Achtsamkeit und Führung: Experiment mit Star-Geiger Joshua Bell

Achtsamkeit | Führung - Was Achtsamkeit im Führungsalltag für ein Fach wie die Herzchirurgie bedeutet und was wir von dem Experiment mit Joshua Bell lernen können.

Alltagsroutine erleichtern schnelle Entscheidungsfindung und geben einen sicheren Rahmen. Unser Gehirn reduziert die wahrgenommene Komplexität entsprechend unserer Erfahrung, Sozialisation und des Kontexts. Oft verlieren wir darüber die Achtsamkeit für den Moment und verschenken die Chance, uns von der Einzigartigkeit des Moments überraschen zu lassen. Wie in einem interessanten Experiment der Washington Post...*

An einem nasskalten Januar morgen stellte sich ein Straßenmusiker in eine U-Bahn-Station in Washington DC. Er spielte innerhalb von ca. 45 Minuten sechs Stücke von Bach. Während dieser Zeit herrschte starker morgendlicher Berufsverkehr. Es wurde errechnet, dass 1.097 Menschen in dieser Zeit am Musiker vorbeigingen. Die meisten von Ihnen auf den Weg zur Arbeit. Nach 3 Minuten realisierte der erste Passant - ein Mann mittleren Alters - den Musiker. Er verlangsamte seinen Schritt und blieb sogar kurz stehen, eilte jedoch sofort hektisch weiter um augenscheinlich seine Termine einzuhalten. Eine Minute später erhielt der Musiker den ersten Dollar. Eine Frau warf das Geld im Vorbeigehen, scheinbar beiläufig in die Sammelmütze vor ihm. Sie hielt jedoch nicht an. Erneut vergingen ein paar Minuten. Ein Mann blieb stehen, lehnte sich an die Wand, um dem Geigenspiel zu lauschen. Er unterbrach die Pause aber abrupt, als er auf die Uhr blickte. Er lief los – offensichtlich war er auf dem Weg zur Arbeit zu spät dran.

In den 45 Minuten, die der Musiker spielte, hielten insgesamt nur 7 Leute und blieben für eine Weile stehen. Etwa 27 gaben ihm Geld, die meisten von ihnen im Vorbeigehen. Er sammelte 32 Dollar. Als er mit dem Spielen fertig war und Stille wieder in Metro einkehrte, bemerkte dies niemand. Niemand applaudiert ihm.

Allerdings wusste auch niemand, dass es sich bei dem Musiker um den Star-Geiger Joshua Bell gehandelt hatte. Joshua Bell gilt als einer der talentiertesten Musiker der Welt. Gerade hatte er in der U-Bahn-Station mit Bachs Kompositionen eines der schwierigsten Stücke, das je geschrieben wurde gespielt – das alles auf einer Geige im Wert von 3,5 Millionen Dollar. Die Ironie, noch zwei Tage zuvor hatte Joshua Bell ein Konzert in Boston gegeben – Eintrittspreis durchschnittlich 100 Dollar pro Karte.

Dieses Experiment sagt uns viel über die Achtsamkeit für den Augenblick und darüber, wie hoch die Gefahr ist, in den eingefahrenen Alltagsbahnen, die Achtsamkeit zu verlieren. Hinzu kommt, dass wir aufgrund unserer Erfahrung, Sozialisierung und all der Dinge, die wir erleben, unsere Wahrnehmung einfärben. Unser Gehirn reduziert die Komplexität des von ihm Wahrgenommenen:

  • Aus einer Fülle von Wahrnehmbaren wählen wir nur einen minimalen Anteil aus,
  • aus einer Füller möglicher Erklärungen für diese Wahrnehmung nur einige wenige und
  • aus einer Fülle möglicher Bewertungen meistens nur eine einzige.

So werden viele Situationen, Begebenheiten und Erlebtes in Bruchteil von Sekunden als unwichtig oder nicht beachtenswert kategorisiert. Im Führungsalltag und der Jobroutine ist das nicht anders. Auch in diesem Kontext kann Achtsamkeit für den Augenblick die Wahrnehmung schärfen und so manche positive Überraschung zu Tage fördern. Erleben Sie den Moment - oder wie die Washington Post den Videoausschnitt so treffend titelt: „Stop and hear the musik“. Zum Videoausschnitt...

 
Prof. Dr. Jürgen Ennker zu "Achtsamkeit im Führungsalltag" bei den Herzchirurgen

Die chirurgischen Fächer sind gekennzeichnet durch die Tatsache, dass Erfolge, aber auch die überwiegende Zahl an Fehlern sofort sichtbar werden und Konsequenzen haben. In der Herzchirurgie fallen akute Blutungen oder Herzrhythmusstörungen in der Regel sofort auf und verlangen nach einer umgehenden Korrektur der Behandlung. Doch gibt es auch Verläufe, die sich nur langsam mit Prodromi ankündigen, dann aber einen verhängnisvollen Verlauf nehmen und zudem noch so selten sind, so dass sie nicht immer im Fokus stehen. Ein Mesenterialinfarkt z.B. kann ausgelöst werden durch eine kardiale Embolie, die zu einer Verlegung eines Mesenterialgefäßes mit entsprechendem nachfolgendem Gewebsuntergang führt. Dieser geht verzögert einher, wirkt sich über Tage aus und führt dann zu einem septischen Bild, das, wenn es nicht in der Frühphase erkannt und therapiert wird, zu einem letalen Ausgang führt.

"Achtsamkeit" heißt, auch seltene Ereignisse auf dem Radarschirm der klinischen Sensibilität zu erfassen, Risikokonstellationen zu identifizieren und zeitnah therapeutisch zu handeln.

„Im Führungsalltag“ heißt nichts anderes, als dass man seine Mitarbeiter auf derartige Abläufe vorbereitet, sie motiviert, sich einzubringen und auf diese Weise quasi als therapeutisches Team eine größere zeitliche Überwachungsspanne und ein umfangreicheres diagnostisches und therapeutisches Spektrum abzudecken, als der Einzelne es leisten kann. Es ist daher ein Erfolgskriterium in der Führung, Mitarbeiter durch Vorbild und positive Fehlerkultur für sich und gemeinsame Ziele zu gewinnen unter Berücksichtigung der Tatsache „ich kann es nicht alleine“.

Dies heißt auch, Negativa in der sozialen Interaktion am Arbeitsplatz zu beseitigen, so dass sich die Achtsamkeit der Mitarbeiter primär auf die übertragenden Aufgaben bezieht. D.h. im Krankenhaus in erster Linie die Patientenversorgung. Persönliche Erfahrung, operatives Spektrum sowie personelle Charakteristika wie Anpassungsfähigkeit, manuelle Fertigkeiten usw. skizzieren persönliche Kompetenzen, die durch Qualitäts- und Risikomanagement strukturell unterstützt wird. All dies muss jeden Tag zum Wohl der uns anvertrauten Patienten durch persönliche Aufmerksamkeit, „Achtsamkeit“ im klinischen Alltag umgesetzt werden. „Listen to the music!“.

 

* Vgl. www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2007/04/04/AR2007040401721.html

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