • Worten folgen Taten. Die Vision wird Schritt-für-Schritt mit Leben gefüllt.

 

5. Akt: Ankopplungskrise. Einzug ins gelobte Land

Der Zug über den Jordan ins Gelobte Land ist der Schlusspunkt des Veränderungsprozesses. Die Beteiligten merken, dass die "Rede von Milch und Honig" doch nicht so wörtlich zu nehmen ist. Um zum Ende der Veränderungsgeschichte zu kommen müssen die Beteiligten es erleben, in der neuen Welt anzukommen. Eine letzte Bewährungsprobe: Israel ist mittlerweile von anderen Völkern und Stämmen bevölkert worden. Das Volk Israel muss im kriegerischen Umfeld sein neues soziales und religiöses Gemeinwesen bewahren. Die Rückkehr bedeutet ein Bewusstwerden der eigenen Verwandlung und der eigenen Identität. Wie der Anfang, so wird auch das Ende gemacht. Die Feier der Ankunft wird Abschluss und Höhepunkt der Veränderung, nachdem sie wirklich final vollzogen ist. Das Vergangene wird nun endgültig "Geschichte", die es immer wieder durch Erzählungen lebendig zu halten gilt.

Werkzeuge zur Überwindung der Ankopplungskrise:

  • Nachfolge bzw. Rollenänderung in der Alltagsorganisation regeln und das Erreichte weiter stabilisieren.
  • Ein Ende setzen und feiern.
  • Das Bewusstwerden der eigenen Verwandlung und Identität ermöglichen und die ganze Geschichte zur kulturellen Verankerung immer wieder aufs Neue erzählen.

 

 

[1] Frei nach dem Buch von Michael Loebbert und seinen weisen und wunderbaren Bezügen:Loebbert, Michael: The Art of Change – von der Kunst Veränderungen in Unternehmen und Organisationen zu führen, 2005. Die Geschichte kann zugleich als die gemeinsame Kulturgeschichte in Christentum, Judentum und Islam bezeichnet werden. Nehmen Sie doch gelegentlich die Bibel in die Hand und entdecken Sie selbst die Nuancen neu.

[2] John P. Kotter hat in seinen Untersuchungen festgestellt, dass das Ereignis eines schnellen ersten Erfolges entscheidend für erfolgreiche Veränderungsprojekte ist. Vgl. John P. Kotter (1996): Leading Change.

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Verantwortlich für Redaktion und Inhalt: Dr. Elke Eberts und Stefan Ruhl.